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Das gerettete Kind
Die "Universalisierung" der Anne Frank
Von Hanno Loewy
Anne Frank, ihr Name und ihr Schicksal, wurde in den fünfziger Jahren, also lange vor dem Wort Holocaust (oder
dem Wort Shoah), ja selbst noch vor dem Namen Auschwitz zum Synonym für das Verbrechen, dem sie zum Opfer
fiel: die nationalsozialistische Vernichtung der Juden und des Judentums. Die Bearbeitung für Bühne und
Film, vor allem die damit verbundenen Begleiterscheinungen, wurden zuweilen als amerikanische Trivialisierung belächelt,
ein Phänomen, das die gebildeten deutschen Rezipienten in eine freundlich gönnerhafte Haltung versetzen
konnte. Zugleich wurde auch in Deutschland gerade die Reduktion der Dimensionen des Grauens auf die persönliche,
familiäre Erfahrungswelt enthusiastisch begrüßt, mit denen die ermordete, aber nun wieder verlebendigte
Anne Frank ihre Leser zur Identifikation einlud. Diese ambivalente Haltung ist aus der deutschen Rezeption jüngerer
und jüngster Medienereignisse ja durchaus bekannt.
Die fulminante Verbreitung, das beinahe euphorische Verstehen
dieses Textes in Deutschland, hat mit diesem Umweg um den Globus möglicherweise
viel zu tun. Die Übersetzung der Erfahrungen der Anne Frank in
einen, sich als "universalistisch" verstehenden Deutungsrahmen
scheint geradezu der Schlüssel zu ihrer Wirkung in Deutschland
gewesen zu sein. Und daher lautet die erste These:
Die Amerikanisierung des Tagebuches von Anne Frank, von der Lawrence L. Langer in seinem Essay "The Americanization
of the Holocaust on Stage and Screen" [1] so treffend schreibt, war von einer anderen,
uns näheren Warte betrachtet, eher eine Eindeutschung mit anderen Mitteln. Amerikanisierung, das bedeutete
auch so etwas wie: Wunscherfüllung. In diesem Fall: die Erlaubnis zu einer Manipulation, für die man
selbst nicht die Verantwortung übernehmen mochte, und die aus dem vorgefundenen Material eben das zutage förderte,
was man selbst in ihm zu finden wünschte. Und dies, obwohl man dabei ein Unbehagen verspürt, als wüßte
man, etwas Ungehöriges zu begehen.
Broadway und Hollywood sind, polemisch gesprochen, also für die deutsche Rezeption des Tagebuches der Anne
Frank so etwas wie die NATO für die junge Bundesrepublik. Und dies ist wörtlicher zu nehmen, als es zunächst
scheint.
Eine kritische Diskussion des Tagebuches und seiner Editions- und Rezeptionsgeschichte hat es im wesentlichen hingegen
nur in den USA (oder besser: im englischsprachigen Diskurs) überhaupt gegeben, und "natürlich",
möchte man beinahe sagen, waren an dieser Debatte vor allem jüdische Autoren beteiligt. Stellvertretend
zu nennen wären hier Lawrence Langer [2], Alvin H. Rosenfeld [3],
Bruno Bettelheim [4], Hannah Arendt, Sander Gilman [5], James Young [6], George Steiner [7] und auf seine Weise Philip Roth, der Anne Frank in
seinem sarkastischen Roman The Ghostwriter [8] wieder auferstehen läßt, als junge
Geliebte eines alternden Literaten, die glaubt, Anne Frank zu sein und die Vernichtung überlebt zu haben,
und die, von dieser Vorstellung besessen, mit ansieht, wie sie zur Ikone des Holocaust stilisiert wird. Dabei realisiert
sie, daß sie als Lebende niemals so erfolgreich sein könnte wie als Tote.
Es ist nicht Anne Franks Tod selbst, schon gar nicht die
Umstände ihres Verhungerns in Bergen-Belsen, die den "Erfolg"
ihres Tagebuches ausmachen. Schon eher ist es der Umstand, daß
sie als real Verschwundene, gewaltsam Ausgelöschte ihrer fortwährenden
idealisierten Wiederauferstehung nicht im Wege stehen kann. So schrieb
die New York Post nach der Premiere des Theaterstückes The Diary
of Anne Frank von Frances Goodrich und Albert Hackett am 8. Oktober
1955, "(the play) brought about the reincarnation of Anne Frank
- as though she´d never been dead." [9]
Diese Sentenz erweist sich bei der Durchsicht vergleichbarer
Kritiken als mehr denn eine bloß konventionelle Huldigung an die
Aura der theatralischen Verlebendigung. Walter Kerr schrieb am 23. Oktober
1955 in der Herald Tribune: "Anne is not going to her death; she
is going to leave a dent on life, and let death take what´s left."
[10] Auch Garson Kanin, der die erste Inszenierung
des Stückes am Cort Theatre in New York verantwortete, schrieb
noch 1979: "Anne lives on. She remains for us ever a shining star,
a radiant presence who, during her time of terror and humiliation and
imprisonment, was able to find it within herself to write in her immortal
diary, 'in spite of everything I still believe that people are good
at heart.'" [11]
Am 2. Oktober 1955, wenige Tage vor der Premiere, hatte
er der Herald Tribune folgende Kernsätze zu Protokoll gegeben:
"Looking back, Anne Frank's death doesn´t seem to me a wasteful
death, because she left us a legacy that has meaning and value to us..."
[12]
Sie starb nicht umsonst, sondern für uns, sie hat uns eine Botschaft hinterlassen...
Die "Botschaft der Anne Frank" ist zu einem stehenden Topos geworden.
Anne Franks Tagebuch hat zudem eine weltweit operierende Institution möglich gemacht, die Anne Frank Stiftung
in Amsterdam, und den Anne-Frank-Fonds in Basel, der die Einnahmen aus mehr als fünfundfünfzig verschiedensprachigen
Ausgaben ihres Tagebuches verwaltet, mit einer Gesamtauflage, die es sich kaum noch zu schätzen lohnt, da
sie etwa so schnell wächst wie die Weltbevölkerung.
Die Botschaft Anne Franks, jedenfalls das, was dazu erklärt worden ist, ist längst mit der Schlußzeile
jenes Theaterstückes gleichgesetzt worden, auf dessen Geschichte ich noch einmal ausführlicher eingehen
werde: "Trotz allem glaube ich noch an das Gute im Menschen."
Anne Franks "Botschaft" umfaßte zugleich,
so wollte es jedenfalls Annes Vater Otto Frank, der als einziger der
Familie die Vernichtung überlebte, nicht weniger als "internationale
Zusammenarbeit, wechselseitiges Verständnis, Toleranz, die moderne
Erziehung, Jugendprobleme, moderne Kunst, die Rassenfrage und die Bekämpfung
des Analphabetismus". [13]
Das kleine Anne Frank Haus in Amsterdam wird heute von mehr als einer halben Million Menschen im Jahr besucht (also
ungefähr so häufig wie die Gedenkstätte in Auschwitz), Anne Frank sind in aller Welt Straßen,
Schulen und Plätze, Wettbewerbe, Literaturpreise und weltweit präsente Wanderausstellungen gewidmet,
die Stiftung gibt jedes Jahr in verschiedenen Sprachen eine bunt illustrierte Anne Frank Zeitung heraus, in der
Menschen davon erzählen, wie Anne Frank in Südafrika und Sarajevo, Australien oder Brooklyn Mut gegen
Rassismus und Nationalismus, Unterdrückung und Armut, Gewalt und Unwissenheit machen soll. Der Name "Anne
Frank" muß zugleich mit rechtlichen Mitteln laufend wie ein Warenzeichen vor Plagiaten und Mißbrauch
geschützt werden, z. B. wenn ein Textilienproduzent in China seine T-Shirts unter dem Namen "Anna Frank"
auf den Weltmarkt bringt.
Kleinlich danach zu fragen, wieviel diese Form der kollektiven
Erinnerung noch mit der realen Erfahrung Anne Franks und dem Wortlaut
ihres Tagebuches, ja selbst mit dem, was Anne Frank persönlich
beschäftigt hat, zu tun haben mag; es ist angesichts des quantitativ
meßbaren "Erfolgs" ihrer moralischen Vermarktung geradezu
unschicklich geworden.
Korrespondiert diese oberflächliche Universalisierung
jüdischen Leidens wirklich mit jenem Universalismus, mit dem Anne
Frank in ihrem Tagebuch tatsächlich gerungen hat, oder eher mit
ebenjenem Gewaltverhältnis, in dem jüdische Identität
von außen definiert und ein für allemal ausgelöscht
werden sollte? Was war die Botschaft der Anne Frank, worüber schrieb
sie in ihrem Tagebuch, worunter litt sie, worauf hoffte sie, woran glaubte
sie?
Nicht erst das Stück und der Film, auch das Tagebuch
selbst, das mehrere Generationen von Lesern verschlungen haben, war
ein filigran amputierter Torso.
Erst 1986 erschien in den Niederlanden, und 1988 erstmals in deutscher Übersetzung, das "vollständige"
Tagebuch von Anne Frank, und das heißt auch die verschiedenen Fassungen, die sie selbst von manchen Tagebucheinträgen
hinterlassen hatte. So hatte Anne Frank 1944 tatsächlich damit begonnen, ihr Tagebuch für eine mögliche
spätere Veröffentlichung zu bearbeiten. Doch nicht einmal die voluminöse textkritische Ausgabe [14], auf die mittlerweile auch eine neue, vervollständigte Taschenbuchausgabe zurückgeht,
ist gänzlich frei von Zensur. Einzelne Passagen sind selbst hier noch gestrichen worden, mit Verweis auf den
Wunsch der Familie Frank und das von Anne Frank "unrichtig" und "unfreundlich" vermittelte
Bild ihrer Eltern.
Otto Frank hatte, als er im Herbst 1945 von Auschwitz nach Amsterdam zurückkehrte, von Miep Gies [15]
das Tagebuch seiner Tochter überreicht bekommen, das sie nach der Verhaftung der Familie Frank im Hinterhaus
gefunden hatte. Die Lektüre muß für ihn unaussprechliche Qualen bedeutet haben, erinnerte sie ihn
doch nicht nur an den Verlust seiner beiden Töchter, seiner Frau, und aller anderen, die im Hinterhaus zwei
Jahre lang versteckt gelebt hatten. Anne Frank hatte ihrem Tagebuch, und vor allem darum geht es in ihm, ihren
täglichen Kampf mit ihrer Familie, ihren Kampf um Selbständigkeit und Selbstfindung anvertraut - die
Geschichte einer Adoleszenz, in der zunächst das Verhältnis zur Mutter sich bis zur Unerträglichkeit
verschlechtert und der Vater zum idealisierten Gegenpol des Verstehens und Sichverstandenfühlens wird. Doch
schließlich geht auch hier das Vertrauen verloren. Ein fast gleichaltriger Junge, oder sollen wir sagen:
ein junger Mann ist in die Beziehungswelt eingetreten. Mit ihm zusammen kann sich Anne von der "Welt der Erwachsenen"
distanzieren.
Die äußere Bedrohung und das Leben im Versteck,
die Unmöglichkeit selbstgewählter Beziehungen, die fortwährende
Angst, entdeckt zu werden, durch irgendein Fehlverhalten das eigene
Leben und das aller anderen zu gefährden, und schließlich
die unendlichen Stunden des Tages, in denen kein Laut ertönen darf,
in denen Zeit ist zum Schreiben, sie legen sich wie ein Brennglas über
die Erfahrungen und Gefühle des jungen Mädchens, das im Begriff
ist, eine Frau zu werden. Anne Frank hält sich zugleich selbst
den Spiegel vor, mit einer Mischung aus kindlichem Narzißmus und
schonungsloser Selbstreflektiertheit, die ihr Tagebuch zu Recht heraushebt
aus allen bekannten vergleichbaren Texten.
Ihr Thema ist nicht der Holocaust, sondern ihr Kampf um
ihr Selbst im Angesicht einer Welt, in der die Erwachsenen die Moral,
die sie predigen, fortwährend verraten - draußen, aber auch
im Hinterhaus. Es ist das Drama eines begabten Kindes, das seine jungen
Ideale von eben jenen verraten sieht, die ihr gegenüber die Welt
der Moral, der Werte und Regeln repräsentieren.
Otto Frank entschied sich, trotz oder gerade wegen seiner zu vermutenden
Schuldgefühle gegenüber seiner Tochter, die er eben nicht
hat retten können und deren Seelenlandschaft sich ihm nun auftut
- er entschied sich nach überraschend kurzer Zeit dafür, Anne
Franks Tagebuch zu veröffentlichen, sozusagen die Flucht nach vorne
anzutreten. Eintragungen Annes, die sich mit ihren literarischen Ambitionen,
ihren Hoffnungen auf die Zeit nach dem Krieg, ja auf ein Fortwirken
ihrer schriftstellerischen Arbeit nach ihrem Tode beschäftigen,
mögen ihm dabei wie eine Verpflichtung erschienen sein.
Otto Frank nahm signifikante Kürzungen vor. 1947
erschien das Tagebuch zuerst auf niederländisch, der Sprache, in
der Anne Frank es geschrieben hatte. 1950 erschien es in französischer
Sprache und in der deutschen Übersetzung von Anneliese Schütz
im Verlag Lambert Schneider. Die Auflage, insgesamt 4500 Exemplare,
war bescheiden, aber nicht kläglich.
Otto Franks Retuschen am Tagebuch seiner Tochter bezogen sich augenscheinlich
vor allem auf zwei Themen. Otto Frank wollte das Gedächtnis seiner
Frau und Annes Mutter Edith nicht beflecken. Von Annes Kampf mit Edith
Frank blieb nur ein matter Widerschein übrig. Andere gestrichene
Passagen oder umformulierte Stellen bezogen sich auf Annes freizügigen
Umgang mit der eigenen körperlichen und sexuellen Entwicklung.
Otto Frank mußte zu Recht fürchten, daß manche Äußerungen
Annes das Buch in aller Unschuld auf den Index befördert hätten.
Andere Korrekturen erschließen sich jedoch erst bei mikroskopischer
Betrachtung. Hier interessieren uns nun besonders die Änderungen
in der deutschen Ausgabe, von denen wir freilich nicht sagen können,
inwieweit sie letztlich von Otto Frank selbst oder der Übersetzerin
veranlaßt worden sind. Alvin H. Rosenfeld hat in seiner Analyse
eine Reihe von kleineren Änderungen miteinander korreliert, die
sämtlich mit der Verwendung des Wortes "deutsch" zusammenhängen.
Dabei verschwinden zahlreiche Verweise auf die kollektive Zugehörigkeit
der Täter. So wurde an einer Stelle aus den "Deutschen"
[16] "die besetzende Macht" (Eintrag vom
18.5.1943), oder gar "die Unterdrückung" (Eintrag vom
28.1.1944). An anderer Stelle wird aus: "gibt es keine größere
Feindschaft auf dieser Welt als zwischen Deutschen und Juden" die
Feindschaft "zwischen diesen Deutschen und den Juden." (Eintrag
vom 9.10.1942) Das hinzugefügte Wort wird auch noch kursiviert,
also mit Betonung versehen.
Aus Anne Franks Bemerkung in ihrem "Leitfaden für
das Hinterhaus": "Erlaubt sind alle Kultursprachen, also kein
Deutsch", wird der Satz: "Alle Kultursprachen, aber leise!!!"
Interessanterweise werden aber auch die Hinweise darauf getilgt, daß
Anne Frank selbst aus Deutschland stammt und die Franks mit deutscher
Kultur stark verbunden sind. So wird jene schon zitierte Passage, die
im Hinweis auf die Feindschaft endet, noch in einer anderen signifikanten
Hinsicht manipuliert. Spricht Anne Frank tatsächlich davon, daß
sie, von Hitler staatenlos gemacht, zu diesem Volk, den Deutschen, "eigentlich
auch noch dazu" gehört, so heißt es in der Übersetzung:
"Und dazu gehörte ich auch einmal." So verschwindet auch
der Hinweis darauf, daß ihre Mutter ihr "Gebete in Deutsch"
zum Lesen in die Hand drückt (29.10.1942), oder daß ihr Vater
ihr ein Gedicht in deutscher Sprache geschrieben hat (13.6.1943). Offenbar
schien es angeraten, das sehr reale Konfliktverhältnis und seine
Spiegelung im Tagebuch, den ernüchterten Bezug auf den betrogenen
Glauben an eine "gemeinsame Geschichte", zu entkonkretisieren,
ins Abstrakte aufzulösen. Damit eine Identifikation deutscher Leser
mit Anne Frank möglich sein konnte, mußten auch die Hinweise
auf ihre reale Nähe zu den Deutschen minimiert werden. Schließlich
werden auch die Hinweise auf die Vernichtung, die in Anne Franks Tagebuch
schon 1942 einsetzen und sich immer wiederholen, entkonkretisiert. So
wird (ebenfalls im Eintrag vom 9.10.1942) aus "Polen" die
"Ferne, wohin sie verschickt werden", und der Satz: "Wir
nehmen an, daß die meisten Menschen ermordet werden", fällt
ganz unter den Tisch, während paradoxerweise die Erwähnung
von Gaskammern stehen bleibt.
Das Tagebuch von Anne Frank wird 1955 schließlich
als Fischer Taschenbuch herausgebracht. Doch auch dies hat zunächst
nur einen moderaten Erfolg. Ein Jahr später kommt Das Tagebuch
der Anne Frank auf die Bühne, und damit kommt der Durchbruch zum
Bestseller. Es ist eine Übersetzung der schon erwähnten amerikanischen
Bühnenfassung ins Deutsche, die am 1. Oktober 1956 zugleich an
sieben deutschen Bühnen, in Hamburg, West-Berlin, Aachen, Düsseldorf,
Konstanz, Karlsruhe und in Dresden aufgeführt wird. Ein theaterpolitisches
Großereignis, und dies nicht nur wegen der gleichzeitigen Aufführung
in der DDR. Diese wird eher heruntergespielt, aus Gründen, die
uns noch beschäftigen werden.
Waren Otto Frank und die Übersetzerin der deutschen
Ausgabe, Anneliese Schütz, noch einigermaßen behutsam vorgegangen,
so hatte das Theaterstück (und später der Film) den Charakter
des Tagebuches in vielerlei Hinsicht in sein Gegenteil verkehrt. Vorausgegangen
war der Dramatisierung ein letztlich tragischer Konflikt um die Rechte
an diesem Stoff, der noch bis in die sechziger Jahre, ja bis zum Tode
seiner Protagonisten reichen sollte. Ein Streit, in dem es neben persönlichen
Verletzungen und Eitelkeiten vor allem um den Kern der Sache ging.
1950 hatte Meyer Levin, ein damals bekannter amerikanisch-jüdischer
Schriftsteller, von seiner Frau Tereska Torres die französische
Übersetzung des Tagebuches in die Hand gedrückt bekommen.
Meyer Levin hatte 1944-45 als war-correspondent für amerikanische
und jüdische Agenturen und Zeitungen über die letzten Monate
des Zweiten Weltkrieges berichtet, über die Ardennenschlacht und
die Befreiung, das Schicksal der Überlebenden und über die
Deutschen, denen er begegnete. Er hatte sich mit dem Verhältnis
zwischen den jüdischen und nichtjüdischen, den schwarzen und
weißen Soldaten der amerikanischen Armee beschäftigt und
sich mit seiner eigenen jüdisch-amerikanischen Identität herumgequält.
Die Konfrontation mit den Toten der Lager brachte eine Wende in seinem
Leben. Ihnen seine Stimme zu verleihen, sollte so etwas wie seine Obsession
werden.
Meyer Levin hatte 1949 in seiner Autobiographie geschrieben:
"I realized I would never be able to write the story of the Jews
of Europe. This tragic epic cannot be written by a stranger to the experience,
for the survivors have an augmented view, we cannot attain. Some day
a teller would arise from amongst themselves." [17]
Die Stimme Anne Franks erschien ihm nun erst recht die Inkarnation der
Opfer zu sein, "the voice reached me from the pit". [18]
Noch im September 1950 schrieb Meyer Levin an den französischen
Verlag, bekam Kontakt zu Otto Frank, und es gelang ihm, Otto Frank für
eine Bühnenfassung des Tagebuches zu interessieren. Otto Frank
verhandelte zu diesem Zeitpunkt, noch ohne Erfolg, mit Verlagen in England
und den USA über eine englische Übersetzung. Meyer Levin bot
an, ihn auch dabei zu unterstützen. Meyer Levins enthusiastische
Kritik in The New York Times Book Review sollte im Juni 1952 erheblich
zum überwältigenden Erfolg der amerikanischen Ausgabe beitragen,
deren erste Auflage schon am Erscheinungstag ausverkauft war. Innerhalb
weniger Wochen waren drei Auflagen mit 45 000 Exemplaren verkauft.
Levin versuchte nicht nur, quasi als Franks Agent, einen
Produzenten für eine mögliche Bühnenadaption zu finden,
er brachte auch nachdrücklich sich selbst als Autor dafür
ins Spiel, ein Rollenkonflikt, der sich bald als fatal erweisen sollte.
Otto Franks Vertrauen in den als Bühnenautor noch kaum in Erscheinung
getretenen Romancier und Journalisten erwies sich als begrenzt. Die
Geschichte der wachsenden Spannung zwischen Meyer Levin und Otto Frank,
die von einer freundschaftlichen Beziehung schließlich zu Haß,
Gerichtsverhandlungen, Pressekampagnen und einer lebenslangen Feindschaft
führte, kann hier nicht erzählt werden. Lawrence Graver hat
dies in seinem Buch An Obsession with Anne Frank. Meyer Levin and the
Diary [19] ausführlich getan.
In der zweiten Jahreshälfte 1952 erreichten die Verhandlungen zwischen
Otto Frank, Meyer Levin, verschiedenen Produzenten am Broadway, Verlagen,
Agenten und Rechtsanwälten ihren Höhepunkt. Meyer Levin hatte
die Chance bekommen, einen Entwurf für ein Theaterstück zu
schreiben. Doch den meisten Beteiligten scheint es mit dieser "Chance"
nicht besonders ernst gewesen zu sein. Sein Entwurf stieß nicht
nur auf wenig Gegenliebe, zwischen manchen Beteiligten zirkulierten
von Beginn Vorbehalte gegen ihn. Ihm wurde schließlich erlaubt,
mit einer vorher festgelegten Liste nach einem Produzenten zu suchen.
Doch die Produzenten, die bereit waren, sich seines Entwurfs anzunehmen,
durften nicht auf die Liste. Welche Rolle dabei kommerzielle Aspekte,
Fragen der "Spielbarkeit" von Levins Dramatisierung, schließlich
vor allem aber der inhaltliche Dissens um die Frage von Annes jüdischer
Herkunft und Identität spielten, ist nur mit Vorsicht zu bewerten.
[20]
Meyer Levin, der seinen Kampf um das Recht an einer Bearbeitung
des Stoffes nicht aufgeben wollte, suchte nach immer neuen Wegen, seine
Bühnenfassung auf die Theater zu bringen. Er zeichnete Verträge
und Vergleiche, die er nicht einhielt, verstrickte sich schließlich
in Verschwörungstheorien, die ihn als Opfer gezielter antijüdischer
Intrigen sahen, wo doch gemeinsame Interessen und ideologische Deutungen
ausreichten, um Meyer Levin als Störenfried zu empfinden und auszugrenzen.
Bis zu seinem Tod 1981 in Israel, ein Jahr, nachdem Otto Frank gestorben
war, konnte Meyer Levin sich daraus nicht mehr lösen.
Der Streit um die Interpretation von Annes Tagebuch kreist
hingegen bis heute um diesen Konflikt. Noch in einer Publikation aus
dem Jahre 1995 schrieb Vincent C. Frank-Steiner, der damalige, mit Otto
Frank nicht verwandte, Präsident des Anne-Frank-Fonds in Basel:
"Die Frage nach der Bedeutung des Judentums für Anne Frank
wurde bisher nicht beantwortet" [21] - um an
gleicher Stelle herablassend über Meyer Levin zu urteilen: "Darin
liegt die wahre Ursache für den Streit mit Meyer Levin. Dieser
Autor sah in Anne Frank ein religiöses, zionistisches jüdisches
Mädchen. Diese enge Sicht ist sicherlich falsch. Levins Stück
wurde vom Publikum nie akzeptiert und kaum je aufgeführt - meines
Erachtens aus gutem Grund. Meyer Levin konnte dies nie verwinden und
zerbrach an dieser Problematik." Die Infamie, die in diesen Sätzen
steckt, macht zwar nicht Meyer Levins Verschwörungstheorien plausibel,
wohl aber seine verzweifelte Wut.
Nicht aufgeführt, jedenfalls nie von einem professionellen
Theater, wurde Meyer Levins Stück Anne Frank nämlich nur aus
einem Grund: weil es nicht aufgeführt werden durfte, weil Otto
Frank und in seiner Nachfolge eben jener Anne-Frank-Fonds in Basel jede
Aufführung des Stückes untersagt hatten. Genau dies war ja
der Kern des Rechtsstreites mit Meyer Levin gewesen. Dort, wo ein Publikum
tatsächlich die Chance bekam, das Stück zu sehen, nämlich
im Rahmen einer mehr oder weniger illegalen Aufführung durch das
Israel Soldiers Theatre (also einer Amateurbühne) in Tel Aviv 1965,
reagierte das Publikum begeistert, aber dies ist sicherlich keine repräsentative
Aussage über den literarischen Wert von Levins Dramatisierung.
Zionistisch engagiert war Meyer Levin tatsächlich,
aber nicht die Anne Frank, die er auf die Bühne stellen wollte.
Von einem jüdischen Staat ist in seiner Dramatisierung nicht die
Rede. Palästina wird erwähnt, und zwar in eben jenem Kontext,
in dem auch Anne Frank es in ihrem Tagebuch tut, im Bezug nämlich
auf die Pläne von Annes Schwester Margot, nach dem Kriege in Palästina
Krankenschwester werden zu wollen. Mit ihrer Religion und der Frage
nach jüdischer Identität setzt sich Meyer Levins Anne Frank
freilich betont engagiert auseinander. Meyer Levin gelang es, eine ganze
Reihe von Tagebucheinträgen Anne Franks in lebendige Konversationen
zwischen den Eingeschlossenen im Versteck aufzulösen - Tagebucheinträge,
in denen Anne Frank nach ihrem ganz persönlichen Glauben sucht,
sich gegen das mechanische Rezitieren der Gebete wehrt, die ihre Mutter
ihr abverlangt, in denen sie auf einem Individualismus ihrer religiösen
Gefühle beharrt. Meyer Levin war weit davon entfernt, Anne Frank
einen jüdischen Traditionalismus anzudichten. Wohl aber stilisierte
er einen Chanukka-Abend, der den 2. Akt füllt - und der im übrigen
auch in Goodrich/Hacketts Stück zentral plaziert wird - in epischer
Breite zu einem Drama der Identitätsfindung. Am Ende rücken
die Bewohner des Hinterhauses, das von Streit und Konflikten erfüllt
ist, bei einem Chanukka-Lied emotional bewegt zusammen. Für diese
Szene gibt es im Tagebuch keine Vorlage. Chanukka erscheint in Anne
Franks Schilderungen eher als routinierte, emotional wenig bedeutsame
Angelegenheit. "Für Chanukka haben wir nicht viele Umstände
gemacht, ein paar hübsche Sächelchen hin und her und dann
die Kerzen." Die nicht-jüdischen Freunde, die sie im Hinterhaus
versorgen, bringen sie freilich auch dazu, Nikolaus zu feiern, und Anne
schreibt: "Der Nikolausabend am Samstag war viel schöner.
Bep und Miep hatten uns sehr neugierig gemacht..." (beide Zitate
7.12.1942). [22]
Meyer Levin wollte aber auch jenen Tagebucheintrag auf
die Bühne bringen, dessen Schicksal als symptomatisch für
die weitere Adaptionsgeschichte des Tagebuches gelten muß.
Am 11.4.1944 hatte Anne Frank in ihr Tagebuch geschrieben:
"Wir sind sehr stark daran erinnert worden, daß wir gefesselte
Juden sind, gefesselt an einen Fleck, ohne Rechte, aber mit Tausenden
von Pflichten. (...) Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch vorbeigehen,
einmal werden wir doch wieder Menschen und nicht nur Juden sein! / Wer
hat uns das auferlegt? Wer hat uns Juden zu einer Ausnahme unter allen
Völkern gemacht? Wer hat uns bis jetzt leiden lassen? Es ist Gott,
der uns so gemacht hat, aber es wird auch Gott sein, der uns aufrichtet.
Wenn wir all dieses Leid ertragen und noch immer Juden übrig bleiben,
werden sie einmal von Verdammten zu Vorbildern werden. Wer weiß,
vielleicht wird es noch unser Glaube sein, der die Welt und damit alle
Völker das Gute lehrt, und dafür, dafür allein müssen
wir leiden. Wir können niemals nur Niederländer oder nur Engländer
oder was auch immer werden, wir müssen daneben immer Juden bleiben.
Aber wir wollen es auch bleiben. (...) Gott hat unser Volk nie im Stich
gelassen, durch alle Jahrhunderte hindurch mußten Juden leiden.
Aber durch alle Jahrhunderte hindurch sind sie auch stark geworden."
Aus dieser von Levin zitierten Passage [23] war
1955 auf der Bühne am Broadway schließlich der folgende Satz
geworden: "We're not the only people that've had to suffer. There've
always been people that've had to... Sometimes one race... sometime
another..." [24]
1953 hatten Otto Frank und sein Produzent Kermit Bloomgarden
die Autoren für die Adaption gefunden. Frances Goodrich und Albert
Hackett, zwei Drehbuchschreiber aus Hollywood, die nicht durch eigene
Theaterstücke, sondern durch, insbesondere an der Box-Office, erfolgreiche
Drehbücher bekannt waren, für Musicals und Komödien wie
It´s a Wonderful Life oder Easter Parade.
Als es im Oktober 1955, nachdem ihr Stück mindestens achtmal überarbeitet
worden war, am Cort Theatre in New York zur Uraufführung kam, war
das daraus geworden, was Otto Frank sich tatsächlich erhofft hatte:
ein Welterfolg. Und es ist anzunehmen, daß der optimistische Grundton
des Stückes seine Zustimmung gefunden hat, ein Grundton, der Anne
Franks Liebesgeschichte ins Zentrum rückt, ihre zarte Beziehung
zu Peter, dem Sohn der zweiten im Hinterhaus versteckten Familie. Eine
Beziehung, die in Wirklichkeit viele traurige, desolate Seiten aufweist,
die Meyer Levin in seiner Version noch versucht hatte, in ihrer Widersprüchlichkeit
nachzuempfinden. Während in seinem Stück, und im Tagebuch
selbst, sich Anne am Ende von Peter zurückzuziehen beginnt, unter
dessen Charakterschwäche, auch unter dessen unsicherer Identität
sie leidet, stehen die beiden am Ende des Stückes von Goodrich
und Hackett gemeinsam, Arm in Arm, am Fenster und schauen in den Himmel.
Dann folgt die letzte Szene im Hinterhaus, ihre Verhaftung.
Das allerletzte Wort hat Otto Frank selbst, und es führt
zurück zu den Motiven, die ihn angetrieben haben, sich dem Tagebuch
seiner Tochter zu verschreiben. Die Rahmenhandlung des Stückes,
Franks Rückkehr nach Amsterdam im Herbst 1945, wo er das Tagebuch
ausgehändigt bekommt, setzt den Schluß: Otto Frank, 1945
im Hinterhaus das Tagebuch lesend, beendet seine Lektüre. Er erzählt
Miep Gies und Kraler von Annes Weg in die Lager. Wie es ihr dort erging,
erfahren wir nicht, aber: "so seltsam es klingen mag, daß
ein Mensch im Konzentrationslager glücklich sein konnte - in dem
Lager in Holland, in das wir zuerst gebracht wurden, war Anne glücklich.
Nach zwei Jahren des Eingesperrtseins in diesen engen Räumen konnte
sie wieder draußen sein, draußen in der Sonne und an der
frischen Luft, die sie so sehr entbehrt hatte." [25]
Er blättert im Tagebuch und er findet jene Stelle,
die zur Summe des Stückes werden soll. Annes Stimme ertönt,
und wiederholt jenen schon kurz zuvor ausgesprochenen Satz: "In
spite of everything, I still believe that people are really good at
heart." [26] ("Trotz allem glaube ich
noch an das Gute im Menschen.") Doch es folgt noch ein letzter
Satz Otto Franks: "Wie sie mich beschämt", ein Satz,
in dem möglicherweise mehr mitschwingt, als die Autoren es ahnten.
Die Hinweise, die Anne selbst in ihrem Tagebuch auf das
gibt, was sie erwartet, ihr Wissen um Gaskammern, Massenmord und Lager,
auch über die Zustände in Westerbork, ihre Schuldgefühle
gegenüber den Freundinnen, von deren Deportation sie erfährt,
all das, was auch die gekürzte Fassung des Tagebuches durchaus
noch an Schrecken bereithielt, war aus dem Szenario des Stückes
fast vollständig verbannt.
Ein Jahr später, im Oktober 1956, kam das Stück auch auf die deutsche Bühne, und die Auflage des
Tagebuches schnellte in die Höhe. Die Wahrnehmung dessen, was in diesem Tagebuch zu lesen sei, war nun durch
die Brille des Stückes eingefärbt. 1958-1959 folgte in den USA die Verfilmung THE
DIARY OF ANNE FRANK durch George Stevens, 1959 wurde daraus auch in Deutschland ein großer Kinoerfolg.
Kanonisch wurde nun Anne Franks Satz, sie glaube trotz allem an das Gute im Menschen. Im Tagebuch selbst, und es
sei noch einmal wiederholt: auch in Levins Stück, folgt auf diesen Satz freilich eine höchst ambivalente
Passage:
"Es ist mir nun mal unmöglich, alles auf der Basis von Tod, Elend und Verwirrung aufzubauen. Ich sehe,
wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer
lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum
Himmel schaue, denke ich, daß sich alles zum Guten wenden wird, daß auch diese Härte aufhören
wird, daß wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden." (15.7.1944)
An anderer Stelle hat sie diesen Wechsel vom Dunkel zum Licht noch fatalistischer formuliert: "Ich glaube
nicht, daß der Krieg nur von den Großen, von den Regierenden und Kapitalisten gemacht wird. Nein, der
kleine Mann ist ebenso dafür. (...) Im Menschen ist nun mal der Drang zur Vernichtung, ein Drang zum Totschlagen,
zum Morden und Wüten, und solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme, keine Metamorphose durchläuft,
wird Krieg wüten, wird alles, was gebaut, gepflegt und gewachsen ist, wieder abgeschnitten und vernichtet,
und dann fängt es wieder von vorn an." (3.5.1944)
Von all diesen Widersprüchen darf die Botschaft der Anne Frank nicht getrübt sein. Über die Theater-
und Filmpremieren schreiben die Zeitungen unter Überschriften wie diesen:
"Zeugnis des Guten im Menschen", "Menschenliebe aus einer Fülle von Hass", "Zeugnis
reinen Herzens aus der Zeit des Grauens", "Gedenkstunde der Menschenangst".
Und immer wieder wird betont, wie eng sich Goodrich/Hackett an den originalen Wortlaut des Tagebuches gehalten
hätten, ein offenbar gut kultiviertes Gerücht. "Fast immer", so die FAZ am 3. Oktober 1956,
"kommt der originale Text zur Sprache."
Die Theateraufführungen im Oktober 1956 und später nahmen den Charakter von Gedenkveranstaltungen an,
auf die Aufführungen folgte minutenlanges Schweigen. Mancherorts wurde schon im Programmheft zum Unterlassen
von Beifall aufgefordert, das Stück also aus jedem möglichen Diskurs von Zustimmung oder Ablehnung herausgehoben.
Die Zuschauer reagierten erwartungsgemäß tief emotionalisiert, darauf befragt, worin ihre Erschütterung
bestand, freilich mit höchst widersprüchlichen Antworten, die vom Bekenntnis zu Schuldgefühlen bis
zur Behauptung reichte, sich und das eigene Schicksal, also die deutschen Opfer in Bombennächten und Vertreibung,
im Stück wiedererkannt zu haben.
Auch die veröffentlichten Reaktionen in Deutschland kreisten um wenige Kernmotive, die man wie folgt pointieren
könnte:
"In der leidenden Jüdin erkennt sich der leidende
Mensch schlechthin."
"Anne Frank war voll von Liebe. Das Gute siegt über den Haß."
"Endlich ein Stück ohne Rachegedanken."
"Anne Franks ungebrochener Glaube an das Gute rettet uns."
"Wir sind gemeinsam schuldig geworden. Die Erinnerung daran stiftet die geistige Wiedervereinigung Deutschlands."
"Wir litten ähnlich und heute leiden die Menschen auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs genauso."
Sätze, deren Spektrum also von einem abstrakt-humanistischen
Bekenntnis bis zu aggressiven Parolen des Kalten Krieges reicht, die
aber deswegen noch lange nicht in Widerspruch zueinander stehen müssen.
In seinem Vorwort zur Taschenbuchausgabe hatte Albrecht Goes schon 1955 den Grundton der weiteren Rezeption angeschlagen.
Angekündigt wird ein Dokument "erwachenden Menschentums" [27]. Von wem, fragt
er rhetorisch, seien Anne Frank ihre "Auseinandersetzungen" auferlegt worden: "Von der Zeit? Von
dem besonderen Los? Auferlegt vom innersten Wesen des eigenen Lebens", antwortet er, um mit den Worten zu
schließen: "Es ist notwendig, in der Welt von 1955, die nicht aufhört, eine Welt der Konzentrationslager
und der Verfolgungen zu sein." [28]
1959, nach der Filmpremiere, wird der Ton auch in dieser Hinsicht schärfer: So ist in der Basler National-Zeitung
zu lesen: "Der Rest ist im Zuschauersaal, tiefe Stille, Besinnung darauf, daß Anne Frank, fünfzehn
Jahre nach Kriegsende, Schicksalsgenossen hat. Der Terror ist derselbe geblieben. Nur die Farbe hat sich geändert
und die Menschen im heutigen 'Hinterhaus' schützt weder Rasse noch Religion." [29]
Der Film wird als die "von Haß- und Rachegedanken
freieste Anklageschrift aus der Zeit des Hitlerterrors" angepriesen.
"Die Quintessenz sind Otto Franks, des Vaters Worte, daß
ihn die tote Anne Frank beschämte, weil sie in den schwärzesten
Stunden der Angst nicht nach Rache zu dürsten vermochte."
Und George Stevens wird gedankt dafür, daß "er uns keine
brüllende SS, keine Stiefel, keinen Stechschritt auf(tischt)",
sondern eine "pastosere" Widerspiegelung des Grauens. Selbst
die beiden im Film zu sehenden Feldgendarmen seien "nur Ausführende
eines bestialischen Willens, des Teufels, der ganz oben saß; und
dessen Stimme wir aus dem kleinen Radiohörer (...) wiederholt hören."
Scheinbar ganz anders argumentiert da 1956 Gert Kalow in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, indem er das gemeinsame
Schuldbekenntnis als geistige Wiedervereinigung interpretiert:
"Kaum ein west- oder ostdeutsches Theater, das dieses Memento nicht ankündigte oder schon im Programm
führte: ein Element Wiedervereinigung, geistige Wiedervereinigung, gestiftet von einem dreizehnjährigen
jüdischen Mädchen, das von uns (sagen wir nicht: 'von den bösen Nazis', als dürften wir die
Last auf eine nun schon historische Instanz abschieben, sagen wir: 'von uns') im KZ Belsen ermordet wurde. Niemand,
auch der alte Kämpfer des Antifaschismus nicht, auch, so hoffen wir, so glauben wir, der einstige Nationalsozialist
nicht, schaut in diesen Spiegel hasslos ertragenen, abgründigen Leides ohne Erschütterung. Niemand, und
mag er's uns ins Gesicht bestreiten, verläßt die Aufführung unverwandelt." [30]
Wenige Jahre später, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, wäre eine solche Sentenz vielleicht nicht
mehr möglich gewesen.
Die hier erstrebte Katharsis und ihr nationaler Subtext verweisen gleichwohl auf den Wunsch nach einer gelingenden
Selbstreinigung des "Deutschen Wesens", die die verschüttete Substanz einer deutschen Kulturnation
freilegen soll. Und an diesem Projekt wird weiter festgehalten. [31]
Eine Synthese dieser widersprüchlichen Elemente gelingt
1962 scheinbar mühelos Werner Hess, dem damaligen Intendanten des
Hessischen Rundfunks, in einer Ansprache im Rahmen der damals jährlich
stattfindenden Anne-Frank-Gedenkfeiern in der Aula der Frankfurter Universität.
Die Theateraufführungen hatten eine Welle von neuen Gedenkformen nach sich gezogen, so zum Beispiel Pilgerfahrten
von Tausenden von Hamburger Schülern nach Bergen-Belsen, die von der Gesellschaft für christlich-jüdische
Zusammenarbeit organisiert wurden. In Frankfurt wurde seit 1957 der Geburtstag Anne Franks als Gedenktag begangen,
ein Ritual, über das später noch zu sprechen sein wird.
Am 24. Juni 1962, also dem ersten Geburtstag Anne Franks
nach dem Mauerbau, schlägt Werner Hess den Bogen vom Schuldbekenntnis
zum Kalten Krieg, vor allem aber zu einem neuen historischen Kulturauftrag
der Deutschen.
Zunächst konstatiert er, daß die Jugend von der Vergangenheit nichts wissen, das Erbe der Väter
nicht antreten wolle. Er konstatiert, unter anderem mit dem Verweis auf den Eichmann-Prozeß vor einem "israelitischen
(sic) Gericht", daß es nicht möglich sei, "sich an jenem hemmenden Felsblock der Irrung und
der Schuld vorbeizudrücken und seinen Privatweg in das Untergeholz und Gestrüpp der Zeit zu suchen. Nein,
es wird uns nichts anderes übrig bleiben, wenn wir leben wollen - oder besser gesagt wenn wir als Volk leben
wollen, dann müssen wir mit unserer Hände Kraft und ganz bewußt diesen Felsen aus dem Weg rollen
und versuchen, unsere Zukunft zu bewältigen." Und dann wird er deutlicher:
"Das ist das Erschrecken, das ausgeht von diesem Mädchen Anne Frank und seinem Schicksal. Denn es ist
eben nicht Vergangenheit, sondern an anderem Ort, unter anderem Vorzeichen dauert es an und wächst, jenes
nihilistische Geringschätzen alles Menschlichen, aller Bindungen, aller Gottähnlichkeit, die den Menschengeschöpfen
eignet, namens irgendeiner Ideologie (...) Sind wir wirklich darüber hinaus, daß wir heute in dieser
Feierstunde sagen könnten, dies gehört ein für alle mal der Vergangenheit an? Die Zeit der KZ und
der willkürlichen zynischen Massenvernichtung, die Zeit der Bombennächte, der Trecks und des Untergangs,
die Zeit in der die vier Besatzungszonen damals 12,5 Millionen sogenannter Flüchtlinge und Ausgewiesene aufzunehmen
hatten. Was hat sich geändert seitdem. Bis zum 13. August 1961 haben 2,6 Millionen Menschen aus der Sowjetzone
im Westen die Notaufnahme beantragt, und seit die Mauer gebaut ist, knattern die Schüsse der uniformierten
Jäger auf das Freiwild Mensch, das das einzige Verbrechen begeht, von seinem deutschen Vaterland in sein deutsches
Vaterland hinüberwechseln zu wollen. (...) Und wieder hängen in Deutschland Tote in den Stacheldrähten,
Unschuldige, Unbekannte, Menschen wie du und ich oder wie Anne Frank."
Seine Rede greift aus bis nach Tibet und Laos und endet mit einem selbstbewußten Fazit: "Wir haben eine
Botschaft an diese grandiose Zukunft, die sich da draußen ankündigt, und an unsere Jugend, die stolz
sein soll, diese Botschaft gerade aus Deutschland weiterzutragen in eine neu sich formende Welt. (...) hier öffnen
sich metaphysische Zusammenhänge, von denen gerade wir Deutschen etwas sagen können." [32]
Die immer nur metaphorisch benannte DDR war unterdessen
selbst nicht untätig geblieben, um ihre eigene Version der Anne
Frank dem Westen entgegenzusetzen. Erwähnt werden soll an dieser
Stelle vor allem der Film EIN
TAGEBUCH FÜR ANNE FRANK, den die DEFA-Dokumentarfilmabteilung
1958 herausbrachte.
EIN TAGEBUCH FÜR ANNE FRANK beginnt mit der Begeisterung eines
jungen Mädchens, das am Deutschen Theater in Berlin (Hauptstadt der DDR) für die Rolle der Anne Frank
ausgesucht wurde. Eine väterliche Stimme aus dem Off freut sich mit ihr und für sie, lenkt dann aber
die Aufmerksamkeit auf Annes Schicksal nach dem Tagebuch, also ihre Verhaftung, Deportation und Ermordung. Damit
freilich bleibt der Film nicht stehen, der im Zusammenhang einer Reihe von DEFA-Dokumentarfilmproduktionen gesehen
werden muß, die sich Ende der fünfziger Jahre nach zehnjähriger Abstinenz gegenüber der Thematisierung
des Holocaust wieder verstärkt dieses Teils der Geschichte annahm, freilich mit einer nun präzise gegen
Westen gerichteten Spitze.
Auch EIN TAGEBUCH FÜR ANNE FRANK (ein Titel, den die Dramaturgie
des Films an keiner Stelle einlöst, denn nicht um irgendein persönliches Verhältnis zu Anne Frank
geht es hier) konzentriert sich vor allem darauf, einzelne Täter, die schuld an Anne Franks Tod sind, dingfest
zu machen und ihre Nachkriegskarrieren in der BRD zu entlarven. Insbesondere die IG Farben spielen natürlich
eine Hauptrolle. Dabei ist der Film zuweilen erfrischend deutlich, wenn die betreffenden Herren in fetter Wohllebigkeit
am Starnberger See oder beim Verlassen ihrer Garage mit dem Auto aufgespürt und ihre Adressen bekannt gegeben
werden.
Für Anne Frank interessierten sich die Autoren Joachim Hellwig und Günther Deicke freilich nur am Rande.
Ebenfalls 1958 erscheint in der DDR der Roman Nackt unter
Wölfen von Bruno Apitz. Es ist unwahrscheinlich, daß die
Entstehung des Buches durch den Erfolg des Tagebuches von Anne Frank
in Westdeutschland beeinflußt worden ist. Bruno Apitz hat jedenfalls
seit 1955 von seiner Arbeit an dem Buch gesprochen. Retrospektiv läßt
sich freilich von Apitz' Roman geradezu als Gegenentwurf zum Tagebuch
der Anne Frank sprechen. Nackt unter Wölfen entwickelte sich zu
einem der meistgelesenen Bücher der DDR, insbesondere auch in seiner
Funktion als Schullektüre. Auch in Nackt unter Wölfen werden
die Situation des Lagers und das Schicksal der Verfolgten um die Figur
eines jüdischen Kindes herum entwickelt. Doch das jüdische
Kind bleibt selbst ein reines Objekt der Rettungstat des kommunistisch
geführten Widerstandes im Lager, der schließlich in der Darstellung
der "Selbstbefreiung" gipfelt. Das Kind, zumeist nur als das
"polnische Kind" benannt, erscheint zudem in einer auffälligen
Tiermetaphorik gebannt, auf die Korinna Hennig in ihrem jüngst
erschienen Aufsatz über das Buch hingewiesen hat: "wie ein
zusammengekrümmtes Insekt", "wie ein Käfer",
"wie ein Engerling", "wie ein zutrauliches Hündchen",
"wie ein kleiner Bär". "Meist liegt es zusammengekrümmt
da, embryohaft, bleibt stets auf tierähnliche Art passiv, schreit
oder wimmert selten, spricht während des ganzen Geschehens nicht
ein Wort." [33]
Dem Widerstand gelingt es schließlich, den menschlichen Impuls, das Kind zu retten, und die Forderungen der
Konspiration und des illegalen Kampfes, das Humane und das Politische miteinander zu versöhnen. Das Kind (und
damit der Jude) wird gerettet, ohne jemals ein Subjekt geworden zu sein - es dient als Medium der zu sich selbst
und zur vollendeten Humanität findenden Widerstandskämpfer, als Verpflichtung des politischen Kampfes.
Die Rettung des Kindes wird zum Mythos der Erlösung aus der tiefsten Barbarei, der drohenden eigenen Verrohung
durch den Terror des Gegners.
Im Westen hingegen mußte Anne Frank, das unschuldige
Opfer, tot sein, um jedes Jahr aufs neue zum Leben erweckt werden zu
können. Die Veranstaltungen in der Aula der Frankfurter Universität
folgten bald einem festgelegten Schema, daß uns allen wohlbekannt
ist. Auf die Begrüßung durch einen Politiker folgen ein oder
zwei Gedenkreden, wie die von Hess, aber auch von Eugen Kogon, Fritz
Bauer, Robert Kempner oder Max Horkheimer. Am Schluß stand regelmäßig
ein musikalisches Rahmenprogramm, sozusagen ein Geburtstagsständchen
für Anne Frank. Dann und wann wurde das Fernbleiben der Jugend
beklagt, so auch 1970. In diesem Jahr freilich waren auch die meisten
Älteren fortgeblieben und im Saal verloren sich ungefähr 70
Menschen im Durchschnittsalter von sechzig Jahren. Das jährliche
Ritual der Geburtstagsfeier wurde eingestellt und es wurde still um
Anne Frank. 1979 erst wieder, Anne Franks 50. Geburtstag stand bevor,
erinnerte man sich in Frankfurt an sie. Für eine Gedenkfeier allerdings
zu spät.
1957 lag auf dem Rednerpult noch ein symbolisches Geburtstagsgeschenk für Anne Frank, ein Strauß bunter
Sommerblumen. Und die Frankfurter Neue Presse berichtete über den achtundzwanzigsten Geburtstag unter anderem
mit den Worten: "Das kleine jüdische Mädchen, von dem man nicht einmal weiß, wie es sterben
mußte, hat gesiegt."
Ähnlich äußerte sich 1957 auch Norbert Mühlen, der eine große Zahl von Gesprächen
mit deutschen Besuchern des Stückes geführt hatte, in einem Bericht für die Anti Defamation League.
"The extent to which Anne Frank has become a symbol struck me again when a young Berlin dancer - a girl raised
in a strong nazi home but without any political interests - said on mention of Anne Frank's name: 'Isn´t
it wonderful that a girl who went through so much suffering could still say, 'I believe in the goodness of man'.'
The dancer had never read the book or seen the play, yet she repeated the quotation accurately. For Anne Frank's
influence has been infinitely wider than the immediate audience for the play and book. Anne Frank has become a
witness and a teacher to her survivors. Thus her homecoming to the country which expelled her and then killed her
has become a strange but heartening kind of triumph." [34]
Alvin Rosenfeld, dem ich dieses Zitat auch verdanke, zieht aus Norbert Mühlens Beobachtungen einen anderen,
bitteren Schluß:
"In a word, Anne Frank has become a ready-at-hand formula for easy forgiveness. Far from this development
representing her triumphant homecoming to the country that first expelled and then killed her, it represents quite
the reverse: the triumph of Anne Frank's former countrymen over her. In her name, they have, after all, forgiven
themselves." [35]
Die "Universalisierung" Anne Franks, sie verrät
den Universalismus, mit dem Anne Frank selbst in ihrem Tagebuch ringt.
"Universalisiert", freilich als das Böse schlechthin,
nämlich als die angeblichen Erfinder des Gewissens, hatten schon
die Nazis, hatte von jeher der Antisemitismus die Juden. Sie waren nicht
eine Religion unter Religionen, auch nicht eine Rasse unter Rassen,
sondern das Phantom eines Gegenprinzips, hinter den "Masken"
der Realität, über dessen Auslöschung die eigene innere
Einheit, der Sieg deutschen Wesens zu stiften sei. Insofern war das,
was die Nazis auch an Anne Frank exekutierten, vergleichbar einem nationalen
Gründungsopfer - eine negative Universalisierung im Dienste eigener
Identität.
Anne Frank selbst schrieb dazu, halb im Scherz, halb im Ernst, die jüdische Auserwähltheit könnte
doch auch einmal zur Abwechslung zum Guten ausfallen. Sie war alles andere als eine Märtyrerin, gerade dann,
wenn sie über ihre Verfolgung zuweilen schrieb wie über ein Abenteuer.
Und wenn sie davon sprach, irgendwann einmal etwas schreiben, etwas gestalten zu wollen, das auch nach ihrem Tod
weiterlebt, dann wollte sie noch lange nicht für etwas sterben.
Die Vorstellung, die jüdischen Opfer könnten
ein Vorbild sein für die Menschen einer Welt nach der Katastrophe,
wie Anne Frank dies erträumte, mutet angesichts dessen als ein
hilfloser Versuch an, den eigenen Leiden einen Sinn zu verleihen. Und
dies gilt vielleicht auch für Meyer Levins Bemühen, das Tagebuch
Anne Franks in eine jüdische Perspektive einzuordnen.
Etwas anderes aber ist es, sie zum "Spiegel" zuzurichten, in dem sich alle, auch ihre Mörder, betrachten
können. Der "Humanismus", der solches unternimmt, setzt die Auslöschung des Gesichtes, das
ihn anschaut, bereitwillig oder unfreiwillig fort, anstatt ihr zu widersprechen.
So ist die "Universalisierung" der Anne Frank nicht bloße Leichenfledderei, sie ist die Vollendung
ihrer Vernichtung.
Und Anne Franks Botschaft an die Jugend der Welt? Anne Frank war im Hinterhaus nicht nur mit der immer fragwürdiger
werdenden Welt der Erwachsenen konfrontiert, ihren Verboten und Eifersüchteleien, ihrer Heuchelei und ihren
Gebeten, ihrer Moral und ihrer Scham. Unerträglich war das Hinterhaus für Anne Frank, und rettend das
Tagebuch, weil all das Schlechte in der Welt, alle Verfolgung und alle Angst, alle Einschränkungen, die "vernünftigen"
wie die aus Eigensucht geborenen, ihr gegenüber durch Menschen repräsentiert wurde, die sie liebte, wenigstens
lieben wollte - daß sie sich von Menschen ablösen wollte, ablösen mußte, mit denen sie zugleich
gemeinsam jeden Tag um ihr Leben bangen mußte.
Anne Frank darf auch deswegen nicht sterben, sie wird
auch deshalb jeden Tag aufs neue gerettet, weil sie nicht Kind bleiben
darf, nicht rebellisch, nicht aggressiv und launisch, wechselhaft und
ihrer Phantasie lebend. Sie soll erwachsen werden, den Erwachsenen helfen,
die Welt in Ordnung zu bringen, der Jugend moralische Lehren zu erteilen,
Gewalt zu bekämpfen, Haß einzudämmen. Sie soll als Beruhigungsmittel
wirken in einer aus den Fugen geratenen Welt. Sie soll Otto Frank nicht
allein lassen mit seiner Schuld, die gar nicht existiert, seinem Schuldgefühl,
ohne das er nicht hätte weiterleben können. Das er brauchte,
um sich zu dem, was geschehen war, überhaupt in ein menschliches
Verhältnis setzen zu können.
Harry Mulisch schrieb einmal, eine trotzige Hoffnung aussprechend, das Tagebuch sei eine "mächtige Waffe
gegen den Faschismus". Daß Auschwitz "sich ereignet hat, ist die mächtigste Vorbeugung gegen
eine Wiederholung". [36] Primo Levi hingegen hat fatalistischer argumentiert: "Es
ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben."
[37]
In der Inszenierung des Theaterstückes durch die Habimah in Tel Aviv, Ende der fünfziger Jahre, spricht
Otto Frank am Ende, nach Annes Bekenntnis zum Guten im Menschen, nicht den Satz, der im Stück steht: "Wie
sie mich beschämt", sondern die Worte: "Ich weiß nicht, ich weiß nicht." [38]
Es ist diese Skepsis, die aus dem Tagebuch selbst spricht, die Anne Franks selbsternannte Retter so lautstark zu
übertönen versuchen. Das Tagebuch selbst und seine Millionen Leserinnen und Leser kommunizieren womöglich
trotzdem miteinander, heimlich und in aller Unschuld, ganz anders, als seine Interpreten es wünschen. Doch
davon zu berichten wäre ein anderes Kapitel.
Aus: Stephan Braese / Holger Gehle / Doron Kiesel / Hanno
Loewy (Hg.), Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust.
Frankfurt am Main, New York: Campus, 1998, S. 19-41 (Wissenschaftliche
Reihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 6).
- Lawrence L. Langer, "The Americanization of the Holocaust on Stage and Screen",
in: ders., Admitting the Holocaust. Collected Essays. New York, Oxford: Oxford University Press, 1995, S. 157-177.
(Zuerst in: Sarah Blacher Cohen (Hg.), From Hester Street to Hollywood. Bloomington 1983.)
- Ebd.
- Alvin H. Rosenfeld, "Popularization and Memory: The Case of Anne Frank", in: Peter
Hayes (Hg.), Lessons and Legacies. The Meaning of the Holocaust in a Changing World. Evanston: University of Illinois
Press, 1991, S. 243-278.
- Z. B. Bruno Bettelheim, "The Ignored Lesson of Anne Frank", in: Surviving and
Other Essays. New York: Knopf, 1979, S. 246-257.
- Sander Gilman, Jüdischer Selbsthaß. Antisemitismus und die verborgene Sprache
der Juden. Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag/Suhrkamp, 1993, S. 314-334. Das hierin enthaltene Kapitel über
die Rezeption des Tagebuchs der Anne Frank ist einer der wenigen in deutscher Sprache erschienenen Texte aus dieser
Debatte. (Originalausgabe: Jewish Self-Hatred. Baltimore: John Hopkins University Press, 1986.)
- James E. Young, "Das Anne Frank Haus", in: ders. (Hg.), Mahnmale des Holocaust.
München: Prestel, 1993, S. 107-113.
- George Steiner, "Das hohle Wunder", in: ders., Sprache und Schweigen. Essays über
Sprache, Literatur und das Unmenschliche. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1969, S. 129-146.
- Deutsche Ausgabe: Philip Roth, Der Ghost Writer. München: Hanser, 1980.
- Zitiert nach: Rosenfeld, "Popularization and Memory", S. 252.
- Ebd.
- Ebd., S. 253.
- Ebd.
- So Otto Frank bei der Eröffnung des Museums im "Anne Frank Haus" und des
"Internationalen Jugendzentrums" im Nebenhaus im Jahre 1960, zitiert nach Young, "Das Anne Frank
Haus", S. 110.
- Die Tagebücher der Anne Frank. Herausgegeben vom Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie,
übersetzt von Mirjam Pressler, Frankfurt am Main: Fischer, 1988.
- Miep Gies gehörte zu den holländischen Freunden und Helfern der Familie Frank,
die sie im Hinterhaus zu schützen versuchten.
- Ich zitiere Anne Franks Tagebuch aus der von Mirjam Pressler neu übersetzten Ausgabe
von 1992 (Anne Frank, Tagebuch. Frankfurt am Main: Fischer, 1992), die wiederum auf der schon genannten "vollständigen"
Ausgabe von 1988 fußt. Die Vergleichszitate stammen aus der Taschenbuchausgabe von 1955 (Das Tagebuch der
Anne Frank. Frankfurt am Main: Fischer, 1955), die auf der ersten deutschen Übersetzung von Anneliese Schütz
von 1949 beruht.
- Meyer Levin, In Search. Paris: Author's Press, 1950, S. 173f.
- Zitiert nach Lawrence Graver, An Obsession with Anne Frank. Meyer Levin and the Diary. Berkeley,
Los Angeles, London: University of California Press, 1995, S. 15.
- siehe Anmerkung 18.
- Meyer Levin, Anne Frank. A Play by Meyer Levin. Adapted from the "Diary of Anne Frank".
Selbstdruck, ohne Ort, ohne Jahr. Levins Version ist bis heute nicht veröffentlicht worden. Eine von Levin
selbst in den siebziger Jahren produzierte Broschüre mit dem Text erreichte nie den Buchhandel und wurde von
ihm, aus rechtlichen Gründen, mit dem Hinweis "Privately published by the author for literary discussion"
versehen. Sie gibt offenbar den Text in der Bearbeitung von Batya Lancet und Peter Frye für das Israel Soldiers
Theatre wieder. Ein Exemplar, auf das ich im folgenden Bezug nehme, wurde mir von Meyer Levins Sohn Mikael Levin
zur Verfügung gestellt.
- Vincent C. Frank-Steiner, "Der kleinste gemeinsame Nenner des Humanen", in: Stapferhaus
Lenzburg (Hg.), Anne Frank und wir. Zürich: Chronos, 1995, S. 188.
- Die Frage nach der Bedeutung dieses Nikolausabends für Anne Frank, der 1942 fast unmittelbar
mit Chanukka zusammenfiel, hat verschiedene Interpreten des Tagebuches beschäftigt. Sander Gilman zieht daraus
den überzogenen Schluß, Anne Frank sei gewesen "wie andere Kinder assimilierter Juden, die christliche
religiöse Bräuche ohne deren religiösen Inhalt an die Stelle jüdischer religiöser Bräuche
setzten" (Gilman, Jüdischer Selbsthaß, S. 320). Doch Anne Frank schreibt auch, warum Nikolaus und
Weihnachten, die die nicht-jüdischen Freunde mit Ihnen feiern wollen, für sie interessanter sind: Die
Feste besitzen den Reiz des Neuen. "Es war jedenfalls alles schön ausgedacht, und da wir alle acht noch
nie in unserem Leben Nikolaus gefeiert haben, war diese Premiere gut gelungen." (7.12.1942) Zwei Tage zuvor,
also vor ihrer ersten Begegnung mit dem Nikolausfest, hatte sie noch in ihr Tagebuch geschrieben: "Gestern
war es herrlich, wir haben erst Kerze[n] angezündet und sind dann nach oben gegangen", wo die Geschenke
verteilt wurden (dieser Eintrag vom 5.12.1942 findet sich nur in der historisch-kritischen Ausgabe; wie Anmerkung
14, S. 374). Meyer Levin hingegen klagte in seiner Autobiographie The Obsession (New York 1973) über Goodrich/Hacketts
Dramatisierung: "(...) etwas schien mir nicht zu stimmen. So wie sie es darstellten, erinnerte es mehr an
Weihnachten." (S.121) Dies würde der gängigen Praxis vieler assimilierter jüdischer Familien
allerdings kaum widersprechen. Offenkundig spielten die jüdischen Feiertage für Anne Frank, über
Geschenke und Kerzenstimmung hinaus, keine bedeutende Rolle, jedenfalls nicht in ihrem Tagebuch.
- Dort heißt es unter anderem: "Who knows, perhaps the whole world will learn,
from the good that is in us, and perhaps for that reason the Jews have to suffer now. Right through the ages there
have been Jews, through all the ages they have had to suffer, and it has made us strong." Levin, Anne Frank,
S. 75. Meyer Levin gibt hier Anne Franks eigene Sinnstiftung ihres Leidens und ihrer Deutung des jüdischen
Schicksals als "beispielgebend" wieder - ein Aspekt von Anne Franks Tagebuch, der, da er so offen ausgesprochen
und damit diskutierbar und kritisierbar wurde, möglicherweise Unbehagen provozierte.
- Frances Goodrich, Albert Hackett, The Diary of Anne Frank. New York: Random House, 1956,
S. 168. Die deutsche Ausgabe erschien 1958 unter dem Titel: Frances Goodrich, Albert Hackett, Das Tagebuch der
Anne Frank. Ein Schauspiel in Frankfurt am Main als Taschenbuch (Fischer). Dort findet sich die entsprechende Sequenz
auf S. 143.
- Goodrich/Hackett, Das Tagebuch der Anne Frank, S. 147f.
- Goodrich/Hackett, The Diary of Anne Frank, S. 170, 174; in der deutschen Ausgabe S. 144
und S. 149.
- Albrecht Goes, "Vorwort", in: Das Tagebuch der Anne Frank. Frankfurt am Main:
Fischer, 1955, S. 5.
- Ebd., S. 6.
- Gerty Agoston, "Anne Frank: Menschenliebe aus der Fülle von Hass", in: National-Zeitung
Basel, 20.6.1959.
- Gert Kalow, "Lob eines Zimmerspiels", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.1956.
- Wie sarkastisch Anne Frank selbst die Substanz des deutschen Widerstands und seine Vorstellungen
einer deutschen Nation nach dem Nationalsozialismus betrachtete, wird mehrfach deutlich. Vielleicht am schlagendsten
in jenem Eintrag vom 21. Juli 1944, als sie die Nachricht vom Anschlag auf Hitler mit folgenden Worten kommentierte:
"Der beste Beweis doch wohl, daß es viele Offiziere und Generäle gibt, die den Krieg satt haben
und Hitler gern in die tiefsten Tiefen versenken würden, um dann eine Militärdiktatur zu errichten, mit
deren Hilfe Frieden mit den Alliierten zu schließen, erneut zu rüsten und nach zwanzig Jahren wieder
einen Krieg zu beginnen. Vielleicht hat die Vorsehung mit Absicht noch ein bißchen gezögert, ihn aus
dem Weg zu räumen. Denn für die Alliierten ist es viel bequemer und auch vorteilhafter, wenn die fleckenlosen
Germanen sich gegenseitig totschlagen."
- Werner Hess, Rede zur Anne Frank-Gedenkfeier am 24. Juni 1962, unveröffentlichtes Manuskript,
Pressearchiv des Hessischen Rundfunks.
- Korinna Hennig, "Das Prinzip Hoffnung. Zur Funktion von Kinderfiguren bei Bruno Apitz
und Jurek Becker", in: Claude Conter (Hg.), Literatur und Holocaust. (= Fußnoten zur Literatur, Heft
38, herausgegeben von Wulf Segebrecht), Bamberg: Universität Bamberg, 1996, S. 81-91.
- Norbert Mühlen, "The return of Anne Frank", in: The ADL Bulletin, Juni 1957,
S. 2.
- Alvin Rosenfeld, "Popularization and Memory" (wie Anm. 3), S. 271.
- Harry Mulisch, "Das Mädchen und der Tod. Anne Frank zum Gedenken", in: Die
Zeit, 18.4.1986. Wiederabgedruckt in: Harry Mulisch, Die Säulen des Herkules. München, Wien: Hanser,
1997, S. 172-183.
- Primo Levi, Die Untergegangenen und die Geretteten. München, Wien: Hanser, 1990, S.
205.
- Siehe Rosenfeld, "Popularization and Memory", S. 276.
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