Cinematographie des Holocaust

Materialien zu Filmen

THE DIARY OF ANNE FRANK R: Stevens (USA, 1959)


Artikel

 

Das gerettete Kind

Die "Universalisierung" der Anne Frank

Von Hanno Loewy

Anne Frank, ihr Name und ihr Schicksal, wurde in den fünfziger Jahren, also lange vor dem Wort Holocaust (oder dem Wort Shoah), ja selbst noch vor dem Namen Auschwitz zum Synonym für das Verbrechen, dem sie zum Opfer fiel: die nationalsozialistische Vernichtung der Juden und des Judentums. Die Bearbeitung für Bühne und Film, vor allem die damit verbundenen Begleiterscheinungen, wurden zuweilen als amerikanische Trivialisierung belächelt, ein Phänomen, das die gebildeten deutschen Rezipienten in eine freundlich gönnerhafte Haltung versetzen konnte. Zugleich wurde auch in Deutschland gerade die Reduktion der Dimensionen des Grauens auf die persönliche, familiäre Erfahrungswelt enthusiastisch begrüßt, mit denen die ermordete, aber nun wieder verlebendigte Anne Frank ihre Leser zur Identifikation einlud. Diese ambivalente Haltung ist aus der deutschen Rezeption jüngerer und jüngster Medienereignisse ja durchaus bekannt.

Die fulminante Verbreitung, das beinahe euphorische Verstehen dieses Textes in Deutschland, hat mit diesem Umweg um den Globus möglicherweise viel zu tun. Die Übersetzung der Erfahrungen der Anne Frank in einen, sich als "universalistisch" verstehenden Deutungsrahmen scheint geradezu der Schlüssel zu ihrer Wirkung in Deutschland gewesen zu sein. Und daher lautet die erste These:
Die Amerikanisierung des Tagebuches von Anne Frank, von der Lawrence L. Langer in seinem Essay "The Americanization of the Holocaust on Stage and Screen" [1] so treffend schreibt, war von einer anderen, uns näheren Warte betrachtet, eher eine Eindeutschung mit anderen Mitteln. Amerikanisierung, das bedeutete auch so etwas wie: Wunscherfüllung. In diesem Fall: die Erlaubnis zu einer Manipulation, für die man selbst nicht die Verantwortung übernehmen mochte, und die aus dem vorgefundenen Material eben das zutage förderte, was man selbst in ihm zu finden wünschte. Und dies, obwohl man dabei ein Unbehagen verspürt, als wüßte man, etwas Ungehöriges zu begehen.
Broadway und Hollywood sind, polemisch gesprochen, also für die deutsche Rezeption des Tagebuches der Anne Frank so etwas wie die NATO für die junge Bundesrepublik. Und dies ist wörtlicher zu nehmen, als es zunächst scheint.
Eine kritische Diskussion des Tagebuches und seiner Editions- und Rezeptionsgeschichte hat es im wesentlichen hingegen nur in den USA (oder besser: im englischsprachigen Diskurs) überhaupt gegeben, und "natürlich", möchte man beinahe sagen, waren an dieser Debatte vor allem jüdische Autoren beteiligt. Stellvertretend zu nennen wären hier Lawrence Langer [2], Alvin H. Rosenfeld [3], Bruno Bettelheim [4], Hannah Arendt, Sander Gilman [5], James Young [6], George Steiner [7] und auf seine Weise Philip Roth, der Anne Frank in seinem sarkastischen Roman The Ghostwriter [8] wieder auferstehen läßt, als junge Geliebte eines alternden Literaten, die glaubt, Anne Frank zu sein und die Vernichtung überlebt zu haben, und die, von dieser Vorstellung besessen, mit ansieht, wie sie zur Ikone des Holocaust stilisiert wird. Dabei realisiert sie, daß sie als Lebende niemals so erfolgreich sein könnte wie als Tote.

Es ist nicht Anne Franks Tod selbst, schon gar nicht die Umstände ihres Verhungerns in Bergen-Belsen, die den "Erfolg" ihres Tagebuches ausmachen. Schon eher ist es der Umstand, daß sie als real Verschwundene, gewaltsam Ausgelöschte ihrer fortwährenden idealisierten Wiederauferstehung nicht im Wege stehen kann. So schrieb die New York Post nach der Premiere des Theaterstückes The Diary of Anne Frank von Frances Goodrich und Albert Hackett am 8. Oktober 1955, "(the play) brought about the reincarnation of Anne Frank - as though she´d never been dead." [9]

Diese Sentenz erweist sich bei der Durchsicht vergleichbarer Kritiken als mehr denn eine bloß konventionelle Huldigung an die Aura der theatralischen Verlebendigung. Walter Kerr schrieb am 23. Oktober 1955 in der Herald Tribune: "Anne is not going to her death; she is going to leave a dent on life, and let death take what´s left." [10] Auch Garson Kanin, der die erste Inszenierung des Stückes am Cort Theatre in New York verantwortete, schrieb noch 1979: "Anne lives on. She remains for us ever a shining star, a radiant presence who, during her time of terror and humiliation and imprisonment, was able to find it within herself to write in her immortal diary, 'in spite of everything I still believe that people are good at heart.'" [11]

Am 2. Oktober 1955, wenige Tage vor der Premiere, hatte er der Herald Tribune folgende Kernsätze zu Protokoll gegeben: "Looking back, Anne Frank's death doesn´t seem to me a wasteful death, because she left us a legacy that has meaning and value to us..." [12]

Sie starb nicht umsonst, sondern für uns, sie hat uns eine Botschaft hinterlassen...
Die "Botschaft der Anne Frank" ist zu einem stehenden Topos geworden.
Anne Franks Tagebuch hat zudem eine weltweit operierende Institution möglich gemacht, die Anne Frank Stiftung in Amsterdam, und den Anne-Frank-Fonds in Basel, der die Einnahmen aus mehr als fünfundfünfzig verschiedensprachigen Ausgaben ihres Tagebuches verwaltet, mit einer Gesamtauflage, die es sich kaum noch zu schätzen lohnt, da sie etwa so schnell wächst wie die Weltbevölkerung.
Die Botschaft Anne Franks, jedenfalls das, was dazu erklärt worden ist, ist längst mit der Schlußzeile jenes Theaterstückes gleichgesetzt worden, auf dessen Geschichte ich noch einmal ausführlicher eingehen werde: "Trotz allem glaube ich noch an das Gute im Menschen."

Anne Franks "Botschaft" umfaßte zugleich, so wollte es jedenfalls Annes Vater Otto Frank, der als einziger der Familie die Vernichtung überlebte, nicht weniger als "internationale Zusammenarbeit, wechselseitiges Verständnis, Toleranz, die moderne Erziehung, Jugendprobleme, moderne Kunst, die Rassenfrage und die Bekämpfung des Analphabetismus". [13]
Das kleine Anne Frank Haus in Amsterdam wird heute von mehr als einer halben Million Menschen im Jahr besucht (also ungefähr so häufig wie die Gedenkstätte in Auschwitz), Anne Frank sind in aller Welt Straßen, Schulen und Plätze, Wettbewerbe, Literaturpreise und weltweit präsente Wanderausstellungen gewidmet, die Stiftung gibt jedes Jahr in verschiedenen Sprachen eine bunt illustrierte Anne Frank Zeitung heraus, in der Menschen davon erzählen, wie Anne Frank in Südafrika und Sarajevo, Australien oder Brooklyn Mut gegen Rassismus und Nationalismus, Unterdrückung und Armut, Gewalt und Unwissenheit machen soll. Der Name "Anne Frank" muß zugleich mit rechtlichen Mitteln laufend wie ein Warenzeichen vor Plagiaten und Mißbrauch geschützt werden, z. B. wenn ein Textilienproduzent in China seine T-Shirts unter dem Namen "Anna Frank" auf den Weltmarkt bringt.

Kleinlich danach zu fragen, wieviel diese Form der kollektiven Erinnerung noch mit der realen Erfahrung Anne Franks und dem Wortlaut ihres Tagebuches, ja selbst mit dem, was Anne Frank persönlich beschäftigt hat, zu tun haben mag; es ist angesichts des quantitativ meßbaren "Erfolgs" ihrer moralischen Vermarktung geradezu unschicklich geworden.

Korrespondiert diese oberflächliche Universalisierung jüdischen Leidens wirklich mit jenem Universalismus, mit dem Anne Frank in ihrem Tagebuch tatsächlich gerungen hat, oder eher mit ebenjenem Gewaltverhältnis, in dem jüdische Identität von außen definiert und ein für allemal ausgelöscht werden sollte? Was war die Botschaft der Anne Frank, worüber schrieb sie in ihrem Tagebuch, worunter litt sie, worauf hoffte sie, woran glaubte sie?

Nicht erst das Stück und der Film, auch das Tagebuch selbst, das mehrere Generationen von Lesern verschlungen haben, war ein filigran amputierter Torso.
Erst 1986 erschien in den Niederlanden, und 1988 erstmals in deutscher Übersetzung, das "vollständige" Tagebuch von Anne Frank, und das heißt auch die verschiedenen Fassungen, die sie selbst von manchen Tagebucheinträgen hinterlassen hatte. So hatte Anne Frank 1944 tatsächlich damit begonnen, ihr Tagebuch für eine mögliche spätere Veröffentlichung zu bearbeiten. Doch nicht einmal die voluminöse textkritische Ausgabe [14], auf die mittlerweile auch eine neue, vervollständigte Taschenbuchausgabe zurückgeht, ist gänzlich frei von Zensur. Einzelne Passagen sind selbst hier noch gestrichen worden, mit Verweis auf den Wunsch der Familie Frank und das von Anne Frank "unrichtig" und "unfreundlich" vermittelte Bild ihrer Eltern.

Otto Frank hatte, als er im Herbst 1945 von Auschwitz nach Amsterdam zurückkehrte, von Miep Gies [15] das Tagebuch seiner Tochter überreicht bekommen, das sie nach der Verhaftung der Familie Frank im Hinterhaus gefunden hatte. Die Lektüre muß für ihn unaussprechliche Qualen bedeutet haben, erinnerte sie ihn doch nicht nur an den Verlust seiner beiden Töchter, seiner Frau, und aller anderen, die im Hinterhaus zwei Jahre lang versteckt gelebt hatten. Anne Frank hatte ihrem Tagebuch, und vor allem darum geht es in ihm, ihren täglichen Kampf mit ihrer Familie, ihren Kampf um Selbständigkeit und Selbstfindung anvertraut - die Geschichte einer Adoleszenz, in der zunächst das Verhältnis zur Mutter sich bis zur Unerträglichkeit verschlechtert und der Vater zum idealisierten Gegenpol des Verstehens und Sichverstandenfühlens wird. Doch schließlich geht auch hier das Vertrauen verloren. Ein fast gleichaltriger Junge, oder sollen wir sagen: ein junger Mann ist in die Beziehungswelt eingetreten. Mit ihm zusammen kann sich Anne von der "Welt der Erwachsenen" distanzieren.

Die äußere Bedrohung und das Leben im Versteck, die Unmöglichkeit selbstgewählter Beziehungen, die fortwährende Angst, entdeckt zu werden, durch irgendein Fehlverhalten das eigene Leben und das aller anderen zu gefährden, und schließlich die unendlichen Stunden des Tages, in denen kein Laut ertönen darf, in denen Zeit ist zum Schreiben, sie legen sich wie ein Brennglas über die Erfahrungen und Gefühle des jungen Mädchens, das im Begriff ist, eine Frau zu werden. Anne Frank hält sich zugleich selbst den Spiegel vor, mit einer Mischung aus kindlichem Narzißmus und schonungsloser Selbstreflektiertheit, die ihr Tagebuch zu Recht heraushebt aus allen bekannten vergleichbaren Texten.

Ihr Thema ist nicht der Holocaust, sondern ihr Kampf um ihr Selbst im Angesicht einer Welt, in der die Erwachsenen die Moral, die sie predigen, fortwährend verraten - draußen, aber auch im Hinterhaus. Es ist das Drama eines begabten Kindes, das seine jungen Ideale von eben jenen verraten sieht, die ihr gegenüber die Welt der Moral, der Werte und Regeln repräsentieren.
Otto Frank entschied sich, trotz oder gerade wegen seiner zu vermutenden Schuldgefühle gegenüber seiner Tochter, die er eben nicht hat retten können und deren Seelenlandschaft sich ihm nun auftut - er entschied sich nach überraschend kurzer Zeit dafür, Anne Franks Tagebuch zu veröffentlichen, sozusagen die Flucht nach vorne anzutreten. Eintragungen Annes, die sich mit ihren literarischen Ambitionen, ihren Hoffnungen auf die Zeit nach dem Krieg, ja auf ein Fortwirken ihrer schriftstellerischen Arbeit nach ihrem Tode beschäftigen, mögen ihm dabei wie eine Verpflichtung erschienen sein.

Otto Frank nahm signifikante Kürzungen vor. 1947 erschien das Tagebuch zuerst auf niederländisch, der Sprache, in der Anne Frank es geschrieben hatte. 1950 erschien es in französischer Sprache und in der deutschen Übersetzung von Anneliese Schütz im Verlag Lambert Schneider. Die Auflage, insgesamt 4500 Exemplare, war bescheiden, aber nicht kläglich.
Otto Franks Retuschen am Tagebuch seiner Tochter bezogen sich augenscheinlich vor allem auf zwei Themen. Otto Frank wollte das Gedächtnis seiner Frau und Annes Mutter Edith nicht beflecken. Von Annes Kampf mit Edith Frank blieb nur ein matter Widerschein übrig. Andere gestrichene Passagen oder umformulierte Stellen bezogen sich auf Annes freizügigen Umgang mit der eigenen körperlichen und sexuellen Entwicklung. Otto Frank mußte zu Recht fürchten, daß manche Äußerungen Annes das Buch in aller Unschuld auf den Index befördert hätten.
Andere Korrekturen erschließen sich jedoch erst bei mikroskopischer Betrachtung. Hier interessieren uns nun besonders die Änderungen in der deutschen Ausgabe, von denen wir freilich nicht sagen können, inwieweit sie letztlich von Otto Frank selbst oder der Übersetzerin veranlaßt worden sind. Alvin H. Rosenfeld hat in seiner Analyse eine Reihe von kleineren Änderungen miteinander korreliert, die sämtlich mit der Verwendung des Wortes "deutsch" zusammenhängen. Dabei verschwinden zahlreiche Verweise auf die kollektive Zugehörigkeit der Täter. So wurde an einer Stelle aus den "Deutschen" [16] "die besetzende Macht" (Eintrag vom 18.5.1943), oder gar "die Unterdrückung" (Eintrag vom 28.1.1944). An anderer Stelle wird aus: "gibt es keine größere Feindschaft auf dieser Welt als zwischen Deutschen und Juden" die Feindschaft "zwischen diesen Deutschen und den Juden." (Eintrag vom 9.10.1942) Das hinzugefügte Wort wird auch noch kursiviert, also mit Betonung versehen.

Aus Anne Franks Bemerkung in ihrem "Leitfaden für das Hinterhaus": "Erlaubt sind alle Kultursprachen, also kein Deutsch", wird der Satz: "Alle Kultursprachen, aber leise!!!"
Interessanterweise werden aber auch die Hinweise darauf getilgt, daß Anne Frank selbst aus Deutschland stammt und die Franks mit deutscher Kultur stark verbunden sind. So wird jene schon zitierte Passage, die im Hinweis auf die Feindschaft endet, noch in einer anderen signifikanten Hinsicht manipuliert. Spricht Anne Frank tatsächlich davon, daß sie, von Hitler staatenlos gemacht, zu diesem Volk, den Deutschen, "eigentlich auch noch dazu" gehört, so heißt es in der Übersetzung: "Und dazu gehörte ich auch einmal." So verschwindet auch der Hinweis darauf, daß ihre Mutter ihr "Gebete in Deutsch" zum Lesen in die Hand drückt (29.10.1942), oder daß ihr Vater ihr ein Gedicht in deutscher Sprache geschrieben hat (13.6.1943). Offenbar schien es angeraten, das sehr reale Konfliktverhältnis und seine Spiegelung im Tagebuch, den ernüchterten Bezug auf den betrogenen Glauben an eine "gemeinsame Geschichte", zu entkonkretisieren, ins Abstrakte aufzulösen. Damit eine Identifikation deutscher Leser mit Anne Frank möglich sein konnte, mußten auch die Hinweise auf ihre reale Nähe zu den Deutschen minimiert werden. Schließlich werden auch die Hinweise auf die Vernichtung, die in Anne Franks Tagebuch schon 1942 einsetzen und sich immer wiederholen, entkonkretisiert. So wird (ebenfalls im Eintrag vom 9.10.1942) aus "Polen" die "Ferne, wohin sie verschickt werden", und der Satz: "Wir nehmen an, daß die meisten Menschen ermordet werden", fällt ganz unter den Tisch, während paradoxerweise die Erwähnung von Gaskammern stehen bleibt.

Das Tagebuch von Anne Frank wird 1955 schließlich als Fischer Taschenbuch herausgebracht. Doch auch dies hat zunächst nur einen moderaten Erfolg. Ein Jahr später kommt Das Tagebuch der Anne Frank auf die Bühne, und damit kommt der Durchbruch zum Bestseller. Es ist eine Übersetzung der schon erwähnten amerikanischen Bühnenfassung ins Deutsche, die am 1. Oktober 1956 zugleich an sieben deutschen Bühnen, in Hamburg, West-Berlin, Aachen, Düsseldorf, Konstanz, Karlsruhe und in Dresden aufgeführt wird. Ein theaterpolitisches Großereignis, und dies nicht nur wegen der gleichzeitigen Aufführung in der DDR. Diese wird eher heruntergespielt, aus Gründen, die uns noch beschäftigen werden.

Waren Otto Frank und die Übersetzerin der deutschen Ausgabe, Anneliese Schütz, noch einigermaßen behutsam vorgegangen, so hatte das Theaterstück (und später der Film) den Charakter des Tagebuches in vielerlei Hinsicht in sein Gegenteil verkehrt. Vorausgegangen war der Dramatisierung ein letztlich tragischer Konflikt um die Rechte an diesem Stoff, der noch bis in die sechziger Jahre, ja bis zum Tode seiner Protagonisten reichen sollte. Ein Streit, in dem es neben persönlichen Verletzungen und Eitelkeiten vor allem um den Kern der Sache ging.
1950 hatte Meyer Levin, ein damals bekannter amerikanisch-jüdischer Schriftsteller, von seiner Frau Tereska Torres die französische Übersetzung des Tagebuches in die Hand gedrückt bekommen.
Meyer Levin hatte 1944-45 als war-correspondent für amerikanische und jüdische Agenturen und Zeitungen über die letzten Monate des Zweiten Weltkrieges berichtet, über die Ardennenschlacht und die Befreiung, das Schicksal der Überlebenden und über die Deutschen, denen er begegnete. Er hatte sich mit dem Verhältnis zwischen den jüdischen und nichtjüdischen, den schwarzen und weißen Soldaten der amerikanischen Armee beschäftigt und sich mit seiner eigenen jüdisch-amerikanischen Identität herumgequält. Die Konfrontation mit den Toten der Lager brachte eine Wende in seinem Leben. Ihnen seine Stimme zu verleihen, sollte so etwas wie seine Obsession werden.

Meyer Levin hatte 1949 in seiner Autobiographie geschrieben: "I realized I would never be able to write the story of the Jews of Europe. This tragic epic cannot be written by a stranger to the experience, for the survivors have an augmented view, we cannot attain. Some day a teller would arise from amongst themselves." [17] Die Stimme Anne Franks erschien ihm nun erst recht die Inkarnation der Opfer zu sein, "the voice reached me from the pit". [18]
Noch im September 1950 schrieb Meyer Levin an den französischen Verlag, bekam Kontakt zu Otto Frank, und es gelang ihm, Otto Frank für eine Bühnenfassung des Tagebuches zu interessieren. Otto Frank verhandelte zu diesem Zeitpunkt, noch ohne Erfolg, mit Verlagen in England und den USA über eine englische Übersetzung. Meyer Levin bot an, ihn auch dabei zu unterstützen. Meyer Levins enthusiastische Kritik in The New York Times Book Review sollte im Juni 1952 erheblich zum überwältigenden Erfolg der amerikanischen Ausgabe beitragen, deren erste Auflage schon am Erscheinungstag ausverkauft war. Innerhalb weniger Wochen waren drei Auflagen mit 45 000 Exemplaren verkauft.

Levin versuchte nicht nur, quasi als Franks Agent, einen Produzenten für eine mögliche Bühnenadaption zu finden, er brachte auch nachdrücklich sich selbst als Autor dafür ins Spiel, ein Rollenkonflikt, der sich bald als fatal erweisen sollte. Otto Franks Vertrauen in den als Bühnenautor noch kaum in Erscheinung getretenen Romancier und Journalisten erwies sich als begrenzt. Die Geschichte der wachsenden Spannung zwischen Meyer Levin und Otto Frank, die von einer freundschaftlichen Beziehung schließlich zu Haß, Gerichtsverhandlungen, Pressekampagnen und einer lebenslangen Feindschaft führte, kann hier nicht erzählt werden. Lawrence Graver hat dies in seinem Buch An Obsession with Anne Frank. Meyer Levin and the Diary [19] ausführlich getan.
In der zweiten Jahreshälfte 1952 erreichten die Verhandlungen zwischen Otto Frank, Meyer Levin, verschiedenen Produzenten am Broadway, Verlagen, Agenten und Rechtsanwälten ihren Höhepunkt. Meyer Levin hatte die Chance bekommen, einen Entwurf für ein Theaterstück zu schreiben. Doch den meisten Beteiligten scheint es mit dieser "Chance" nicht besonders ernst gewesen zu sein. Sein Entwurf stieß nicht nur auf wenig Gegenliebe, zwischen manchen Beteiligten zirkulierten von Beginn Vorbehalte gegen ihn. Ihm wurde schließlich erlaubt, mit einer vorher festgelegten Liste nach einem Produzenten zu suchen. Doch die Produzenten, die bereit waren, sich seines Entwurfs anzunehmen, durften nicht auf die Liste. Welche Rolle dabei kommerzielle Aspekte, Fragen der "Spielbarkeit" von Levins Dramatisierung, schließlich vor allem aber der inhaltliche Dissens um die Frage von Annes jüdischer Herkunft und Identität spielten, ist nur mit Vorsicht zu bewerten. [20]

Meyer Levin, der seinen Kampf um das Recht an einer Bearbeitung des Stoffes nicht aufgeben wollte, suchte nach immer neuen Wegen, seine Bühnenfassung auf die Theater zu bringen. Er zeichnete Verträge und Vergleiche, die er nicht einhielt, verstrickte sich schließlich in Verschwörungstheorien, die ihn als Opfer gezielter antijüdischer Intrigen sahen, wo doch gemeinsame Interessen und ideologische Deutungen ausreichten, um Meyer Levin als Störenfried zu empfinden und auszugrenzen. Bis zu seinem Tod 1981 in Israel, ein Jahr, nachdem Otto Frank gestorben war, konnte Meyer Levin sich daraus nicht mehr lösen.

Der Streit um die Interpretation von Annes Tagebuch kreist hingegen bis heute um diesen Konflikt. Noch in einer Publikation aus dem Jahre 1995 schrieb Vincent C. Frank-Steiner, der damalige, mit Otto Frank nicht verwandte, Präsident des Anne-Frank-Fonds in Basel: "Die Frage nach der Bedeutung des Judentums für Anne Frank wurde bisher nicht beantwortet" [21] - um an gleicher Stelle herablassend über Meyer Levin zu urteilen: "Darin liegt die wahre Ursache für den Streit mit Meyer Levin. Dieser Autor sah in Anne Frank ein religiöses, zionistisches jüdisches Mädchen. Diese enge Sicht ist sicherlich falsch. Levins Stück wurde vom Publikum nie akzeptiert und kaum je aufgeführt - meines Erachtens aus gutem Grund. Meyer Levin konnte dies nie verwinden und zerbrach an dieser Problematik." Die Infamie, die in diesen Sätzen steckt, macht zwar nicht Meyer Levins Verschwörungstheorien plausibel, wohl aber seine verzweifelte Wut.

Nicht aufgeführt, jedenfalls nie von einem professionellen Theater, wurde Meyer Levins Stück Anne Frank nämlich nur aus einem Grund: weil es nicht aufgeführt werden durfte, weil Otto Frank und in seiner Nachfolge eben jener Anne-Frank-Fonds in Basel jede Aufführung des Stückes untersagt hatten. Genau dies war ja der Kern des Rechtsstreites mit Meyer Levin gewesen. Dort, wo ein Publikum tatsächlich die Chance bekam, das Stück zu sehen, nämlich im Rahmen einer mehr oder weniger illegalen Aufführung durch das Israel Soldiers Theatre (also einer Amateurbühne) in Tel Aviv 1965, reagierte das Publikum begeistert, aber dies ist sicherlich keine repräsentative Aussage über den literarischen Wert von Levins Dramatisierung.

Zionistisch engagiert war Meyer Levin tatsächlich, aber nicht die Anne Frank, die er auf die Bühne stellen wollte. Von einem jüdischen Staat ist in seiner Dramatisierung nicht die Rede. Palästina wird erwähnt, und zwar in eben jenem Kontext, in dem auch Anne Frank es in ihrem Tagebuch tut, im Bezug nämlich auf die Pläne von Annes Schwester Margot, nach dem Kriege in Palästina Krankenschwester werden zu wollen. Mit ihrer Religion und der Frage nach jüdischer Identität setzt sich Meyer Levins Anne Frank freilich betont engagiert auseinander. Meyer Levin gelang es, eine ganze Reihe von Tagebucheinträgen Anne Franks in lebendige Konversationen zwischen den Eingeschlossenen im Versteck aufzulösen - Tagebucheinträge, in denen Anne Frank nach ihrem ganz persönlichen Glauben sucht, sich gegen das mechanische Rezitieren der Gebete wehrt, die ihre Mutter ihr abverlangt, in denen sie auf einem Individualismus ihrer religiösen Gefühle beharrt. Meyer Levin war weit davon entfernt, Anne Frank einen jüdischen Traditionalismus anzudichten. Wohl aber stilisierte er einen Chanukka-Abend, der den 2. Akt füllt - und der im übrigen auch in Goodrich/Hacketts Stück zentral plaziert wird - in epischer Breite zu einem Drama der Identitätsfindung. Am Ende rücken die Bewohner des Hinterhauses, das von Streit und Konflikten erfüllt ist, bei einem Chanukka-Lied emotional bewegt zusammen. Für diese Szene gibt es im Tagebuch keine Vorlage. Chanukka erscheint in Anne Franks Schilderungen eher als routinierte, emotional wenig bedeutsame Angelegenheit. "Für Chanukka haben wir nicht viele Umstände gemacht, ein paar hübsche Sächelchen hin und her und dann die Kerzen." Die nicht-jüdischen Freunde, die sie im Hinterhaus versorgen, bringen sie freilich auch dazu, Nikolaus zu feiern, und Anne schreibt: "Der Nikolausabend am Samstag war viel schöner. Bep und Miep hatten uns sehr neugierig gemacht..." (beide Zitate 7.12.1942). [22]

Meyer Levin wollte aber auch jenen Tagebucheintrag auf die Bühne bringen, dessen Schicksal als symptomatisch für die weitere Adaptionsgeschichte des Tagebuches gelten muß.

Am 11.4.1944 hatte Anne Frank in ihr Tagebuch geschrieben: "Wir sind sehr stark daran erinnert worden, daß wir gefesselte Juden sind, gefesselt an einen Fleck, ohne Rechte, aber mit Tausenden von Pflichten. (...) Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch vorbeigehen, einmal werden wir doch wieder Menschen und nicht nur Juden sein! / Wer hat uns das auferlegt? Wer hat uns Juden zu einer Ausnahme unter allen Völkern gemacht? Wer hat uns bis jetzt leiden lassen? Es ist Gott, der uns so gemacht hat, aber es wird auch Gott sein, der uns aufrichtet. Wenn wir all dieses Leid ertragen und noch immer Juden übrig bleiben, werden sie einmal von Verdammten zu Vorbildern werden. Wer weiß, vielleicht wird es noch unser Glaube sein, der die Welt und damit alle Völker das Gute lehrt, und dafür, dafür allein müssen wir leiden. Wir können niemals nur Niederländer oder nur Engländer oder was auch immer werden, wir müssen daneben immer Juden bleiben. Aber wir wollen es auch bleiben. (...) Gott hat unser Volk nie im Stich gelassen, durch alle Jahrhunderte hindurch mußten Juden leiden. Aber durch alle Jahrhunderte hindurch sind sie auch stark geworden." Aus dieser von Levin zitierten Passage [23] war 1955 auf der Bühne am Broadway schließlich der folgende Satz geworden: "We're not the only people that've had to suffer. There've always been people that've had to... Sometimes one race... sometime another..." [24]

1953 hatten Otto Frank und sein Produzent Kermit Bloomgarden die Autoren für die Adaption gefunden. Frances Goodrich und Albert Hackett, zwei Drehbuchschreiber aus Hollywood, die nicht durch eigene Theaterstücke, sondern durch, insbesondere an der Box-Office, erfolgreiche Drehbücher bekannt waren, für Musicals und Komödien wie It´s a Wonderful Life oder Easter Parade.
Als es im Oktober 1955, nachdem ihr Stück mindestens achtmal überarbeitet worden war, am Cort Theatre in New York zur Uraufführung kam, war das daraus geworden, was Otto Frank sich tatsächlich erhofft hatte: ein Welterfolg. Und es ist anzunehmen, daß der optimistische Grundton des Stückes seine Zustimmung gefunden hat, ein Grundton, der Anne Franks Liebesgeschichte ins Zentrum rückt, ihre zarte Beziehung zu Peter, dem Sohn der zweiten im Hinterhaus versteckten Familie. Eine Beziehung, die in Wirklichkeit viele traurige, desolate Seiten aufweist, die Meyer Levin in seiner Version noch versucht hatte, in ihrer Widersprüchlichkeit nachzuempfinden. Während in seinem Stück, und im Tagebuch selbst, sich Anne am Ende von Peter zurückzuziehen beginnt, unter dessen Charakterschwäche, auch unter dessen unsicherer Identität sie leidet, stehen die beiden am Ende des Stückes von Goodrich und Hackett gemeinsam, Arm in Arm, am Fenster und schauen in den Himmel. Dann folgt die letzte Szene im Hinterhaus, ihre Verhaftung.

Das allerletzte Wort hat Otto Frank selbst, und es führt zurück zu den Motiven, die ihn angetrieben haben, sich dem Tagebuch seiner Tochter zu verschreiben. Die Rahmenhandlung des Stückes, Franks Rückkehr nach Amsterdam im Herbst 1945, wo er das Tagebuch ausgehändigt bekommt, setzt den Schluß: Otto Frank, 1945 im Hinterhaus das Tagebuch lesend, beendet seine Lektüre. Er erzählt Miep Gies und Kraler von Annes Weg in die Lager. Wie es ihr dort erging, erfahren wir nicht, aber: "so seltsam es klingen mag, daß ein Mensch im Konzentrationslager glücklich sein konnte - in dem Lager in Holland, in das wir zuerst gebracht wurden, war Anne glücklich. Nach zwei Jahren des Eingesperrtseins in diesen engen Räumen konnte sie wieder draußen sein, draußen in der Sonne und an der frischen Luft, die sie so sehr entbehrt hatte." [25]

Er blättert im Tagebuch und er findet jene Stelle, die zur Summe des Stückes werden soll. Annes Stimme ertönt, und wiederholt jenen schon kurz zuvor ausgesprochenen Satz: "In spite of everything, I still believe that people are really good at heart." [26] ("Trotz allem glaube ich noch an das Gute im Menschen.") Doch es folgt noch ein letzter Satz Otto Franks: "Wie sie mich beschämt", ein Satz, in dem möglicherweise mehr mitschwingt, als die Autoren es ahnten.

Die Hinweise, die Anne selbst in ihrem Tagebuch auf das gibt, was sie erwartet, ihr Wissen um Gaskammern, Massenmord und Lager, auch über die Zustände in Westerbork, ihre Schuldgefühle gegenüber den Freundinnen, von deren Deportation sie erfährt, all das, was auch die gekürzte Fassung des Tagebuches durchaus noch an Schrecken bereithielt, war aus dem Szenario des Stückes fast vollständig verbannt.
Ein Jahr später, im Oktober 1956, kam das Stück auch auf die deutsche Bühne, und die Auflage des Tagebuches schnellte in die Höhe. Die Wahrnehmung dessen, was in diesem Tagebuch zu lesen sei, war nun durch die Brille des Stückes eingefärbt. 1958-1959 folgte in den USA die Verfilmung THE DIARY OF ANNE FRANK durch George Stevens, 1959 wurde daraus auch in Deutschland ein großer Kinoerfolg.
Kanonisch wurde nun Anne Franks Satz, sie glaube trotz allem an das Gute im Menschen. Im Tagebuch selbst, und es sei noch einmal wiederholt: auch in Levins Stück, folgt auf diesen Satz freilich eine höchst ambivalente Passage:
"Es ist mir nun mal unmöglich, alles auf der Basis von Tod, Elend und Verwirrung aufzubauen. Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, daß sich alles zum Guten wenden wird, daß auch diese Härte aufhören wird, daß wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden." (15.7.1944)
An anderer Stelle hat sie diesen Wechsel vom Dunkel zum Licht noch fatalistischer formuliert: "Ich glaube nicht, daß der Krieg nur von den Großen, von den Regierenden und Kapitalisten gemacht wird. Nein, der kleine Mann ist ebenso dafür. (...) Im Menschen ist nun mal der Drang zur Vernichtung, ein Drang zum Totschlagen, zum Morden und Wüten, und solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme, keine Metamorphose durchläuft, wird Krieg wüten, wird alles, was gebaut, gepflegt und gewachsen ist, wieder abgeschnitten und vernichtet, und dann fängt es wieder von vorn an." (3.5.1944)

Von all diesen Widersprüchen darf die Botschaft der Anne Frank nicht getrübt sein. Über die Theater- und Filmpremieren schreiben die Zeitungen unter Überschriften wie diesen:
"Zeugnis des Guten im Menschen", "Menschenliebe aus einer Fülle von Hass", "Zeugnis reinen Herzens aus der Zeit des Grauens", "Gedenkstunde der Menschenangst".
Und immer wieder wird betont, wie eng sich Goodrich/Hackett an den originalen Wortlaut des Tagebuches gehalten hätten, ein offenbar gut kultiviertes Gerücht. "Fast immer", so die FAZ am 3. Oktober 1956, "kommt der originale Text zur Sprache."
Die Theateraufführungen im Oktober 1956 und später nahmen den Charakter von Gedenkveranstaltungen an, auf die Aufführungen folgte minutenlanges Schweigen. Mancherorts wurde schon im Programmheft zum Unterlassen von Beifall aufgefordert, das Stück also aus jedem möglichen Diskurs von Zustimmung oder Ablehnung herausgehoben. Die Zuschauer reagierten erwartungsgemäß tief emotionalisiert, darauf befragt, worin ihre Erschütterung bestand, freilich mit höchst widersprüchlichen Antworten, die vom Bekenntnis zu Schuldgefühlen bis zur Behauptung reichte, sich und das eigene Schicksal, also die deutschen Opfer in Bombennächten und Vertreibung, im Stück wiedererkannt zu haben.
Auch die veröffentlichten Reaktionen in Deutschland kreisten um wenige Kernmotive, die man wie folgt pointieren könnte:

"In der leidenden Jüdin erkennt sich der leidende Mensch schlechthin."
"Anne Frank war voll von Liebe. Das Gute siegt über den Haß."
"Endlich ein Stück ohne Rachegedanken."
"Anne Franks ungebrochener Glaube an das Gute rettet uns."
"Wir sind gemeinsam schuldig geworden. Die Erinnerung daran stiftet die geistige Wiedervereinigung Deutschlands."
"Wir litten ähnlich und heute leiden die Menschen auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs genauso."

Sätze, deren Spektrum also von einem abstrakt-humanistischen Bekenntnis bis zu aggressiven Parolen des Kalten Krieges reicht, die aber deswegen noch lange nicht in Widerspruch zueinander stehen müssen.
In seinem Vorwort zur Taschenbuchausgabe hatte Albrecht Goes schon 1955 den Grundton der weiteren Rezeption angeschlagen. Angekündigt wird ein Dokument "erwachenden Menschentums" [27]. Von wem, fragt er rhetorisch, seien Anne Frank ihre "Auseinandersetzungen" auferlegt worden: "Von der Zeit? Von dem besonderen Los? Auferlegt vom innersten Wesen des eigenen Lebens", antwortet er, um mit den Worten zu schließen: "Es ist notwendig, in der Welt von 1955, die nicht aufhört, eine Welt der Konzentrationslager und der Verfolgungen zu sein." [28]
1959, nach der Filmpremiere, wird der Ton auch in dieser Hinsicht schärfer: So ist in der Basler National-Zeitung zu lesen: "Der Rest ist im Zuschauersaal, tiefe Stille, Besinnung darauf, daß Anne Frank, fünfzehn Jahre nach Kriegsende, Schicksalsgenossen hat. Der Terror ist derselbe geblieben. Nur die Farbe hat sich geändert und die Menschen im heutigen 'Hinterhaus' schützt weder Rasse noch Religion." [29]

Der Film wird als die "von Haß- und Rachegedanken freieste Anklageschrift aus der Zeit des Hitlerterrors" angepriesen. "Die Quintessenz sind Otto Franks, des Vaters Worte, daß ihn die tote Anne Frank beschämte, weil sie in den schwärzesten Stunden der Angst nicht nach Rache zu dürsten vermochte." Und George Stevens wird gedankt dafür, daß "er uns keine brüllende SS, keine Stiefel, keinen Stechschritt auf(tischt)", sondern eine "pastosere" Widerspiegelung des Grauens. Selbst die beiden im Film zu sehenden Feldgendarmen seien "nur Ausführende eines bestialischen Willens, des Teufels, der ganz oben saß; und dessen Stimme wir aus dem kleinen Radiohörer (...) wiederholt hören."
Scheinbar ganz anders argumentiert da 1956 Gert Kalow in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, indem er das gemeinsame Schuldbekenntnis als geistige Wiedervereinigung interpretiert:
"Kaum ein west- oder ostdeutsches Theater, das dieses Memento nicht ankündigte oder schon im Programm führte: ein Element Wiedervereinigung, geistige Wiedervereinigung, gestiftet von einem dreizehnjährigen jüdischen Mädchen, das von uns (sagen wir nicht: 'von den bösen Nazis', als dürften wir die Last auf eine nun schon historische Instanz abschieben, sagen wir: 'von uns') im KZ Belsen ermordet wurde. Niemand, auch der alte Kämpfer des Antifaschismus nicht, auch, so hoffen wir, so glauben wir, der einstige Nationalsozialist nicht, schaut in diesen Spiegel hasslos ertragenen, abgründigen Leides ohne Erschütterung. Niemand, und mag er's uns ins Gesicht bestreiten, verläßt die Aufführung unverwandelt." [30] Wenige Jahre später, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, wäre eine solche Sentenz vielleicht nicht mehr möglich gewesen.
Die hier erstrebte Katharsis und ihr nationaler Subtext verweisen gleichwohl auf den Wunsch nach einer gelingenden Selbstreinigung des "Deutschen Wesens", die die verschüttete Substanz einer deutschen Kulturnation freilegen soll. Und an diesem Projekt wird weiter festgehalten. [31]

Eine Synthese dieser widersprüchlichen Elemente gelingt 1962 scheinbar mühelos Werner Hess, dem damaligen Intendanten des Hessischen Rundfunks, in einer Ansprache im Rahmen der damals jährlich stattfindenden Anne-Frank-Gedenkfeiern in der Aula der Frankfurter Universität.
Die Theateraufführungen hatten eine Welle von neuen Gedenkformen nach sich gezogen, so zum Beispiel Pilgerfahrten von Tausenden von Hamburger Schülern nach Bergen-Belsen, die von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit organisiert wurden. In Frankfurt wurde seit 1957 der Geburtstag Anne Franks als Gedenktag begangen, ein Ritual, über das später noch zu sprechen sein wird.

Am 24. Juni 1962, also dem ersten Geburtstag Anne Franks nach dem Mauerbau, schlägt Werner Hess den Bogen vom Schuldbekenntnis zum Kalten Krieg, vor allem aber zu einem neuen historischen Kulturauftrag der Deutschen.
Zunächst konstatiert er, daß die Jugend von der Vergangenheit nichts wissen, das Erbe der Väter nicht antreten wolle. Er konstatiert, unter anderem mit dem Verweis auf den Eichmann-Prozeß vor einem "israelitischen (sic) Gericht", daß es nicht möglich sei, "sich an jenem hemmenden Felsblock der Irrung und der Schuld vorbeizudrücken und seinen Privatweg in das Untergeholz und Gestrüpp der Zeit zu suchen. Nein, es wird uns nichts anderes übrig bleiben, wenn wir leben wollen - oder besser gesagt wenn wir als Volk leben wollen, dann müssen wir mit unserer Hände Kraft und ganz bewußt diesen Felsen aus dem Weg rollen und versuchen, unsere Zukunft zu bewältigen." Und dann wird er deutlicher:
"Das ist das Erschrecken, das ausgeht von diesem Mädchen Anne Frank und seinem Schicksal. Denn es ist eben nicht Vergangenheit, sondern an anderem Ort, unter anderem Vorzeichen dauert es an und wächst, jenes nihilistische Geringschätzen alles Menschlichen, aller Bindungen, aller Gottähnlichkeit, die den Menschengeschöpfen eignet, namens irgendeiner Ideologie (...) Sind wir wirklich darüber hinaus, daß wir heute in dieser Feierstunde sagen könnten, dies gehört ein für alle mal der Vergangenheit an? Die Zeit der KZ und der willkürlichen zynischen Massenvernichtung, die Zeit der Bombennächte, der Trecks und des Untergangs, die Zeit in der die vier Besatzungszonen damals 12,5 Millionen sogenannter Flüchtlinge und Ausgewiesene aufzunehmen hatten. Was hat sich geändert seitdem. Bis zum 13. August 1961 haben 2,6 Millionen Menschen aus der Sowjetzone im Westen die Notaufnahme beantragt, und seit die Mauer gebaut ist, knattern die Schüsse der uniformierten Jäger auf das Freiwild Mensch, das das einzige Verbrechen begeht, von seinem deutschen Vaterland in sein deutsches Vaterland hinüberwechseln zu wollen. (...) Und wieder hängen in Deutschland Tote in den Stacheldrähten, Unschuldige, Unbekannte, Menschen wie du und ich oder wie Anne Frank."
Seine Rede greift aus bis nach Tibet und Laos und endet mit einem selbstbewußten Fazit: "Wir haben eine Botschaft an diese grandiose Zukunft, die sich da draußen ankündigt, und an unsere Jugend, die stolz sein soll, diese Botschaft gerade aus Deutschland weiterzutragen in eine neu sich formende Welt. (...) hier öffnen sich metaphysische Zusammenhänge, von denen gerade wir Deutschen etwas sagen können." [32]

Die immer nur metaphorisch benannte DDR war unterdessen selbst nicht untätig geblieben, um ihre eigene Version der Anne Frank dem Westen entgegenzusetzen. Erwähnt werden soll an dieser Stelle vor allem der Film EIN TAGEBUCH FÜR ANNE FRANK, den die DEFA-Dokumentarfilmabteilung 1958 herausbrachte.
EIN TAGEBUCH FÜR ANNE FRANK beginnt mit der Begeisterung eines jungen Mädchens, das am Deutschen Theater in Berlin (Hauptstadt der DDR) für die Rolle der Anne Frank ausgesucht wurde. Eine väterliche Stimme aus dem Off freut sich mit ihr und für sie, lenkt dann aber die Aufmerksamkeit auf Annes Schicksal nach dem Tagebuch, also ihre Verhaftung, Deportation und Ermordung. Damit freilich bleibt der Film nicht stehen, der im Zusammenhang einer Reihe von DEFA-Dokumentarfilmproduktionen gesehen werden muß, die sich Ende der fünfziger Jahre nach zehnjähriger Abstinenz gegenüber der Thematisierung des Holocaust wieder verstärkt dieses Teils der Geschichte annahm, freilich mit einer nun präzise gegen Westen gerichteten Spitze.
Auch EIN TAGEBUCH FÜR ANNE FRANK (ein Titel, den die Dramaturgie des Films an keiner Stelle einlöst, denn nicht um irgendein persönliches Verhältnis zu Anne Frank geht es hier) konzentriert sich vor allem darauf, einzelne Täter, die schuld an Anne Franks Tod sind, dingfest zu machen und ihre Nachkriegskarrieren in der BRD zu entlarven. Insbesondere die IG Farben spielen natürlich eine Hauptrolle. Dabei ist der Film zuweilen erfrischend deutlich, wenn die betreffenden Herren in fetter Wohllebigkeit am Starnberger See oder beim Verlassen ihrer Garage mit dem Auto aufgespürt und ihre Adressen bekannt gegeben werden.
Für Anne Frank interessierten sich die Autoren Joachim Hellwig und Günther Deicke freilich nur am Rande.

Ebenfalls 1958 erscheint in der DDR der Roman Nackt unter Wölfen von Bruno Apitz. Es ist unwahrscheinlich, daß die Entstehung des Buches durch den Erfolg des Tagebuches von Anne Frank in Westdeutschland beeinflußt worden ist. Bruno Apitz hat jedenfalls seit 1955 von seiner Arbeit an dem Buch gesprochen. Retrospektiv läßt sich freilich von Apitz' Roman geradezu als Gegenentwurf zum Tagebuch der Anne Frank sprechen. Nackt unter Wölfen entwickelte sich zu einem der meistgelesenen Bücher der DDR, insbesondere auch in seiner Funktion als Schullektüre. Auch in Nackt unter Wölfen werden die Situation des Lagers und das Schicksal der Verfolgten um die Figur eines jüdischen Kindes herum entwickelt. Doch das jüdische Kind bleibt selbst ein reines Objekt der Rettungstat des kommunistisch geführten Widerstandes im Lager, der schließlich in der Darstellung der "Selbstbefreiung" gipfelt. Das Kind, zumeist nur als das "polnische Kind" benannt, erscheint zudem in einer auffälligen Tiermetaphorik gebannt, auf die Korinna Hennig in ihrem jüngst erschienen Aufsatz über das Buch hingewiesen hat: "wie ein zusammengekrümmtes Insekt", "wie ein Käfer", "wie ein Engerling", "wie ein zutrauliches Hündchen", "wie ein kleiner Bär". "Meist liegt es zusammengekrümmt da, embryohaft, bleibt stets auf tierähnliche Art passiv, schreit oder wimmert selten, spricht während des ganzen Geschehens nicht ein Wort." [33]
Dem Widerstand gelingt es schließlich, den menschlichen Impuls, das Kind zu retten, und die Forderungen der Konspiration und des illegalen Kampfes, das Humane und das Politische miteinander zu versöhnen. Das Kind (und damit der Jude) wird gerettet, ohne jemals ein Subjekt geworden zu sein - es dient als Medium der zu sich selbst und zur vollendeten Humanität findenden Widerstandskämpfer, als Verpflichtung des politischen Kampfes. Die Rettung des Kindes wird zum Mythos der Erlösung aus der tiefsten Barbarei, der drohenden eigenen Verrohung durch den Terror des Gegners.

Im Westen hingegen mußte Anne Frank, das unschuldige Opfer, tot sein, um jedes Jahr aufs neue zum Leben erweckt werden zu können. Die Veranstaltungen in der Aula der Frankfurter Universität folgten bald einem festgelegten Schema, daß uns allen wohlbekannt ist. Auf die Begrüßung durch einen Politiker folgen ein oder zwei Gedenkreden, wie die von Hess, aber auch von Eugen Kogon, Fritz Bauer, Robert Kempner oder Max Horkheimer. Am Schluß stand regelmäßig ein musikalisches Rahmenprogramm, sozusagen ein Geburtstagsständchen für Anne Frank. Dann und wann wurde das Fernbleiben der Jugend beklagt, so auch 1970. In diesem Jahr freilich waren auch die meisten Älteren fortgeblieben und im Saal verloren sich ungefähr 70 Menschen im Durchschnittsalter von sechzig Jahren. Das jährliche Ritual der Geburtstagsfeier wurde eingestellt und es wurde still um Anne Frank. 1979 erst wieder, Anne Franks 50. Geburtstag stand bevor, erinnerte man sich in Frankfurt an sie. Für eine Gedenkfeier allerdings zu spät.
1957 lag auf dem Rednerpult noch ein symbolisches Geburtstagsgeschenk für Anne Frank, ein Strauß bunter Sommerblumen. Und die Frankfurter Neue Presse berichtete über den achtundzwanzigsten Geburtstag unter anderem mit den Worten: "Das kleine jüdische Mädchen, von dem man nicht einmal weiß, wie es sterben mußte, hat gesiegt."
Ähnlich äußerte sich 1957 auch Norbert Mühlen, der eine große Zahl von Gesprächen mit deutschen Besuchern des Stückes geführt hatte, in einem Bericht für die Anti Defamation League.
"The extent to which Anne Frank has become a symbol struck me again when a young Berlin dancer - a girl raised in a strong nazi home but without any political interests - said on mention of Anne Frank's name: 'Isn´t it wonderful that a girl who went through so much suffering could still say, 'I believe in the goodness of man'.' The dancer had never read the book or seen the play, yet she repeated the quotation accurately. For Anne Frank's influence has been infinitely wider than the immediate audience for the play and book. Anne Frank has become a witness and a teacher to her survivors. Thus her homecoming to the country which expelled her and then killed her has become a strange but heartening kind of triumph." [34]
Alvin Rosenfeld, dem ich dieses Zitat auch verdanke, zieht aus Norbert Mühlens Beobachtungen einen anderen, bitteren Schluß:
"In a word, Anne Frank has become a ready-at-hand formula for easy forgiveness. Far from this development representing her triumphant homecoming to the country that first expelled and then killed her, it represents quite the reverse: the triumph of Anne Frank's former countrymen over her. In her name, they have, after all, forgiven themselves." [35]

Die "Universalisierung" Anne Franks, sie verrät den Universalismus, mit dem Anne Frank selbst in ihrem Tagebuch ringt. "Universalisiert", freilich als das Böse schlechthin, nämlich als die angeblichen Erfinder des Gewissens, hatten schon die Nazis, hatte von jeher der Antisemitismus die Juden. Sie waren nicht eine Religion unter Religionen, auch nicht eine Rasse unter Rassen, sondern das Phantom eines Gegenprinzips, hinter den "Masken" der Realität, über dessen Auslöschung die eigene innere Einheit, der Sieg deutschen Wesens zu stiften sei. Insofern war das, was die Nazis auch an Anne Frank exekutierten, vergleichbar einem nationalen Gründungsopfer - eine negative Universalisierung im Dienste eigener Identität.
Anne Frank selbst schrieb dazu, halb im Scherz, halb im Ernst, die jüdische Auserwähltheit könnte doch auch einmal zur Abwechslung zum Guten ausfallen. Sie war alles andere als eine Märtyrerin, gerade dann, wenn sie über ihre Verfolgung zuweilen schrieb wie über ein Abenteuer.
Und wenn sie davon sprach, irgendwann einmal etwas schreiben, etwas gestalten zu wollen, das auch nach ihrem Tod weiterlebt, dann wollte sie noch lange nicht für etwas sterben.

Die Vorstellung, die jüdischen Opfer könnten ein Vorbild sein für die Menschen einer Welt nach der Katastrophe, wie Anne Frank dies erträumte, mutet angesichts dessen als ein hilfloser Versuch an, den eigenen Leiden einen Sinn zu verleihen. Und dies gilt vielleicht auch für Meyer Levins Bemühen, das Tagebuch Anne Franks in eine jüdische Perspektive einzuordnen.
Etwas anderes aber ist es, sie zum "Spiegel" zuzurichten, in dem sich alle, auch ihre Mörder, betrachten können. Der "Humanismus", der solches unternimmt, setzt die Auslöschung des Gesichtes, das ihn anschaut, bereitwillig oder unfreiwillig fort, anstatt ihr zu widersprechen.
So ist die "Universalisierung" der Anne Frank nicht bloße Leichenfledderei, sie ist die Vollendung ihrer Vernichtung.
Und Anne Franks Botschaft an die Jugend der Welt? Anne Frank war im Hinterhaus nicht nur mit der immer fragwürdiger werdenden Welt der Erwachsenen konfrontiert, ihren Verboten und Eifersüchteleien, ihrer Heuchelei und ihren Gebeten, ihrer Moral und ihrer Scham. Unerträglich war das Hinterhaus für Anne Frank, und rettend das Tagebuch, weil all das Schlechte in der Welt, alle Verfolgung und alle Angst, alle Einschränkungen, die "vernünftigen" wie die aus Eigensucht geborenen, ihr gegenüber durch Menschen repräsentiert wurde, die sie liebte, wenigstens lieben wollte - daß sie sich von Menschen ablösen wollte, ablösen mußte, mit denen sie zugleich gemeinsam jeden Tag um ihr Leben bangen mußte.

Anne Frank darf auch deswegen nicht sterben, sie wird auch deshalb jeden Tag aufs neue gerettet, weil sie nicht Kind bleiben darf, nicht rebellisch, nicht aggressiv und launisch, wechselhaft und ihrer Phantasie lebend. Sie soll erwachsen werden, den Erwachsenen helfen, die Welt in Ordnung zu bringen, der Jugend moralische Lehren zu erteilen, Gewalt zu bekämpfen, Haß einzudämmen. Sie soll als Beruhigungsmittel wirken in einer aus den Fugen geratenen Welt. Sie soll Otto Frank nicht allein lassen mit seiner Schuld, die gar nicht existiert, seinem Schuldgefühl, ohne das er nicht hätte weiterleben können. Das er brauchte, um sich zu dem, was geschehen war, überhaupt in ein menschliches Verhältnis setzen zu können.
Harry Mulisch schrieb einmal, eine trotzige Hoffnung aussprechend, das Tagebuch sei eine "mächtige Waffe gegen den Faschismus". Daß Auschwitz "sich ereignet hat, ist die mächtigste Vorbeugung gegen eine Wiederholung". [36] Primo Levi hingegen hat fatalistischer argumentiert: "Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben." [37]
In der Inszenierung des Theaterstückes durch die Habimah in Tel Aviv, Ende der fünfziger Jahre, spricht Otto Frank am Ende, nach Annes Bekenntnis zum Guten im Menschen, nicht den Satz, der im Stück steht: "Wie sie mich beschämt", sondern die Worte: "Ich weiß nicht, ich weiß nicht." [38]
Es ist diese Skepsis, die aus dem Tagebuch selbst spricht, die Anne Franks selbsternannte Retter so lautstark zu übertönen versuchen. Das Tagebuch selbst und seine Millionen Leserinnen und Leser kommunizieren womöglich trotzdem miteinander, heimlich und in aller Unschuld, ganz anders, als seine Interpreten es wünschen. Doch davon zu berichten wäre ein anderes Kapitel.


Aus: Stephan Braese / Holger Gehle / Doron Kiesel / Hanno Loewy (Hg.), Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust. Frankfurt am Main, New York: Campus, 1998, S. 19-41 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 6).


  1. Lawrence L. Langer, "The Americanization of the Holocaust on Stage and Screen", in: ders., Admitting the Holocaust. Collected Essays. New York, Oxford: Oxford University Press, 1995, S. 157-177. (Zuerst in: Sarah Blacher Cohen (Hg.), From Hester Street to Hollywood. Bloomington 1983.)
  2. Ebd.
  3. Alvin H. Rosenfeld, "Popularization and Memory: The Case of Anne Frank", in: Peter Hayes (Hg.), Lessons and Legacies. The Meaning of the Holocaust in a Changing World. Evanston: University of Illinois Press, 1991, S. 243-278.
  4. Z. B. Bruno Bettelheim, "The Ignored Lesson of Anne Frank", in: Surviving and Other Essays. New York: Knopf, 1979, S. 246-257.
  5. Sander Gilman, Jüdischer Selbsthaß. Antisemitismus und die verborgene Sprache der Juden. Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag/Suhrkamp, 1993, S. 314-334. Das hierin enthaltene Kapitel über die Rezeption des Tagebuchs der Anne Frank ist einer der wenigen in deutscher Sprache erschienenen Texte aus dieser Debatte. (Originalausgabe: Jewish Self-Hatred. Baltimore: John Hopkins University Press, 1986.)
  6. James E. Young, "Das Anne Frank Haus", in: ders. (Hg.), Mahnmale des Holocaust. München: Prestel, 1993, S. 107-113.
  7. George Steiner, "Das hohle Wunder", in: ders., Sprache und Schweigen. Essays über Sprache, Literatur und das Unmenschliche. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1969, S. 129-146.
  8. Deutsche Ausgabe: Philip Roth, Der Ghost Writer. München: Hanser, 1980.
  9. Zitiert nach: Rosenfeld, "Popularization and Memory", S. 252.
  10. Ebd.
  11. Ebd., S. 253.
  12. Ebd.
  13. So Otto Frank bei der Eröffnung des Museums im "Anne Frank Haus" und des "Internationalen Jugendzentrums" im Nebenhaus im Jahre 1960, zitiert nach Young, "Das Anne Frank Haus", S. 110.
  14. Die Tagebücher der Anne Frank. Herausgegeben vom Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie, übersetzt von Mirjam Pressler, Frankfurt am Main: Fischer, 1988.
  15. Miep Gies gehörte zu den holländischen Freunden und Helfern der Familie Frank, die sie im Hinterhaus zu schützen versuchten.
  16. Ich zitiere Anne Franks Tagebuch aus der von Mirjam Pressler neu übersetzten Ausgabe von 1992 (Anne Frank, Tagebuch. Frankfurt am Main: Fischer, 1992), die wiederum auf der schon genannten "vollständigen" Ausgabe von 1988 fußt. Die Vergleichszitate stammen aus der Taschenbuchausgabe von 1955 (Das Tagebuch der Anne Frank. Frankfurt am Main: Fischer, 1955), die auf der ersten deutschen Übersetzung von Anneliese Schütz von 1949 beruht.
  17. Meyer Levin, In Search. Paris: Author's Press, 1950, S. 173f.
  18. Zitiert nach Lawrence Graver, An Obsession with Anne Frank. Meyer Levin and the Diary. Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press, 1995, S. 15.
  19. siehe Anmerkung 18.
  20. Meyer Levin, Anne Frank. A Play by Meyer Levin. Adapted from the "Diary of Anne Frank". Selbstdruck, ohne Ort, ohne Jahr. Levins Version ist bis heute nicht veröffentlicht worden. Eine von Levin selbst in den siebziger Jahren produzierte Broschüre mit dem Text erreichte nie den Buchhandel und wurde von ihm, aus rechtlichen Gründen, mit dem Hinweis "Privately published by the author for literary discussion" versehen. Sie gibt offenbar den Text in der Bearbeitung von Batya Lancet und Peter Frye für das Israel Soldiers Theatre wieder. Ein Exemplar, auf das ich im folgenden Bezug nehme, wurde mir von Meyer Levins Sohn Mikael Levin zur Verfügung gestellt.
  21. Vincent C. Frank-Steiner, "Der kleinste gemeinsame Nenner des Humanen", in: Stapferhaus Lenzburg (Hg.), Anne Frank und wir. Zürich: Chronos, 1995, S. 188.
  22. Die Frage nach der Bedeutung dieses Nikolausabends für Anne Frank, der 1942 fast unmittelbar mit Chanukka zusammenfiel, hat verschiedene Interpreten des Tagebuches beschäftigt. Sander Gilman zieht daraus den überzogenen Schluß, Anne Frank sei gewesen "wie andere Kinder assimilierter Juden, die christliche religiöse Bräuche ohne deren religiösen Inhalt an die Stelle jüdischer religiöser Bräuche setzten" (Gilman, Jüdischer Selbsthaß, S. 320). Doch Anne Frank schreibt auch, warum Nikolaus und Weihnachten, die die nicht-jüdischen Freunde mit Ihnen feiern wollen, für sie interessanter sind: Die Feste besitzen den Reiz des Neuen. "Es war jedenfalls alles schön ausgedacht, und da wir alle acht noch nie in unserem Leben Nikolaus gefeiert haben, war diese Premiere gut gelungen." (7.12.1942) Zwei Tage zuvor, also vor ihrer ersten Begegnung mit dem Nikolausfest, hatte sie noch in ihr Tagebuch geschrieben: "Gestern war es herrlich, wir haben erst Kerze[n] angezündet und sind dann nach oben gegangen", wo die Geschenke verteilt wurden (dieser Eintrag vom 5.12.1942 findet sich nur in der historisch-kritischen Ausgabe; wie Anmerkung 14, S. 374). Meyer Levin hingegen klagte in seiner Autobiographie The Obsession (New York 1973) über Goodrich/Hacketts Dramatisierung: "(...) etwas schien mir nicht zu stimmen. So wie sie es darstellten, erinnerte es mehr an Weihnachten." (S.121) Dies würde der gängigen Praxis vieler assimilierter jüdischer Familien allerdings kaum widersprechen. Offenkundig spielten die jüdischen Feiertage für Anne Frank, über Geschenke und Kerzenstimmung hinaus, keine bedeutende Rolle, jedenfalls nicht in ihrem Tagebuch.
  23. Dort heißt es unter anderem: "Who knows, perhaps the whole world will learn, from the good that is in us, and perhaps for that reason the Jews have to suffer now. Right through the ages there have been Jews, through all the ages they have had to suffer, and it has made us strong." Levin, Anne Frank, S. 75. Meyer Levin gibt hier Anne Franks eigene Sinnstiftung ihres Leidens und ihrer Deutung des jüdischen Schicksals als "beispielgebend" wieder - ein Aspekt von Anne Franks Tagebuch, der, da er so offen ausgesprochen und damit diskutierbar und kritisierbar wurde, möglicherweise Unbehagen provozierte.
  24. Frances Goodrich, Albert Hackett, The Diary of Anne Frank. New York: Random House, 1956, S. 168. Die deutsche Ausgabe erschien 1958 unter dem Titel: Frances Goodrich, Albert Hackett, Das Tagebuch der Anne Frank. Ein Schauspiel in Frankfurt am Main als Taschenbuch (Fischer). Dort findet sich die entsprechende Sequenz auf S. 143.
  25. Goodrich/Hackett, Das Tagebuch der Anne Frank, S. 147f.
  26. Goodrich/Hackett, The Diary of Anne Frank, S. 170, 174; in der deutschen Ausgabe S. 144 und S. 149.
  27. Albrecht Goes, "Vorwort", in: Das Tagebuch der Anne Frank. Frankfurt am Main: Fischer, 1955, S. 5.
  28. Ebd., S. 6.
  29. Gerty Agoston, "Anne Frank: Menschenliebe aus der Fülle von Hass", in: National-Zeitung Basel, 20.6.1959.
  30. Gert Kalow, "Lob eines Zimmerspiels", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.1956.
  31. Wie sarkastisch Anne Frank selbst die Substanz des deutschen Widerstands und seine Vorstellungen einer deutschen Nation nach dem Nationalsozialismus betrachtete, wird mehrfach deutlich. Vielleicht am schlagendsten in jenem Eintrag vom 21. Juli 1944, als sie die Nachricht vom Anschlag auf Hitler mit folgenden Worten kommentierte: "Der beste Beweis doch wohl, daß es viele Offiziere und Generäle gibt, die den Krieg satt haben und Hitler gern in die tiefsten Tiefen versenken würden, um dann eine Militärdiktatur zu errichten, mit deren Hilfe Frieden mit den Alliierten zu schließen, erneut zu rüsten und nach zwanzig Jahren wieder einen Krieg zu beginnen. Vielleicht hat die Vorsehung mit Absicht noch ein bißchen gezögert, ihn aus dem Weg zu räumen. Denn für die Alliierten ist es viel bequemer und auch vorteilhafter, wenn die fleckenlosen Germanen sich gegenseitig totschlagen."
  32. Werner Hess, Rede zur Anne Frank-Gedenkfeier am 24. Juni 1962, unveröffentlichtes Manuskript, Pressearchiv des Hessischen Rundfunks.
  33. Korinna Hennig, "Das Prinzip Hoffnung. Zur Funktion von Kinderfiguren bei Bruno Apitz und Jurek Becker", in: Claude Conter (Hg.), Literatur und Holocaust. (= Fußnoten zur Literatur, Heft 38, herausgegeben von Wulf Segebrecht), Bamberg: Universität Bamberg, 1996, S. 81-91.
  34. Norbert Mühlen, "The return of Anne Frank", in: The ADL Bulletin, Juni 1957, S. 2.
  35. Alvin Rosenfeld, "Popularization and Memory" (wie Anm. 3), S. 271.
  36. Harry Mulisch, "Das Mädchen und der Tod. Anne Frank zum Gedenken", in: Die Zeit, 18.4.1986. Wiederabgedruckt in: Harry Mulisch, Die Säulen des Herkules. München, Wien: Hanser, 1997, S. 172-183.
  37. Primo Levi, Die Untergegangenen und die Geretteten. München, Wien: Hanser, 1990, S. 205.
  38. Siehe Rosenfeld, "Popularization and Memory", S. 276.