Cinematographie des Holocaust

Materialien zu Filmen

THERESIENSTADT. EIN DOKUMENTARFILM AUS DEM JÜDISCHEN SIEDLUNGSGEBIET R: Kurt Gerron. (Deutschland / Tschechoslowakei, 1944-1945)


Artikel

 

Das Konzentrationslager als Idylle: "THERESIENSTADT" - EIN DOKUMENTARFILM AUS DEM JÜDISCHEN SIEDLUNGSGEBIET

Von Karel Margry


Zwischen 1944 und 1945 produzierten die Nazis einen Propagandafilm über Theresienstadt, das Konzentrationslager für Juden in der besetzten Tschechoslowakei. Zweck dieses Films war es, ein falsches Bild von Theresienstadt zu geben und die Außenwelt darüber zu täuschen, was wirklich mit den europäischen Juden geschah. Der Film wurde im August und September 1944 gedreht; seine Darsteller waren die jüdischen Häftlinge des Lagers selbst: Hunderte wurden als Statisten eingesetzt oder mußten eine spezielle Rolle übernehmen. Die SS-Lagerkommandantur machte den Berliner Kabarettisten, Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron, selbst Häftling in Theresienstadt, zum Leiter eines jüdischen Produktionsstabes. [1] Ein Kamerateam der Prager Wochenschau-Gesellschaft Aktualita kam nach Theresienstadt, um die eigentlichen Dreharbeiten im Lager durchzuführen. Der Film wurde in Prag geschnitten und im März 1945 fertiggestellt. Bei Kriegsende jedoch war der Nazifilm über Theresienstadt verschwunden, und obwohl seither einzelne Szenen und Fragmente wieder aufgetaucht sind, gibt es bis heute keine vollständige Kopie. Dieser Aufsatz erörtert eine Reihe von Irrtümern oder Mißverständnissen über den Theresienstadtfilm. Er gibt außerdem, gestützt auf Dokumente und das vorhandene Bildmaterial, eine Rekonstruktion der fertigen Fassung des Filmes von März/April 1945.

Zunächst ist es notwendig, Theresienstadt selbst zu beschreiben, denn seine Entstehungsgeschichte als Ghetto ist für das Verständnis des Films nicht unwesentlich. [2] Theresienstadt, d.h. auf Tschechisch Terezín, ist eine kleine Festungsstadt etwa 60 Kilometer nördlich von Prag. Erbaut gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch den österreichischen Kaiser Joseph II., verfügte es über mächtige Schanzen, hohe Festungswälle, stabile Kasematten und ausgedehnte graue Kasernen, die ein großes Rechteck bildeten, durchzogen von Straßen, die sich im rechten Winkel kreuzten. Im Oktober 1941 beschlossen die Nazis, Theresienstadt in ein Konzentrationslager für Juden im "Protektorat Böhmen und Mähren" zu verwandeln, bevor sie in die Vernichtungslager im Osten deportiert würden. Als solches unterschied es sich zunächst nicht von den Durchgangslagern in anderen von Deutschland besetzten Ländern. Nachdem die ursprüngliche Stadtbevölkerung nach dem Räumungsbefehl vom 16. Februar 1942 Theresienstadt verlassen hatte, füllte sich die alte Garnisonsstadt bald mit Juden aus dem gesamten Protektorat. Die Nazis erklärten Theresienstadt zu einem Ghetto unter "jüdischer Selbstverwaltung", was praktisch bedeutete, daß die Gefangenen selbst für Unterbringung, Nahrung, medizinische Versorgung oder die Betreuung und Verpflegung der Kinder sorgen mußten. Dem Namen nach wurde das Ghetto durch einen "Ältestenrat" verwaltet, der durch den "Judenältesten" geleitet wurde. Doch in Wahrheit unterlagen alle Entscheidungen dem SS-Lagerkommandanten, der das Ghetto mit eiserner Faust regierte.

Im Januar 1942 änderten die Nazis die Funktion Theresienstadts erneut, als sie bei der berüchtigten Wannsee-Konferenz (20. 1. 1942) beschlossen, das tschechische Ghetto als Teil eines ausgeklügelten Planes zur Erleichterung der Deportationen zu benutzen. Sie kündigten an, daß Juden über 65 Jahre, im Ersten Weltkrieg verwundete Kriegsveteranen und Träger des Eisernen Verdienstkreuzes Erster Klasse nicht in die "Arbeitslager" im Osten, sondern statt dessen in das "Altersghetto" Theresienstadt geschickt werden würden. Offiziell sollten sie auf Dauer in Theresienstadt bleiben; in Wahrheit jedoch war Theresienstadt lediglich eine Zwischenstation auf dem Weg nach Auschwitz. Später kamen andere Kategorien von Leuten hinzu: öffentlich bekannte Personen, deren Verschwinden in einem Vernichtungslager ausländische oder deutsche Proteste würde auslösen können, sowie wohlhabende Juden, die ihr gesamtes Vermögen für einen Platz im "Reichs-Altersheim" abliefern mußten.

Von Juni 1942 an erreichten Transporte mit Tausenden von alten und kriegsversehrten Juden aus ganz Deutschland und Österreich Theresienstadt. Durch eine solche Anzahl von Menschen war die jüdische Administration vor schier unüberwindbare Probleme gestellt. Für etwa 7000 Menschen gebaut, hatte die Stadt plötzlich mehr als 50 000 Personen unterzubringen. Wohnraum und Wasserversorgung waren unzureichend, das Essen knapp, die Krankenstationen schlecht ausgestattet, und es fehlte an Medikamenten. Aus Raumnot mußten die Menschen in den Kasematten und auf Dachböden nächtigen. Überbevölkerung, Schmutz, Hungerrationen, schwere Arbeit und Infektionskrankheiten ließen die Sterblichkeitsrate steil ansteigen. Gegen September 1942 gab es pro Tag durchschnittlich 131 Tote. Außerdem dezimierten die Deportationen nach Auschwitz die Zahl der Lagerinsassen. Zwischen 1941 und 1945 wurden insgesamt 141 000 Menschen nach Theresienstadt gebracht; 33 430 starben dort; und 88 000 wurden in die Todeslager im Osten verschleppt (von denen nur 3500 überlebten).

Im Oktober 1943 nahm die Geschichte Theresienstadts eine plötzliche und unerwartete Wendung. In Dänemark versuchten die deutschen Besatzer, die dänischen Juden zusammenzutreiben und zu deportieren. Jedoch nur etwa 450 fielen den Nazis in die Hände; sie alle wurden nach Theresienstadt geschickt. Die dänische Regierung forderte sofort und standhaft die Genehmigung, sie dort aufzusuchen. Schließlich gestattete SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der Organisator der Deportation der europäischen Juden, daß Repräsentanten des Dänischen und des Internationalen Roten Kreuzes das Lager besichtigen könnten, jedoch nicht vor dem Frühjahr 1944. Um das Lager für den Besuch vorzubereiten, begann die SS im Dezember 1943 mit einer großangelegten "Stadtverschönerungsaktion". Den jüdischen Häftlingen wurde befohlen, die Häuserfronten zu streichen, die Straßen zu säubern, Blumenbeete anzulegen, im Park einen Spielplatz für die Kinder und auf dem Marktplatz einen Musikpavillon zu bauen, die Schaufenster der Läden zu füllen, das Ghetto-Café und die Bank herzurichten und die ehemalige Sokolovna-Turnhalle in ein Gemeinschaftshaus mit Bühne, Betstube, Bibliothek und Terrasse zu verwandeln. Das Verschönerungsprojekt dauerte Monate. Damit das Ghetto weniger übervölkert aussähe, wurden 7500 Personen im Mai 1944 nach Auschwitz geschafft.

Die Inspektion des Roten Kreuzes fand schließlich am 23. Juni 1944 statt. Die Delegierten ließen sich durch die falschen Fassaden vollständig täuschen und reichten günstige Berichte ein. Der großangelegte Schwindel erwies sich als ein kompletter Sieg für die Nazipropaganda. Ein unmittelbares Resultat dieses Besuches war, daß das Internationale Rote Kreuz davon absah, andere Lager im Osten zu inspizieren, insbesondere das "Arbeitslager" in Auschwitz. [3] Zwischen der Rot-Kreuz-Visite und dem Kriegsende wurden weitere 18 000 Juden von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. [4] Sieben Wochen nach der Inspektion begannen die Dreharbeiten für den Theresienstadt-Film.

Wer befahl den Film?

Viele Historiker und insbesondere Filmhistoriker gehen davon aus, daß der Film auf Befehl des Nazi-Propagandaministers Joseph Goebbels gedreht worden sei. [5] Für sie ist es unvorstellbar, daß ein derart wichtiger Propagandafilm ohne die Billigung des Propagandaministeriums entstanden sein könnte. Tatsächlich aber war das Goebbels-Ministerium zu keiner Zeit an der Entstehung des Films beteiligt. Abbildung 1 zeigt den komplizierten bürokratischen Apparat und die Befehlsketten, die für den Theresienstadtfilm relevant waren. Sie zeigt ebenfalls die internen Rivalitäten, die sich überschneidenden Zuständigkeiten, die Kompetenzstreitigkeiten und die keineswegs eindeutigen Kommandostrukturen, die sich der jüngeren Forschung zufolge als charakteristisch für die Nazibürokratie herausgestellt haben. Hervorzuheben sind hier insbesondere:

  1. Die getrennt voneinander verlaufenden Befehlsketten des Propagandaministeriums (linke Spalte: von Goebbels bis hinunter zur Aktualita) und der SS (rechte Spalte: von Himmler bis hinunter nach Theresienstadt).
  2. Die Teilung zwischen den zentralen Reichsbehörden in Berlin (obere Hälfte des Diagramms oberhalb der gestrichelten Linie) und den Protektoratsbehörden in Prag (unterhalb der Linie).
  3. Der Umstand, daß die Prager Wochenschaugesellschaft Aktualita (untere Hälfte links) für die Dreharbeiten nach Theresienstadt (untere Hälfte rechts) beordert wurde.

Dieses Organisationsschema zeigt, daß eine jede Anordnung des Propagandaministeriums an Aktualita immer die Dienststellen des Protektorats zu durchlaufen hatte, insbesondere die Abteilung IV, die Propagandaabteilung des Reichsprotektors, sowie das Referat IV-2, die Filmsektion dieser Abteilung.

In den ersten Jahren des Protektorats kam es zwischen dem Goebbels-Ministerium und dem Reichsprotektor häufig zu Zwistigkeiten darüber, wer nun eigentlich für die Propagandaaktivitäten in Böhmen-Mähren zuständig war. Die Streitigkeiten wurden im Oktober 1941 schließlich beigelegt, als Goebbels und der damalige Reichsprotektor Reinhard Heydrich eine Abmachung trafen, die erstens die maßgebliche Zuständigkeit des Reichsprotektors in seinem Territorium bestätigte und zweitens festlegte, daß keinerlei Propagandaaktivitäten ohne seine Kenntnis und Zustimmung erfolgen sollten. Er allein war für alle Propaganda in seinem Gebiet verantwortlich. Er konnte eigene Propagandavorhaben einleiten, und alle Pläne oder Initiativen der Dienststellen des Berliner Ministeriums mußten die Propaganda-Abteilung seines Amtes durchlaufen, d.h., die Abteilung IV. [6]

Daher wäre also anzunehmen, daß nach dem Oktober 1941 ein Befehl an Aktualita entweder nur vom Reichsprotektor selbst oder - auf dem Weg über seine Administration - vom Propagandaministerium kommen konnte. Doch es gab eine wichtige Ausnahme: Die Goebbels-Heydrich-Abmachung enthielt, so wie die meisten staatlichen Abmachungen im Dritten Reich, einen Vorbehalt. Ausschließlich der Reichsprotektor ist verantwortlich für Propaganda - es sei denn, es handelt sich um Angelegenheiten der Gestapo oder anderer SS-Dienststellen. [7] Genau dies trifft für den Theresienstadtfilm zu. Der Plan für diesen Film entstammt nicht den Büros des Propagandaministeriums oder des Reichsprotektors. Er war, vom Anfang bis zum Schluß, ein SS-Projekt. In den erhaltenen Archiven des Propagandaministeriums gibt es keinen Hinweis auf eine wie auch immer geartete Beteiligung an diesem Vorhaben. Das Ministerium hat den Film nicht angeordnet, nicht finanziert, nicht verbreitet, und aller Wahrscheinlichkeit nach wurde es über dieses Projekt nicht einmal informiert. [8]

Der Plan für einen solchen Propagandafilm entstand im Prager "Zentralamt zur Regelung der Judenfrage in Böhmen und Mähren" (bis zum August 1942 "Zentralstelle für jüdische Auswanderung"). Er war die Idee des SS-Sturmbannführers Hans Günther. [9] Als Leiter dieses Amtes war er es, der die Aktualita beauftragte, in Theresienstadt zu drehen. Die Vorbehaltsklausel der Übereinkunft von 1941 erlaubte ihm, sowohl das Propagandaministerium als auch den Reichsprotektor zu umgehen und direkt an die Aktualita heranzutreten. Günther ging persönlich zu Karel Pecený, dem Direktor der Aktualita, und gab ihm die Order zu diesem Film. Er zwang außerdem Pecený und alle an den Filmarbeiten Beteiligten, sich zur vollständigen Geheimhaltung zu verpflichten. [10] Und sofern wir der Aussage des Lagerkommandanten Karl Rahm Glauben schenken können, handelte Günther sogar ohne vorherige Konsultation mit seinem direkten Vorgesetzten Eichmann. Darauf weist Rahms Aussage hin, daß der SS-Hauptsturmführer Ernst Möhs, Eichmanns Verbindungsoffizier zu Theresienstadt, über die Filmpläne nicht informiert gewesen sei und sich überaus ärgerlich über Günther gezeigt habe, als er davon erfuhr. [11]

Der vielleicht beste Beweis dafür, daß es Günther war, der den Film in Auftrag gab, ist die Tatsache, daß das Prager "Zentralamt" dafür zu bezahlen hatte. Aus den Geschäftsbüchern der Aktualita wissen wir, daß die Rechnungen für den Theresienstadtfilm an das "Zentralamt" gingen. Wir wissen sogar, was der Film kostete, nämlich 350 000 Tschechische Kronen, das waren 35 000 Reichsmark. [12] Wenn man sich erinnert, daß die finanziellen Mittel des "Zentralamts" aus beschlagnahmten jüdischen Vermögen stammten, wird die bittere Ironie des Theresienstadtfilms deutlich: Die Juden wurden nicht allein gezwungen, an einem Film mitzumachen, der ihre Ermordung verbergen sollte, sondern sie mußten ihn auch noch finanzieren.

Die meisten Forscher gehen davon aus, daß die Entscheidung, diesen Film zu machen, irgendwann nach der Inspektion durch das Rote Kreuz am 23. Juni gefallen sei, also zwischen dem 23. Juni und dem 16. August 1944, dem Tag, an dem die Dreharbeiten im Ghetto begannen. Allerdings scheint es fast sicher zu sein, daß Günther diesen Plan nicht erst im Juni oder Juli 1944, sondern bereits anläßlich der Verschönerungsaktion im Dezember 1943 gefaßt hat. [13] Dies würde all die riskanten Hypothesen widerlegen, die bisher aufgestellt wurden, um die Entstehung dieses Filmes zu erklären, wie beispielsweise:

  1. Die alliierte Invasion Frankreichs und die Bedrohung der deutschen Grenzen von Ost und West im Sommer 1944. [14]
  2. Der - aus Nazi-Sicht - enorme Erfolg der Rot-Kreuz-Visite am 23. Juni. [15]
  3. Die sogenannte "Affäre der Theresienstadt-Maler", etwa am 17. Juli 1944 (als die SS entdeckte, daß realistische Zeichnungen von den elenden Verhältnissen im Ghetto aus dem Lager geschmuggelt worden waren; Zeichnungen, von denen sie fürchteten, daß sie das vorteilhafte Bild widerlegen könnten, das der Verschönerungsbetrug gerade erst erzeugt hatte). [16]
  4. Die Entdeckung der entsetzlichen Greuel des Vernichtungslagers Majdanek durch die Rote Armee am 22. Juli 1944. [17]
  5. Die Eichmann-Mayer-Verhandlungen ab April 1944 (Eichmanns Vorschlag an Joel Brand vom "Jüdischen Rettungskomitee von Budapest", eine Million Juden für eine Gegenleistung von 10 000 Lastwagen freizulassen, wurde am 25. April 1944 vorgelegt; die Gespräche mit Saly Mayer begannen am 21. August 1944 und dauerten bis zum 2. Februar 1945). [18]

Es wird oft erwähnt, daß Heinrich Himmler von Beginn an stark in die Produktion des Films einbezogen gewesen sei und daß er persönlich die Endfassung des Drehbuchs gebilligt habe. [19] Himmler, so wird behauptet, habe den Theresienstadtfilm in Geheimverhandlungen mit den westlichen Alliierten benutzen wollen. Ein Film, der die Gerüchte über die Todeslager widerlegen würde, würde ihn zu einem akzeptableren Verhandlungspartner machen. Doch obwohl Himmlers Beteiligung an der Entstehung des Films nicht auszuschließen ist, gibt es dafür kaum einen Beleg. In den erhaltenen Akten aus Himmlers persönlichem Stab, die im Bundesarchiv aufbewahrt werden, finden sich einige Bände über Pläne für Filmproduktionen, an denen Himmler ein starkes Interesse zeigte und deren Fortgang er genau verfolgte. [20] Doch es gibt keinen derartigen Band über den Theresienstadtfilm.

Das einzige Dokument, das Himmler in einen Zusammenhang mit dem Theresienstadtfilm bringt, ist ein Brief seines persönlichen Sekretärs, Rudolf Brandt, an Himmlers Masseur, Felix Kersten, in dem Brandt den Film erwähnt. Wenn Brandt von diesem Film Kenntnis hatte, muß Himmler ebenfalls davon gewußt haben. Leider jedoch hat niemand je das Original dieses Briefes gesehen. Wir wissen davon nur, weil er in dem Buch von Felix Kersten wiedergegeben wurde, das aber - wie Louis de Jong schlüssig gezeigt hat - keine verläßliche Quelle ist. [21] Sogar die Reproduktion des Briefes gibt Anlaß zum Zweifel. Beispielsweise ist in der holländischen Ausgabe von 1948 der Brief, der angeblich ein Faksimile sein soll, auf den 8. April 1945 datiert. In der deutschen Ausgabe von 1950 jedoch trägt derselbe Brief plötzlich ein anderes Datum: den 21. März 1945. [22] Was immer es mit den Geschichten von Himmlers Interesse an dem Film auf sich haben mag, der einzige verfügbare Beweis belegt lediglich, daß Himmler wenn überhaupt, dann erst während der letzten Wochen des Krieges von dem Film erfahren hat.

Der richtige Filmtitel

Wohl die spektakulärste aller Fehlannahmen über den Film betrifft seinen Titel. Der Theresienstadtfilm ist weltweit unter dem Titel DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT bekannt. Viele Forscher haben auf den äußersten Zynismus dieses Titels hingewiesen und dies zur Grundlage allgemeinerer Betrachtungen nicht allein der Nazipropaganda gemacht. Doch es war nicht der wirkliche Titel des Films. Ein solcher Titel findet sich nicht in den erhaltenen Papieren von Kurt Gerron, die eine kaum zu überschätzende Informationsquelle darstellen. [23] Daß es diese Unterlagen gibt, bedarf einer Erklärung. Obwohl Gerron selbst in Auschwitz umkam, sind seine Filmpapiere erhalten. Sie beinhalten einen Entwurf des Filmes, wie er von Gerron geplant war, zwei Versionen eines Drehbuchs, eine Aufstellung der vorgesehenen Dreharbeiten, ein (manchmal auch zwei) Tagesbericht an die SS-Kommandantur für jeden der elf Drehtage mit detaillierten Listen der einzelnen von den Kameras aufgenommenen Einstellungen, einen Entwurf für den Kommentartext, einen Vorschlag für den Schnitt des Films, Notizen und Mitteilungen von Gerron sowie Befehle des Lagerkommandanten Karl Rahm an Gerron. [24]

Nirgendwo in den Papieren Gerrons wird DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT erwähnt. Es gibt jedoch andere Titel: Gerrons zweiter Drehbuchentwurf trägt den Namen DIE JÜDISCHE SELBSTVERWALTUNG IN THERESIENSTADT. Später benutzte Gerron einen kürzeren Titel: der Film wird nun einfach THERESIENSTADT genannt. Einen gültigen Beweis allerdings konnte nur der fertige Film selbst liefern. Glücklicherweise finden sich unter den Fragmenten des Films, die vor einigen Jahren in Yad Vashem in Jerusalem aufgetaucht sind, genug Abschnitte aus der Titelsequenz, um eine abschließende Antwort geben zu können. [25] Der Haupttitel des Nazi-Propagandafilms lautete THERESIENSTADT, aber es gab auch noch einen Untertitel: EIN DOKUMENTARFILM AUS DEM JÜDISCHEN SIEDLUNGSGEBIET. Der Arbeitstitel, den Gerron in seinem Montageentwurf gebraucht hatte, blieb der Haupttitel des Films, doch eine Ergänzung wurde hinzugefügt, die raffiniert ausgedacht war, um das Publikum auf den Film einzustimmen. Indem sie ihn als "Dokumentarfilm" bezeichneten, wollten die Nazis den Film mit einer Aura der Objektivität, der Wahrhaftigkeit versehen. Das Wort "Dokumentarfilm" sollte nahelegen, daß dies kein Spielfilm sei, keine gestellte Propaganda, sondern ein verläßlicher authentischer Bericht, der Theresienstadt zeigte, "wie es wirklich ist" - ein Filmbericht. Die Worte "jüdisches Siedlungsgebiet" im Untertitel dienten exakt dem selben Zweck wie die Umbenennungen anläßlich der Inspektion des Roten Kreuzes - zum Beispiel die Abschaffung des Wortes "Ghetto" und seine Ersetzung durch den Euphemismus "jüdische Siedlung". Indem man das Wort "-gebiet" hinzufügte, suggerierte der Filmtitel, es gäbe mehr "jüdische Siedlungen" als nur Theresienstadt und etliche Städte, in denen Juden wie hier friedlich lebten. Auf diese Weise ging der Film sogar noch über die Lüge des 23. Juni hinaus. Im ideologischen Kontext der Judenverfolgung durch die Nazis war es undenkbar, daß "der Führer" den Juden jemals irgend etwas "schenken" würde. Und selbst wenn die Vorstellung eines "Geschenks" die Propagandabotschaft des Films hätte sein sollen, wäre sie kaum derart personalisiert worden. Ein Nazipropagandist hätte niemals den Führer selbst in Verbindung mit etwas gebracht, das als Milde gegenüber den Juden aufgefaßt werden könnte.

Wenn aber DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT nicht der wirkliche Titel des Films von 1944 war, woher stammt er dann? Die erste Spur taucht kurz nach Kriegsende auf. Am 7. Juli 1945 veröffentlichte eine holländische Jüdin, die gerade aus Theresienstadt zurückgekehrt war, Reine Friedmann-van der Heide, in einer holländischen Wochenzeitung ihren Augenzeugenbericht aus Theresienstadt. [26] In ihrem Bericht wird der apokryphe Titel zum allerersten Mal erwähnt. Viele andere Erwähnungen folgen in Dutzenden von nach dem Krieg verfaßten Berichten von Überlebenden. Es erscheint als wahrscheinlich, daß der Titel von den jüdischen Insassen selbst während der Dreharbeiten zum Film - mit deutlich ironischer Bedeutung - geprägt worden ist. Es ist ein weiteres Beispiel desselben schwarzen Humors, mit dem die Häftlinge viele andere Aspekte des Ghettolebens behandelten. Der Titel verbreitete sich schnell unter der Ghettobevölkerung und fand schließlich, nach der Befreiung, seinen Weg in die Berichte der Überlebenden. Die Vermutung, daß dieser Titel von den Häftlingen erfunden wurde, wird durch die Tatsache unterstützt, daß Berichte von Überlebenden zahlreiche Variationen des gleichen Titels enthalten, denen allen der gleiche bittere, ironische Unterton gemeinsam ist. [27] Aus den Augenzeugenberichten fand der Titel seinen Weg in die Geschichtsbücher und sogar in den Gerichtssaal. Bei der Verhandlung von 1947 gegen Karl Rahm, den SS-Lagerkommandanten, unter dessen Oberaufsicht der Film gedreht worden war, wurde der Film anfänglich mit seinem richtigen Titel THERESIENSTADT erwähnt. Doch am Ende des Prozesses, nachdem jüdische Zeugen gehört und Zeugenaussagen verlesen worden waren, wurde der selbe Film plötzlich DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT genannt. [28]

Die Rolle von Kurt Gerron

Die historische Forschung sowohl über den Film als auch über Theresienstadt bezeichnet Kurt Gerron als den "Regisseur" des Films. Filmographien erwähnen DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT als den letzten Film Gerrons . Kurz, es scheint keinen Zweifel daran zu geben, daß der Film von Beginn bis zum Schluß ein Werk Gerrons gewesen sei. Auf den ersten Blick scheinen seine Aktivitäten tatsächlich die Annahme zu rechtfertigen, daß er die entscheidende kreative Instanz des Filmes war. Er bildete und leitete die Filmabteilung im Ghetto, er schrieb das Drehbuch, er plante die Aufnahmen, gab Aufträge zur Einberufung der benötigten Statisten, benachrichtigte die Verantwortlichen der Ghettoselbstverwaltung, die zum Beispiel für die Post, die Landwirtschaft, die zentrale Wäscherei oder die Ghettobücherei zuständig waren, daß diese Orte als Drehorte vorgesehen seien und dafür hergerichtet werden müßten. Die Berichte von Überlebenden beschreiben, wie Gerron als Regisseur umhergegangen sei, Statisten ermahnt habe, mehr Begeisterung zu zeigen, junge Leute dazu angehalten habe, in die Kamera zu lachen, und Massenszenen dirigiert habe. Nachdem die Dreharbeiten abgeschlossen waren, schrieb er einen Vorschlag für den Filmschnitt.

Freilich bedarf es bei einer Filmproduktion mehr als eines in der Filmbranche erfahrenen Talents, auch wenn es sich um Häftlinge handelt. Als Gerron im späten Juli 1944 sein Drehbuch schrieb, war ein großer Teil der Vorarbeiten bereits getan. Die Entscheidung, den Film zu drehen, war bereits im Dezember 1943 gefallen. Zu dieser Zeit befahl die SS einem tschechischen Insassen, Jindrich Weil (der vor dem Krieg als Drehbuchautor für tschechische Filmgesellschaften gearbeitet hatte), ein Drehbuch zu schreiben. Zwischen Dezember 1943 und März 1944 verfaßte Weil tatsächlich einen Entwurf und zwei verschiedene Drehbücher. [29] Sogar mit den Aufnahmen hatte man schon begonnen: Am 20. Januar 1944 filmte ein Kamerateam der Aktualita die Ankunft eines Transportes aus Holland in Theresienstadt und nahm eine Ansprache des Judenältesten Dr. Paul Eppstein auf. Doch dabei blieb es. Die Filmarbeiten wurden unterbrochen. Für die SS war die "Verschönerung" des Lagers von höherer Priorität als der Film; überdies gingen Günther und Rahm gemeinsam davon aus, daß Theresienstadt etwas später eine weit überzeugendere Kulisse bieten würde: nach der Fassadenverschönerung und im Sommer. Der Film wurde zeitweilig beiseite gelegt. All dies geschah noch bevor Gerron am 26. Februar 1944 im Lager ankam.

Als die Filmpläne im Juli wieder hervorgeholt wurden, übertrug Rahm, jetzt als Lagerkommandant, die Aufgabe an Gerron. Weil scheint daran nicht beteiligt gewesen zu sein; es gibt keinen Hinweis darauf, daß er ein Mitglied von Gerrons Filmabteilung war. Wie auch immer, klar scheint zu sein, daß Gerron Weils Vorarbeiten nicht nur kannte, sondern daß er sie auch als Grundlage seines eigenen Szenarios benutzte. Viele Ideen, die zuerst in Weils Entwürfen formuliert werden, tauchen in Gerrons Drehbuch wieder auf. Die Ähnlichkeiten lassen sich in der Auswahl der zu behandelnden Themen, in der Struktur der Handlung, in der Anlage der einzelnen Sequenzen und sogar an der Art der Übergänge von einer Sequenz zur anderen feststellen.

In welchem Umfang Gerron tatsächlich als Regisseur, als "Spielleiter" des Filmes fungierte, bedarf ebenfalls einer neuen Beurteilung. Gerron arbeitete unter der direkten und strikten Aufsicht der SS: Augenzeugen sagen aus, daß Gerron ständig von SS-Aufsehern beobachtet wurde, die ihm überall hin gefolgt seien, ihm über die Schulter geschaut hätten und überprüft hätten, wo und wie er seine Kameras aufstellte. Bei vielen Gelegenheiten waren Rahm selbst, und manchmal sogar Günther, der aus Prag angereist war, am Drehort anwesend und überwachten die Szenen, die gefilmt werden sollten. Durch Gerrons Tagesberichte und detaillierte Aufnahmeprotokolle war Rahm ständig im einzelnen informiert. Sein besonderes Anliegen war es, die international bekannten "Prominenten" im Film zu zeigen. Gerrons Unterlagen enthalten schriftliche Befehle, mehr Aufnahmen von diesen Häftlingen einzufügen, und Berichte von Gerron, in denen er aufzählt, welche Prominente er bis dahin aufgenommen hat. [30]

Es gibt überzeugende Hinweise, daß Gerron nicht bis zum Schluß der Regisseur des Filmes blieb. Für die Dreharbeiten im August und September kam ein Aufnahmeteam unter der Leitung des Aktualita-Direktors Karel Pecený nach Theresienstadt, um die eigentlichen Aufnahmen zu machen. Etwa nach der Hälfte der elf Tage hat Karel Pecený - selber kein Häftling, kein Jude, ein Tscheche - praktisch die Regie übernommen. Obwohl Gerron nach wie vor anwesend war, wann immer die Kameras liefen, und er für die Produktion, die Herrichtung der Drehorte, den Einsatz von Darstellern und Statisten verantwortlich blieb, war er de facto zum Regieassistenten degradiert worden. Pecený hat dies in dem Verfahren, das nach dem Krieg gegen ihn eröffnet wurde, zugestanden (obwohl er jeden Grund gehabt hätte, es abzustreiten oder zu verschweigen, denn der Theresienstadtfilm war ein Teil der gegen ihn erhobenen Anklage wegen Kollaboration). [31]

Ein anderer Umstand darf nicht übersehen werden. Gerron konnte den Theresienstadtfilm nicht vollenden. Er wurde am 28. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, lange bevor der Film fertig war. Gerron sah niemals irgendwelche Muster. Der Film wurde von Ivan Fric, einem Angestellten der Aktualita, der als einer der beiden Kameramänner in Theresienstadt gewesen war, geschnitten und mit Ton unterlegt. Fric benutzte weder Gerrons Vorschlag für den Filmschnitt noch irgendeines seiner Drehbücher. Statt dessen schnitt er den Film so, wie er es mit der Wochenschau oder mit einem beliebigen Dokumentarkurzfilm machte: improvisiert, nach einigen groben Notizen, die er beim Sehen der Muster gemacht hatte. Außerdem arbeitete Fric unter der ständigen Aufsicht der Gestapo, die nach Belieben in den Schnitt eingriff. Die Schlußsequenz des Filmes mußte Fric dreimal von neuem schneiden, bevor Günther damit zufrieden war. [32] Der fertige Film unterschied sich in seiner Struktur erheblich von Gerrons Vorstellungen, und er zeigte wenig Ähnlichkeit mit Gerrons ursprünglichem Drehbuchentwurf oder seinem Vorschlag für den Filmschnitt.

Das gleiche gilt für den Ton des fertigen Films. Ein Teil der Musik, die in dem Film verwendet wurde, war unter Gerrons Leitung (oder zumindest in seiner Anwesenheit) im August und September 1944 aufgenommen worden, beispielsweise das von Karel Ancerl dirigierte Orchester oder die Jazzband "Ghetto-Swingers" und die Kinderoper Brundibar. [33] Gerron hat auch noch die Vorbereitungen getroffen, um weitere Stücke als Hintergrundmusik aufzuzeichnen. Doch als er deportiert wurde, waren diese Aufnahmen noch nicht gemacht. Tatsächlich wurde die Filmmusik erst im März 1945 vervollständigt, als ein Tonaufnahmeteam der Aktualita eigens dafür nach Theresienstadt kam. Die Stücke, die dann aufgenommen wurden - sie stammen alle von jüdischen Komponisten -, waren nicht von Gerron, sondern von einem anderen Häftling ausgewählt worden, nämlich von Peter Deutsch, einem dänischen Komponisten, der vor dem Krieg viele Partituren für Filmmusik geschrieben hatte. Deutsch dirigierte auch das Orchester bei den Tonaufnahmen. [34] Alles in allem läßt sich also feststellen, daß Gerron zwar bei weitem der wichtigste an dem Film beteiligte jüdische Häftling war, daß aber auch andere Personen das Endergebnis beeinflußt haben. Deshalb ist es nur sehr teilweise richtig, den Theresienstadtfilm als ein Werk Gerrons zu bezeichnen.

Die Filmskizzen von Jo Spier

Während der Dreharbeiten fertigte der holländische Maler und Zeichner Jo Spier, ein Theresienstadthäftling und einer von Gerrons Mitarbeitern, Hunderte von kleinen Skizzen der Filmszenen an. Einige Forscher vermuteten, diese hätten zur Illustration von Gerrons Drehbuch gedient; daß sie eine visuelle Darstellung seien, gemacht vor den eigentlichen Aufnahmen, eine Art "story board", wie man heute sagen würde, das dazu diente, schon im Vorfeld der Produktion den an dem Film Beteiligten eine Vorstellung davon zu geben, wie er aussehen würde. [35]

Tatsächlich aber wurden die Skizzen von Spier nicht vor, sondern während der Dreharbeiten gezeichnet. Spier folgte den Kameramännern, und wo immer die Kamera für eine neue Einstellung aufgestellt wurde, schaute er buchstäblich durch den Sucher. Danach machte er seine Zeichnungen. Die Skizzen zeigen, was die Kamera sah. [36] Diese Skizzen sind eine Art visuelles Logbuch der bereits gedrehten Szenen und aufgrund des detailgetreuen und präzisen Zeichenstils von Spier ein akkurates obendrein. Für die Rekonstruktion des Films sind sie eine unschätzbare primäre Quelle.

Für welches Publikum war der Film gedacht?

Es wird weithin angenommen, daß der Theresienstadtfilm in Deutschland gezeigt werden sollte. [37] Das aber ist nicht der Fall. Günther produzierte den Film ausschließlich für Zuschauer im Ausland. Ein Publikum, das seit Jahren einer aggressiven antijüdischen Propaganda ausgesetzt war, darunter Filme wie DER EWIGE JUDE (1940) oder JUD SÜSS (1940), wäre durch einen Film, der Juden weniger verzerrt darstellt, nur verwirrt worden. Nach Vorstellung der SS sollte der Film im Ausland verbreitet werden, und zwar an Organisationen oder Institutionen wie das Internationale Rote Kreuz oder den Vatikan und an neutrale Länder wie Schweden oder die Schweiz. Nur im Ausland, wenn überhaupt, konnte der Film einem begreiflichen Zweck dienen und die ihm zugedachte Aufgabe erfüllen.

Viele Forscher gehen davon aus, daß der Theresienstadtfilm niemals in fertiger Form oder überhaupt niemals zur Aufführung gelangte. [38] Tatsächlich aber gibt es mindestens vier belegte Aufführungen des fertiggestellten Films. Die erste fand Ende März oder Anfang April 1945 statt, und zwar im Czernin-Palast in Prag, dem Sitz des Deutschen Staatsministers im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, Karl Herrmann Frank, und war eine private Vorführung für Frank und eine ausgewählte Gruppe hochrangiger SS-Offiziere. Günther und Rahm waren ebenfalls anwesend. [39]

Die anderen drei Vorführungen, in Theresienstadt selbst, galten Repräsentanten ausländischer Organisationen, die mit den Nazis über die Rettung von Konzentrationslagerhäftlingen verhandelten. Am 6. April 1945 wurde der Film zwei Delegierten des Internationalen Roten Kreuzes gezeigt, Dr. Otto Lehner und Paul Dunant, die nach Theresienstadt gekommen waren, um über einen Plan zu verhandeln, der vorsah, das Lager unter den Schutz des Roten Kreuzes zu stellen. Sie wurden von einem Schweizer Diplomaten begleitet, einem Herrn Buchmüller, der den Film ebenfalls sah. Außerdem waren der SS-Standartenführer Erwin Weinmann, der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD des Protektorats, und zwei Funktionäre des Auswärtigen Amtes, der Legationsrat Eberhard von Thadden und der Gesandte Erich von Luckwald, anwesend. [40]

Am 16. April 1945 wurde der Film einem Schweizer Staatsbürger gezeigt, Benoît Musy. Musy war der Sohn von Jean-Marie Musy, einem ehemaligen Schweizer Bundespräsidenten und Leiter einer Gruppe, die seit dem Herbst 1944 mit Himmler über die Freilassung jüdischer Häftlinge in die Schweiz verhandelte. Der junge Musy war im Rahmen einiger von Himmler genehmigten Besuche verschiedener Konzentrationslager - Buchenwald, Theresienstadt, Ravensbrück - nach Theresienstadt gekommen, um Himmlers Behauptung, daß die Deportationen gestoppt worden seien, zu bestätigen. Musy wurde von dem SS-Obersturmführer Franz Göring begleitet, der den Film mit ihm zusammen sah. [41]

Ebenfalls am 16. April 1945, aber nach Musys Abreise, wurde der Film erneut gezeigt, diesmal für Rezsö Kasztner, einem Repräsentanten des "Jüdischen Rettungskomitees von Budapest", der von zwei Offizieren aus Eichmanns Stab, dem SS-Obersturmbannführer Hermann Krumey und dem SS-Hauptsturmführer Otto Hunsche, ins Ghetto begleitet worden war. Eichmann hatte Kasztner nach Theresienstadt geschickt, um in einer letzten Anstrengung das Täuschungsmanöver des Vorzeigeghettos noch einmal auszubeuten. Bei der Aufführung waren Hans Günther, sein Stellvertreter, der SS-Sturmbannführer Gerhard Günel, sowie Karl Rahm anwesend. Auch der Judenälteste des Ghettos, Benjamin Murmelstein, durfte den Film bei dieser Gelegenheit sehen. [42]

Diese Vorführungen vor ausländischen Besuchern entsprachen dem Publikum, für das die SS den Film vorgesehen hatte. Überraschend aber ist, daß sie alle in Theresienstadt stattfanden. Doch dies ist weniger befremdlich, als es auf den ersten Blick scheint. Es gibt deutliche Hinweise darauf, daß die SS, als sie im Dezember 1943 mit dem Projekt begann, darauf hoffte, daß es bis zur bevorstehenden Rot-Kreuz-Inspektion abgeschlossen sein würde und sie den Film am 23. Juni den schweizerischen und dänischen Delegierten würden vorführen können. [43] Aus Sicht der SS würden die Ansicht des Films und des realen Lagers (nach der Verschönerung) ihre gegenseitige Glaubwürdigkeit unterstreichen.

Die SS hatte außerdem auf die Möglichkeit gehofft, den Film im Ausland zu verbreiten, hatte aber keine klare Vorstellung davon, wie dies geschehen sollte. Als der Film am 28. März 1945 fertiggestellt war, hatten die deutschen Stellen schon nicht mehr die Mittel und Verbindungen, um den Film im Ausland zu verbreiten. [44] Wenn dem aber so war, so waren die Aufführungen in Theresienstadt eine in letzter Minute improvisierte Lösung.

Der Film übte weder auf die Ansichten der ausländischen Besucher, die ihn sahen, noch auf die öffentliche Meinung außerhalb Deutschlands irgendeine Wirkung aus. In diesem späten Stadium des Krieges war das wahre Schicksal der europäischen Juden nicht länger ein Geheimnis, insbesondere nicht für gut informierte Personen wie Dunant, Musy und Kasztner. Ein detaillierter Bericht der Massenvernichtungen und Gaskammern in Auschwitz hatte die Außenwelt im Mai/Juni 1944 erreicht. [45] Nach der Befreiung von Majdanek im Juli 1944 war der Roten Armee die Existenz anderer Lager in Polen bekannt, und im Januar 1945 war Auschwitz befreit worden. Außerdem hatten Kasztner und Musy andere Lager gesehen, und sie wußten, daß das Vorzeigeghetto nicht typisch für andere Vernichtungslager war. Ausländische Besucher nahmen den Film als das wahr, was er war, als betrügerische Propaganda, und beachteten ihn daher nicht weiter.

Abschließend noch ein Wort zur Authentizität des Theresienstadtfilms. Historiker haben generell den gestellten Charakter des Films überschätzt (und Überlebende haben dieses Bild kaum korrigiert). Damit ist nicht gesagt, daß der Film nicht betrügerisch wäre. Zweifellos ist der Film als Ganzes - die schließliche Mischung von gefilmten Bildern, Musik und Kommentar - ein niederträchtiges Stück Propaganda. Doch die visuelle Authentizität des Films ist weitaus größer, als man gemeinhin annimmt. Viele der Dinge, die er zeigt, gab es in Theresienstadt tatsächlich, oder sie waren ein Teil des täglichen Lebens der Gefangenen, nicht nur 1944, sondern schon zuvor. Eine Reihe von Szenen wurden an Orten aufgenommen, die nicht "verschönert" worden waren. Sogar der Kommentar - der verlogenste Teil des Films - enthält Elemente, die der Wirklichkeit entsprechen. In einer abschließenden Betrachtung könnte man sagen, daß die eklatante Lüge des Films in dem liegt, was er nicht zeigt: den Hunger, das Elend, die Überbevölkerung, die Sklavenarbeit für die deutsche Kriegsindustrie, die hohe Sterblichkeit und, vor allem, die Transporte in den Osten.

Theresienstadt: Eine Rekonstruktion des Filmes

Irrtümer über diesen Propagandafilm sind wenig verwunderlich, denn nach dem Krieg war der Film verschwunden. Berichte von Überlebenden beschrieben zwar, was aufgenommen worden war, jedoch nicht, was der fertiggestellte Film enthielt. Eine vollständige Kopie wurde niemals aufgefunden. [46] Die Struktur der Filmhandlung ergibt sich aus einem Dokument, das bei der Produktion zur Auswahl der Filmmusik diente. [47] Es führt - bis auf fünf - alle Filmsequenzen in der Reihenfolge auf, in der sie in der Endfassung erschienen, sowie die Länge einer jeden Sequenz in Metern und Sekunden. Die fünf fehlenden Sequenzen sind diejenigen Passagen, die mit Live-Ton unterlegt waren, für die also keine Filmmusik benötigt wurde. Obwohl dies nicht schriftlich vermerkt ist, sind alle diese Sequenzen durch gestrichelte Linien angezeigt. Bei dieser Ausgangslage war es relativ einfach, die Liste zu vervollständigen, zumal die erhaltenen Filmfragmente, die Aussagen des Cutters Ivan Fric und die Gerron-Papiere genügend zusätzliche Informationen enthielten, um den Ort der Originalton-Fragmente zu bestimmen.

Um eine visuelle Vorstellung der Szenen und Sequenzen zu erhalten, können wir uns auf drei verschiedene Arten von Bildmaterial stützen: Filmstreifen (d.h. Filmteile, die lang genug sind für eine Projektion), Vergrößerungen einzelner Filmbilder sowie die Skizzen von Jo Spier. Zu den wichtigsten Filmstreifen gehört zum einen das 15minütige Fragment, das 1964 in der Tschechoslowakei wieder aufgetaucht war und das, wie wir jetzt wissen, den Schlußteil des Films darstellt. Es zeigt, teilweise oder vollständig, 12 der insgesamt 38 Sequenzen des Filmes. [48] In diese Kategorie gehören außerdem auch einige der 1987 im Archiv von Yad Vashem in Israel aufgefundenen 24 Fragmente. Es hat sich als möglich erwiesen, diese 24 Fragmente zu fünf mehr oder weniger vollständigen Streifen zusammenzufügen, die Szenen unterschiedlicher Länge zwischen wenigen Sekunden bis zu über zwei Minuten ergeben. Dieses fünf Stücke zeigen ganz oder in Teilen (zuweilen bloß in Partikeln) sieben verschiedene Sequenzen aus der ersten Hälfte des Films. Zusammen machen sie etwa 7 Minuten und 30 Sekunden Laufzeit aus. [49]

Die zweite Kategorie besteht ebenfalls aus authentischen Teilen des Filmes, die jedoch aus zu wenigen Bildfeldern bestehen, um einen bewegten Bildablauf wiedergeben zu können. Dazu gehört der größere Teil der in Yad Vashem aufgefundenen, einige Dutzend zählenden Fragmente. Die meisten von ihnen sind gerade vier oder fünf Felder lang, einige bestehen aus nur einem Feld. Obwohl sie untauglich für die Vorführung sind, ergeben sie doch taugliche Einzelbildvergrößerungen. [50] Sie zeigen Szenen aus 15 verschiedenen Sequenzen des Films, viele davon vorher unbekannt: in fünf Fällen ergänzen sie Sequenzen, die nur teilweise als Filmstreifen vorhanden waren, und für nicht weniger als 11 Filmsequenzen sind sie die einzigen überhaupt erhaltenen Bilder. [51]

Die dritte Kategorie bilden die Drehskizzen von Jo Spier. Sie bieten eine Grundlage, um Lücken innerhalb der laufenden Szenen und der Einzelbilder zu füllen. Die Skizzen Spiers liefern uns 332 Zeichnungen zu 32 der 38 Sequenzen des Films. In 15 Fällen liefern sie zusätzliche Bilder von Sequenzen - zum Teil in großem Umfang -, die als Film nur teilweise erhalten sind; in sieben Fällen geben sie Sequenzen wieder, aus denen kein einziges Filmfeld erhalten ist. [52]

Zusammengenommen ergeben die erhaltenen Filmfragmente und die Skizzen von Spier eine sehr gute visuelle Vorstellung nahezu aller Szenen der 38 Filmsequenzen. Tatsächlich gibt es nur zwei Filmszenen, von denen gar keine Bilder erhalten sind: die eine zeigt eine Sitzung des Ghetto-Gerichts in Sequenz 11, die andere eine Szene im Speisesaal in Sequenz 21. Aus allen anderen Teilen des Films gibt es entweder fortlaufende Filmstreifen, Einzelbilder oder die Skizzen von Spier, oder auch eine Kombination daraus, die uns eine Vorstellung des Films vermitteln können. [53]

Die hier folgende schriftliche Rekonstruktion des fertigen Films wurde aus allen zugänglichen Quellen zusammengestellt. Die Sequenzen und Szenen werden dabei in der richtigen Reihenfolge aufgeführt, also genau so, wie sie in dem fertigen Film THERESIENSTADT erschienen. Die Namen von "Prominenten" werden bei den Sequenzen (in Klammern) aufgeführt, in denen sie gezeigt wurden.

  1. Titelsequenz: Der von Karel Fischer geleitete Chor singt Mendelssohns Elias (unter den Zuschauern: Jo Spier und die Gräfin Görtz aus Holland).
  2. Theresienstadt: seine Entstehungsgeschichte, illustriert durch Zeichnungen von Spier; Blick über die damalige Stadt.
  3. Stadtplatz mit Jazzband in einem Musikpavillon, die Zuhörer stehen oder sitzen auf Parkbänken.
  4. Terrasse mit Sonnenschirmen, Kellnerinnen servieren Limonade, Leute spazieren in dem sich anschließenden Garten auf und ab (Prominente: der "Judenälteste" und frühere Berliner Universitätsprofessor Paul Eppstein; die früheren tschechischen Minister Alfred Meissner und Georg Gradnauer; der französische Minister Léon Meyer; der österreichische Feldmarschall Johann Friedländer und Generalmajor Emil Sommer; der dänische Oberrabbiner Max Friediger und Frau Clara von Schultz, die Witwe eines dänischen Flotten-Kommandeurs).
  5. Kaffeehaus: abendliche Stimmung mit Musik und Tanz.
  6. Freizeit auf den Stadtwällen: Leute genießen den Blick auf die ländliche Umgebung; sonnenbadende Mädchen; alte Männer spielen Schach.
  7. Sport auf einer der Basteien: Leichtathletik der Männer, Frauen spielen Handball.
  8. Theater: Bühnenszenen aus Offenbachs Hoffmanns Erzählungen und aus dem jiddischen Stück In mitt'n Weg (im Publikum: Frau Julie Salinger, Opernsängerin aus Hamburg).
    Diese ersten acht Sequenzen bestimmen die Tendenz des gesamten Films. Alle bisherigen Szenen zeigen Unterhaltung, Amüsement, Sport und andere Freizeitbeschäftigungen. Theresienstadt wird als eine Art Ferienort präsentiert. Im weiteren zeigt der Film, wie gut die Einrichtungen der Stadt organisiert sind:
  9. Der Stadtplatz am Beginn eines Werktages: Gruppen singender Männer und Frauen mit geschulterten Spaten und Rechen marschieren singend zur Arbeit.
  10. Die jüdische Selbstverwaltung: eine Sitzung des Ältestenrates, die Ältesten hören einer Rede des Judenältesten Paul Eppstein zu. [54]
  11. Gericht der jüdischen Selbstverwaltung: eine Gerichtsverhandlung.
  12. Die Bank der jüdischen Selbstverwaltung: Geschäfte an den Bankschaltern, der Banktresor.
  13. Läden: Leute warten auf die Öffnung der Geschäfte, Kunden in einem Herrenbekleidungsgeschäft.
  14. Postamt: Leute, die Pakete aus vielen verschiedenen Ländern abholen; ein Paket wird in der Unterkunft eines Ehepaares ausgepackt.
  15. Gesundheitswesen: Szenen aus den Ambulanzen, aus dem zentralen Krankenhaus; eine Operation; ein Krankenzimmer; Patienten sonnen sich im Garten der Klinik; das Kindererholungsheim; Kinder, die Weißbrot und Obst essen.
  16. Kinder auf dem Spielplatz im Stadtpark, im nahegelegenen Kinderpavillon, im Gebäude des Kindergartens, die Kinder spielen, trinken Milch und Limonade.
  17. Das Theater: auf der Bühne die Kinderoper Brundibar (Schlußszene).
  18. Die Feuerwehr der jüdischen Selbstverwaltung: Feueralarm, der Löschwagen verläßt die Feuerwehrstation, die Feuerwehrmänner löschen ein Feuer.
  19. Eisenbahnbau: Gleisarbeiter reparieren einen Schienenabschnitt.
  20. Landwirtschaft: (a) Gärtnerei außerhalb der Stadt: Gemüse und Kartoffeln, Seidenraupenzucht; (b) Enten- und Geflügelhaltung; (c) Ernte, eine Dreschmaschine bei der Arbeit; (d) das Wirtschaften auf dem Ackerland.
  21. Verpflegung: in einer Zentralküche wird das Essen zubereitet, Essenausgabe auf Lebensmittelkarten, essende Leute im gemeinsamen Speisesaal.
  22. Freilichtvarieté auf einer Wiese außerhalb der Ghettomauern: es treten auf eine Tänzerin, ein Musikduo (Akkordeon und Violine), ein deutsches Kabarett-Trio, eine Sängerin sowie Gerron selbst (Prominente im Publikum: Dr. Rolf Grabower aus Berlin; Phillip Kozower von der jüdischen Kulturgemeinde aus Berlin; Frau Franzi Schneidhuber, Witwe eines SA-Obergruppenführers aus München; Frau Elly von Bleichröder; Frau von Hennicke; der österreichische Oberst a. D. Leon Neuberger).
  23. Schwimmen im Flußbad der Eger.
  24. Zentrale Wäscherei.
  25. Maschinentischlerei in einer früheren Reitschule: das Sägen von Holz, die Herstellung von Brettern und von Bauteilen für Holzbaracken.
  26. Werkstatt eines Huf- und Wagenschmieds: ein Schmied beschlägt einen Ochsen.
  27. Metallwerkstätten: Schmiede, Schweißer und Schlosser bei der Arbeit.
  28. Töpferei: ein Bildhauer (Professor Rudolf Saudek aus Leipzig) bei der Arbeit.
  29. Herstellungs- und Reparaturwerkstätten in hölzernen Baracken außerhalb der Stadt, Produktion "für das allgemeine Wohl der Bevölkerung": Schneider, Näherinnen und Schuhmacher bei der Arbeit, Herstellung von Handtaschen und Geldbörsen.
  30. Fußballspiel im Hof der "Dresdner Kaserne".
  31. Zentralbad.
  32. Zentralbücherei (anwesend: Richter Heinrich Klang und Dr. Desider Friedmann aus Wien, Professor David Cohen aus Amsterdam, Professor Ernst Kantorowicz aus Frankfurt).
  33. Vortrag eines Universitätsprofessors (Professor Emil Utitz aus Wien); (unter den Zuhörern: Rabbiner Dr. Leo Baeck, Professor Hermann Strauss, Dr. Otto Stargardt und Dr. jur. Alexander Cohn aus Berlin; Professor Alfred Philippson aus Bonn; Professor Alfred Klein aus Jena; Professor Klang und Rabbiner Benjamin Murmelstein aus Wien; die Professoren Artur Stein, Leo Taussig und Maximilian Adler aus Prag; Franzi Schneidhuber und Elly von Bleichröder).
  34. Konzert: das Orchester wird von Karel Ancerl dirigiert (im Publikum: Dr. Ernst Rosenthal von der jüdischen Kulturgemeinde aus Berlin; gleichfalls aus Berlin Dr. Fritz Gutmann, Dr. Julius Moritz, Theaterdirektor Karl Meinhard und Bankier Karl Löwenstein; Dr. Leo Löwenstein aus Aachen; Professor Saudek aus Leipzig; Dr. Heinrich Gans und Dr. Heinrich Dessauer aus Wien; der Industrielle Ove Meyer sowie Morits und Melanie Oppenhejm aus Kopenhagen; Dr. Franz Kahn und und Robert Mandler von der Prager jüdischen Kultusgemeinde; der Leiter der Chirurgie im Ghetto, Dr. Erich Springer; Elisabeth Czech, die Witwe eines früheren tschechischen Ministers; die Komponisten Hans Krasa aus Prag und Pavel Haas aus Brno).
  35. Schrebergärten am Festungsgraben unterhalb der Stadtmauer.
  36. Abendliche Freizeit: Leute erholen sich außerhalb von Holzbaracken, Szenen aus den Gemeinschaftsunterkünften.
  37. Abendessen einer Familie (um den Tisch sitzen: Professor Cohen und Frau Cohen aus Amsterdam; Herr und Frau Kozower und Kinder aus Berlin). [55]
  38. Schlußmontage.

In seiner fertigen Fassung hatte der Film eine Länge von 2400 bis 2500 Metern und dauerte etwa 90 Minuten. [56] Auf Befehl der SS bestand die Filmmusik fast ausschließlich aus Stücken von jüdischen Komponisten, darunter Mendelssohn, Sekunda, Dauber, Offenbach, Krasa und Haas.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anne-Luise Knetsch


Der vorliegende Text erschien in: Fritz Bauer Institut (Hg.): Auschwitz: Geschichte, Rezeption und Wirkung. Jahrbuch 1996 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Frankfurt am Main, New York: Campus, 1996, S. 319-352. Der Text ist eine vom Autor 1996 überarbeitete und auf den neuesten Stand seiner Forschungen aktualisierte Version des Artikels "'Theresienstadt' (1944-1945): The Nazi Propaganda Film Depicting the Concentration Camp as Paradise", erschienen in Historical Journal of Film, Radio and television, Vol. 12, Nr. 2 (1992). Eine deutsche Übersetzung des Originaltextes erschien bereits in: Miroslav Kárný / Vojtech Blodig / Margita Kárná (Hg.), Theresienstadt in der "Endlösung der Judenfrage". Prag: Panorama, 1992.


  1. Kurt Gerron (1897-1944), geboren in Berlin, begann seine Karriere 1920 als Bühnenschauspieler und Kabarettist. Er trat in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren in zahlreichen Stücken, Kabaretts und Revuen auf und wurde als Schlagersänger bekannt. 1928 wirkte er an der Uraufführung der Dreigroschenoper mit. Zwischen 1925 und 1932 spielte er in 74 Filmen; seine berühmteste Rolle war die des Varietédirektors Kiepert im BLAUEN ENGEL mit Marlene Dietrich (1930). 1931 begann er, selbst Regie zu führen, womit ihm einige Ufa-Kassenschlager gelangen. 1933 floh er nach Holland und führte Regie in vier holländischen Filmen. Nach der Nazi-Invasion in Holland wurde er inhaftiert und im Februar 1944 vom Lager Westerbork aus nach Theresienstadt deportiert.
  2. Die Standardwerke über Theresienstadt stammen von Hans Günther Adler, Theresienstadt 1941-1945: Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Geschichte, Soziologie, Psychologie. Tübingen: Mohr, 1955; Tübingen: Mohr, 1960, 2., verb. u. erg. Aufl.; sowie Die verheimlichte Wahrheit: Theresienstädter Dokumente. Tübingen: Mohr, 1958. Die besten englischsprachigen Darstellungen der Geschichte Theresienstadts sind Zdenek Lederer, Ghetto Theresienstadt. London: Edward Goldston, 1953, und George E. Berkley, Hitler's Gift. The Story of Theresienstadt. Boston: Branden, 1993.
  3. Miroslav Kárný, "Vorgeschichte, Sinn und Folge des 23. Juni 1944 in Theresienstadt", in: Judaica Bohemiae, Jg. 19, H. 2 (1983), S. 72-98.
  4. Heute ist Terezín erneut eine Garnisonsstadt. Noch immer eine Provinzkleinstadt, hat sich ihr Erscheinungsbild seit 1945 kaum geändert. Seit 1991 gibt es in der Stadt ein Ghetto-Museum, das erst nach der Wende von 1989 möglich wurde. Die offizielle Darstellung der Geschichte der Stadt unter der Nazibesetzung ist Ludmila Chládková, Ghetto Theresienstadt. Prag: Naše Vojsko, 1991. Etwas außerhalb der Stadt, in der sogenannten "Kleinen Festung", die während der Besatzung ein Gestapo-Gefängnis war und nicht zum Ghetto gehörte, befindet sich die staatliche Terezín-Gedenkstätte mit einem Archiv und einem Museum (Postanschrift: Pamatnik Terezín, Principova Alej 304, Terezín 41155, Cz).
  5. Zum Beispiel: František R. Kraus, "Das Drehbuch des Goebbelsschen Ghetto-Dokumentarfilms gefunden", in: Aufbau und Frieden, Prag, 20. Februar 1960, S. 6; Herbert G. Luft, "Shadow of the swastika", in: Films and Filming, 7 (November 1960), S. 10; Gerhard Granier et al., Das Bundesarchiv und seine Bestände. Boppard a. R.: Boldt, 1977, 3. Auflage, neubearbeitet und wesentlich erw., S. 748-749; Karl F. Reimers / Hans Friedrich (Hg.), Zeitgeschichte in Film und Fernsehen. München: Ölschläger, 1982, S. 467-468; Alain Jaubert, Le Commissariat aux Archives. Paris: Editions Bernard Barraut, 1986, S. 74.
  6. Státní ustrední archív, Prag (SUA): URP-1223: Protokoll über die Abmachungen mit dem Reichspropagandaministerium über die beabsichtigten Maßnahmen auf dem Sektor Kulturpropaganda vom 14. 10. 1941; Brief Himmlers an Heydrich vom 23. Oktober 1941.
  7. Heydrich war außerdem der Chef des SS-Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) und in der SS-Kommandokette direkter Untergebener von Himmler. Ihm unterstanden alle geheim- und sicherheitspolizeilichen Angelegenheiten des Reichs, und er war mit der Durchführung der "Endlösung der Judenfrage" beauftragt. So bedeutend dies für die Goebbels-Heydrich-Abmachung von 1941 gewesen sein mag, die Verbindung dieser beiden Funktionen spielte in der Produktion des Theresienstadtfilms von 1944 keine Rolle. Am 27. Mai 1942 schossen tschechische Widerstandskämpfer auf Heydrich, er starb am 4. Juni an seinen Schußverletzungen. Kaltenbrunner folgte ihm als Chef des RSHA und Kurt Daluege übernahm seine Stellung als Reichsprotektor, in der er 1943 von Frick abgelöst wurde.
  8. Bundesarchiv Koblenz (BA), R-55 (Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda) /108, 486, 498, 504, 601, 619, 655, 662, 663, 665, 676, 1040, 1285, 1337, 1394, 1473.
  9. Hans Günther (1910-1945(?)) aus Erfurt wurde 1928 Mitglied der SA, 1929 der NSDAP und 1937 der SS. Ursprünglich Buchhalter, machte er ab 1937 Karriere bei der Gestapo. Als einer der frühen Helfer Eichmanns in Österreich wurde er im Juli 1939 zum Leiter der neuen Prager "Zentralstelle" ernannt, was er während der gesamten Besatzungszeit blieb. In dieser Funktion plante er die antijüdischen Verordnungen im Protektorat und organisierte die Deportation der tschechischen Juden nach Theresienstadt und von dort aus in die Vernichtungslager. Groß, gutaussehend und höflich, nannte man ihn im Ghetto den "lächelnden Henker". Man nimmt an, daß er bei einem Handgemenge getötet wurde, als er sich im Mai 1945 seiner Festnahme widersetzte. Sein jüngerer Bruder, Rolf Günther, war ein stellvertretender Mitarbeiter Eichmanns in der IV-B-4.
  10. Státní oblastní archív, Litomerice (SOAL): MLS 441/47: I-76 (Rahm-Verhör, 25.-28. März 1947), S. 43; Státní oblastní archív, Prag (SOAP): MLS 521/48 (Prozeß gegen Karel Pecený): I-62 (Pecený-Bericht, 25. Juni 1945), S. 41-43; Benjamin Murmelstein, Terezin: Il Ghetto Modello di Eichmann. Bologna: Capellli, 1961, S. 214 u. 216.
  11. SOAL: MLS 441/47: II-94 (Rahm-Aussage, 24. April 1947).
  12. SOAP: MLS 521/48: II-139 (Aktualita-Geschäftsbücher 1944-1945, S. 31).
  13. SOAP: MLS 521/48: I-62 (Pecený-Bericht, 25. Juni 1945), S. 41.
  14. Leonard Baker, Days of Sorrow and Pain: Leo Baeck and the Berlin Jews. New York: MacMillan, 1978, S. 308; dt: L. B., Hirt der Verfolgten: Leo Baeck im Dritten Reich. Stuttgart: Klett Cotta, 1982.
  15. Adler, Theresienstadt, 2. Aufl., S. 181.
  16. Gerald Green, The Artists of Terezin. New York: Hawthorn, 1978, S. 95.
  17. Ota Kraus / Erich Kulka, Massenmord und Profit. Berlin: Dietz, 1963, S. 176.
  18. Berkley, Hitler's Gift, S. 183-184. Außerdem im einzelnen: Yehuda Bauer, "The negotiations between Saly Mayer and the representatives of the SS in 1944-1945", in: Yisrael Gutman / Efraim Zuroff (Hg.), Rescue Attempts during the Holocaust. Jerusalem: Yad Vashem, 1977, S. 5-45; Monty Noam Penkower, The Jews were Expendable: Free World Diplomacy and the Holocaust. Urbana: University of Illinois Press, 1972, S. 185-212; David S. Wyman, The Abandonment of the Jews: America and the Holocaust, 1941-1945. New York: Pantheon, 1984, S. 243-251; dt.: D. S. W., Das unerwünschte Volk: Amerika und die Vernichtung der europäischen Juden. Ismaning bei München: Hueber, 1986.
  19. Vgl. u. a.: Lederer, Ghetto Theresienstadt, S. 121; Karel Lagus / Josef Polák, Mesto za Mrižemi (Stadt hinter Gittern). Prag: Naše Vojsko 1964, S. 184; Dorothea Hollstein, Antisemitische Filmpropaganda. München-Pullach: Verlag Dokumentation, 1971, S. 172; Per Nørgart, "Theresienstadt-Filmen: En kommentar", in: Niels Skyum-Nielsen / Per Nørgart (Hg.), Film og Kildekritik. Kopenhagen: Universitetsforlaget København, 1972, S. 97.
  20. Zum Beispiel: BA: NS-19 (RF-SS Persönlicher Stab) /393 u. 1364.
  21. Louis de Jong, "Heeft Felix Kersten het Nederlandse volk gered", in: A. H. Paape (Hg.), Studies over Nederland in Oorlogstijd. Deel 1. s-Gravenhage: Martinus Nijhoff, 1972, S. 301-369.
  22. Felix Kersten, Klerk en Beul. Amsterdam 1948, S. 175; Felix Kersten, Totenkopf und Treue: Heinrich Himmler ohne Uniform. Hamburg 1952, S. 357.
  23. Die Gerron-Papiere befinden sich im Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie, Amsterdam (RIOD): Adler-Sammlung, folder 12F.
  24. Karl Rahm (1907-1947) aus Klosterneuburg in Österreich kam aus einem sozialdemokratischen Umfeld. Als Mechaniker und Werkzeugmacher arbeitslos, schloß er sich 1934 der illegalen österreichischen Abteilung der NSDAP an und 1938, nach der Besetzung Österreichs, der SS. 1939 war er Mitarbeiter von Eichmanns "Zentralstelle" in Wien und wechselte im Oktober 1940 in die Prager "Zentralstelle", wo er stellvertretender Mitarbeiter von Hans Günther war. 1944 wurde er von Eichmann zum Lagerkommandanten von Theresienstadt ernannt, um dort die "Stadtverschönerung" einzuleiten und zu beaufsichtigen. Ein guter Organisator und schlau genug, weniger brutal als seine Vorgänger zu erscheinen, war er trotzdem leicht reizbar und jähzornig. Von einem tschechischen Gericht verurteilt, wurde er 1947 gehängt.
  25. Yad Vashem, Jerusalem (YV): Film- und Photoarchiv, Sammlung Nr. 2977.
  26. Reine Friedmann-van der Heide, "Theresienstadt", in: Paraat, 27. Juni 1945. Eigentlich nennt sie als Titel HITLER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT, anstatt DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT.
  27. Käthe Starke, Der Führer schenkt den Juden eine Stadt. Berlin: Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, 1975, S. 132. Die meisten der frühen Berichte von Überlebenden geben, so wie Friedmann-van der Heide, als Filmtitel häufiger an "Hitler schenkt ..." als "Der Führer schenkt ..." Vgl. zum Beispiel RIOD: CGC: Fritz Rothgiesser, "Eine gefilmte Lüge" (Ms., Sommer 1945), zuerst in: Aufbau und Frieden, XI/38, New York, 21. September 1945, S. 1 u. 6; RIOD: CGC: Else Dormitzer, "Leben in Theresienstadt" (Ms., undatiert), S. 4; YV: O-2/241: Hedwig Ems: "Theresienstadt" (Ms., undatiert), S. 16; sowie YV: O-33/986: Eva Noack-Mosse, "Bericht aus Theresienstadt" (Ms., undatiert), S. 31; YV: O-2/707: C. Friedmann (Ms., 1958) / Ottomar Geschke, "Wir klagen an" (Berlin, Dezember 1945), S. 31; Regine Mihal Friedman, "Theresienstadt: The film about 'the town which the Führer donated to the Jews'", in: Remembering for the Future: The Impact of the Holocaust on the Contemporary World: Proceedings of the International Scholars' Conference held at Oxford 10-13 July 1988. 3 vols. Oxford: Pergamon Press, 1988, S. 1698.
  28. SOAL: MLS 441/47 (Prozeß gegen Karl Rahm): I-174 (Anklageschrift gegen Rahm, 30. April 1947), S. 5; II-260 (Urteilsspruch, 30. April 1947), S. 5.
  29. Die Weil-Papiere wurden 1960 in Prag entdeckt. Als Mikrofilm in YV: JM-2695.
  30. RIOD: Adler-Sammlung: 12F/23.
  31. SOAP: MLS 521/48: I-62 (Pecený-Bericht, 25. Juni 1945), S. 42; I-21 (Eidesstattliche Erklärung Cechura, 27. Juni 1945): II-120 u. 128 (Aussagen Pecený und Cechura, 28. Februar 1947).
  32. Interview des Autors mit Ivan Fric, 13. November 1989. Vgl. auch: Erich Kulka: "Herci dohráli v Osvetimi" (Die Schauspieler spielten ihre letzte Rolle in Auschwitz), in: Vestník, XXII/4 (Prag, 1. April 1960), S. 5-6.
  33. Über Musik in Theresienstadt vgl. Joža Karas, Music in Terezin 1941-1945. New York: Beaufort, 1985.
  34. Brief von Else Deutsch, der Witwe von Peter Deutsch, an den Autor vom 13. Januar 1991. Peter Deutsch (1901-1965), geboren in Berlin, Opernregisseur und Unterhaltungsorchesterdirigent seit 1924, schrieb seit 1929 Musik für deutsche Filmproduktionen. 1933 ging er nach Dänemark und schrieb Musik für zahlreiche dänische Filme, für Theater und Radio sowie Kompositionen für Orchester und Solostücke. Ab dem 6. Oktober 1943 war er in Theresienstadt. Er überlebte und kehrte nach der Befreiung nach Dänemark zurück.
  35. Vgl. u. a. Adler, Theresienstadt, 2. Aufl., S. 817; Hans Mulder, Kunst in Crisis en Bezetting. Amsterdam: Spectrum, 1978, S. 202; Wim van Leer, "The ultimate illusion: How a Nazi concentration camp was made to look like a health spa", in: Jerusalem Post Magazine, 2. Februar 1985, S. 8; Regine Mihal Friedman, "Theresienstadt", S. 1698; Die Spier-Skizzen befinden sich in der RIOD-Sammlung Tekeningen en Prenten (Zeichnungen und künstlerische Arbeiten).
  36. RIOD: Dok. I-1624a: Brief Spiers an Manfred Schreyer, 28. Dezember 1973; Joods Historisch Museum, Amsterdam, Documentation file 670: Brief Spiers an Bert de Groot/Judith Belinfante, 15. Februar 1978; Brief Peter Spiers (Jo Spiers Sohn) an Dick Willemsen, 14. Mai 1985; Brief Peter Spiers an Marion Schmidt, 26. Februar 1988 (beide im Besitz des Autors); Brief Peter Spiers an den Autor, 27. Januar 1989. Jo und Peter Spiers Darstellung werden durch die Tatsache bestätigt, daß die Zeichnungen in ihrer Reihenfolge der Reihenfolge der Dreharbeiten mehr entsprechen als der Reihenfolge des Drehbuchs.
  37. Vgl. u. a.: Erich Kulka, "Herci dohráli", in: Vestníik, XXII/4 (Prag, 1. April 1960), S. 5; H. P. Dietrich, Die Schleuse: Die Erlebnisse der Jüdin Alice Randt im Ghetto Theresienstadt. Hann. Münden: Chr. Gauke, 1974, S. 126; Sam Berger, Die unvergeßlichen sechseinhalb Jahre meines Lebens. Frankfurt a. M.: R. G. Fischer, 1985, S. 90.
  38. Vgl. zum Beispiel: Gerhard Schoenberner, Beiheft zum Film "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt". Grünwald: Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU), 1972, S. 13; Lutz Niethammer, "Widerstand des Gesichts: Beobachtungen an dem Filmfragment 'Der Führer schenkt den Juden eine Stadt'", in: Journal Geschichte, Nr. 2, April 1989, S. 47; Johanna Branson (Hg.), Seeing through Paradise: Artists and the Terezin Concentration Camp. Boston: Massachusetts College of Art, 1991, S. 30 u. 44.
  39. SOAL: MLS 441/47: I-76 (Rahm-Verhör, 25.-28. März 1947), S. 43.
  40. Archiv des Internationalen Roten Kreuz (IRK): Bericht von Otto Lehner, "Theresienstadt: Besucht am 6. April 1945 durch Dr. Lehner und P. Dunant" (undatiert, doch vom 18. April 1945); vgl. auch: Adler, Verheimlichte Wahrheit, S. 355-357.
  41. Nürnberg Dokumente: Fall XI (Schellenberg), Dokumentenbuch II, Dokument Nr. 51 (Eidesstattliche Erklärung B. Musy, 8. Mai 1949); SOAP: MLS 521/48: II-122 (Zeugenaussage Murmelstein, 28. Februar 1947).
  42. Der Kastner-Bericht über Eichmanns Menschenhandel in Ungarn. Redaktion und Nachwort: Ernest Landau. München: Kindler, 1961, S. 323-327; Murmelstein, Terezín, S. 214-216.
  43. YV: JM-2695 (Weil-Papiere): Dokument mit der Überschrift "Errichtung eines Kinos" (undatiert, jedoch etwa Dezember 1943-Januar 1944).
  44. Nachdem der Film am 6. April für Lehner und Dunant vorgeführt worden war, teilte die SS ihnen mit, daß Kopien des Films vorlägen und nach Genf geschickt werden könnten, falls das Rote Kreuz sie anfordern sollte. (IRK-Archiv: Lehner-Bericht, S. 4, Anmerkung 40). Es gibt keinen Hinweis, daß eine solche Anfrage je erfolgt ist (Briefe von Florianne Truninger (IRK) an den Autor, 26. September 1990 und 23. Januar 1991).
  45. Vgl. u. a. Rudolf Vrba / Alan Bestic, Ich kann nicht vergeben. München: Rütten und Loening, 1964; Jozef Lanik, Was Dante nicht sah. Roman. Frankfurt a. M.: Röderberg, 1967; Rudolf Vrba, "Die mißachtete Warnung: Betrachtungen über den Auschwitz-Bericht von 1944", in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 44, H. 1 (1996), S. 1-24; Sándor Szenes / Frank Baron, Von Ungarn nach Auschwitz: Die verschwiegene Warnung. Münster: Westfälisches Dampfboot, 1994; Penkower, Jews were Expendable, S. 185-209; Wyman, Abandonment, S. 288-289; Martin Gilbert, Auschwitz and the Allies. London: Weidenfeld & Nicolson, 1981; dt.: M. G., Auschwitz und die Alliierten. München: Beck, 1982.
  46. Bei Kriegsende waren alle Kopien des Films entweder in Prag oder in Theresienstadt. Da beide Orte durch die Rote Armee befreit wurden, ist es nicht undenkbar, daß eine dieser Kopien durch die Rote Armee gefunden worden und als "beschlagnahmte Feindpropaganda" in die Sowjetunion gebracht wurde. Es ist daher möglich, daß sich in russischen Archiven eine vollständige Kopie des Theresienstadtfilms befinden könnte. Anfragen an das Zentrale Staatliche Film Archiv in Bielye Stolby (Gosfilmofond) und Krasnogorsk (Dokumentarfilmarchiv) im Jahr 1991, also vor der Auflösung der UdSSR, blieben aber ohne Erfolg.
  47. Lokalhistoriske Arkiv, Randers, Dänemark: Hartogson Sammlung, Dokument mit dem Titel "Musikaufstellung".
  48. Die Master-Kopie dieses Fragments befindet sich im Filmový Archív (Tschechisches Staatliches Filmarchiv) in Prag. Eine gute Kopie erster Generation befindet sich im Bundesarchiv (BA: Film Nr. 3372). Dieses Fragment, das abrupt inmitten einer Szene beginnt und endet, enthält 215 Einstellungen, und zwar das Ende von Sequenz 26, die vollständigen Sequenzen 27 bis 36 und die ersten Sekunden der Sequenz 37.
  49. YV: Film- und Photoarchiv: Sammlung Nr. 2977. Die fünf Fragmente zeigen Szenen aus den Sequenzen 1 und 2 (39 bzw. 50 Sekunden), 6 (87 Sekunden), 7 (31 Sekunden), 15 und 16 (98 bzw. 64 Sekunden) und 17 (75 Sekunden). Insgesamt enthalten die Fragmente 120 verschiedene Einstellungen. Eine (1/2-Zoll) VHS NTSC-Kopie der erhaltenen 22 1/2 Minuten des Originalfilms, in der Reihenfolge des Originalfilms, kann zu Unterrichtszwecken vom National Center for Jewish Film, Lown Bldg 102, Brandeis University, Waltham MA 02254-9110, USA (Tel.: 617-899-7044; Fax: 617-736-2070) für US $ 100.- bezogen werden.
  50. YV: Film- und Photoarchiv: Sammlung Nr. 2977. Zusätzliche Bildfelder (frame enlargements) oder Standfotos des Films wurden in den folgenden Archiven aufgefunden: Státní židovské muzeum (Staatliches Jüdisches Museum) in Prag; Památník Terezín (Terezín Gedenkstätte) in Terezín; Beit Theresienstadt im Kibbutz Chivat Chaim; Lohamei Haghettaot (Ghettokämpfer-Haus) im Kibbutz Lohamei Haghettaot; YIVO Institute for Jewish Research in New York; RIOD in Amsterdam.
  51. Sequenzen, die teilweise als laufende Filmmeter und zusätzliche Bildvergrößerungen erhalten sind: 1, 2, 6, 7, 16; Sequenzen, die nur als Bildvergrößerungen und nicht als laufende Filmmeter erhalten sind: 3, 4, 5, 8, 9, 10, 13, 20, 22, 24, 25. Anzahl der Einstellungen, die nur als Bildvergrößerungen erhalten sind: 149.
  52. Sequenzen, die partiell auf Zelluloid erhalten sind und für welche die Skizzen zusätzliche Bilder liefern: 1, 2, 3, 4, 6, 8, 9, 13, 15, 16, 20, 22, 24, 25, 26; Sequenzen, die nur als Skizzen erhalten sind: 11, 12, 14, 18, 19, 21, 23. Die Zeichnungen in Zahlen: 103 Skizzen wiederholen Szenen, die bereits auf Film vorliegen, 167 ergänzen fehlende Einstellungen unvollständiger Sequenzen und 62 enthalten Einstellungen, die in keiner Form auf Zelluloid erhalten sind.
  53. Insgesamt kennen wir 712 verschiedene Kameraeinstellungen: 215 aus dem Filmovy Archiv/Bundesarchiv-Fragment, 120 aus den fünf Yad-Vashem-Filmfragmenten, weitere 149 aus Bildvergrößerungen und 229 aus den Spier-Skizzen. Diese 712 Einstellungen machen in etwa 75 bis 85 Prozent des gesamten Films aus.
  54. Einer derjenigen - und unter ihnen der einzige Jude -, der den Film im April 1945 gesehen hat, war Benjamin Murmelstein, der Nachfolger Eppsteins als Judenältester in Theresienstadt, nachdem Eppstein von den Nazis hingerichtet worden war. In seinem unveröffentlichten Bericht über Theresienstadt von 1945 vertrat Murmelstein die Ansicht, daß die Szenen aus dem Ältestenrat in dem fertigen Film nicht enthalten gewesen seien (YV: O-2/77; B. Murmelstein, "Geschichtlicher Überblick: (Theresienstadt)", (Ms., 1945), S. 45; vgl. auch: Adler, Theresienstadt, 2. Aufl., S. 183. Dagegen erinnert sich der Cutter Ivan Fric deutlich daran, daß sie enthalten gewesen seien, er erwähnt sogar, daß er auf der Tonspur von Eppsteins Ansprache zur Kommentarstimme übergeleitet habe (Interview des Autors mit Ivan Fric am 4. Dezember 1991).
  55. Die Szene gibt vor, eine Familie aus Vater, Mutter, zwei Kindern und Großeltern zu zeigen. Keinem der Filmemacher oder jedenfalls keinem der SS-Kontrolleure fiel auf, wie abwegig es war, öffentlich bekannte Personen, die wie die Ehepaare Cohen und Kozower auch noch aus verschiedenen Ländern kamen, einzusetzen, um mit ihnen eine "richtige Familie" darzustellen.
  56. SOAP: MLS 521/48: I-62 (Pecený-Bericht, 25. Juni 1945), S. 43; Interview des Autors mit Ivan Fric, 13. November 1989. Historiker haben höchst unterschiedliche Vermutungen über die Länge des fertigen Films angestellt, die zwischen Laufzeiten von 30, 40 oder 80 Minuten divergieren. Vgl. dazu beispielsweise: Rudolf Iltis, "Nazisticky filmovy dokument nalezen" (Ein Nazi-Filmdokument entdeckt), in: Vestník, XXVI/7 (Prag, 1. Juli 1964), S. 3; Schoenberner, Beiheft zum Film, S. 13; van Leer, "Ultimate Illusion", in: Jerusalem Post Magazine, 2. Februar 1985, S. 8.