|
THIS IS YOUR LIFE: HANNA BLOCH-KOHNER
Die Geschichte einer Auschwitz-Überlebenden im frühen
amerikanischen Fernsehen
Von Jeffrey Shandler
Auf dem Gebiet der Holocaust-Forschung ist die Diskussion
von Lebensgeschichten besonders folgenreich. Etwa während der ersten
drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg richteten Historiker und
andere Holocaust-Forscher ihr Interesse weitgehend darauf, die Vernichtung
des europäischen Judentums und anderer verfolgter Gruppen durch
die Nazis und ihre Kollaborateure vor und während des Krieges zu
dokumentieren. In den späten 70er Jahren begannen einige Forscher,
darüber hinauszugehen und das zu schaffen, was Saul Friedländer
und andere Historiker die "master narrative" [1]
des Holocaust nannten, und einige ihrer verschiedenen Darstellungsformen
zu untersuchen. Ausgelöst wurden diese Betrachtungen in nicht unerheblichem
Umfang durch das Aufkommen von sogenanntem Nazi-Schund oder -Kitsch
(das heißt Filme, Pornographie und andere Kulturerzeugnisse),
welcher die Nazizeit verherrlichte oder auf andere Weise mißbrauchte
[2], sowie von einer revisionistischen Geschichtsschreibung
des Dritten Reichs, die vorgab, den planmäßigen Massenmord
an den Juden und an anderen Bevölkerungsgruppen zu widerlegen.
[3] Im Verlauf der Untersuchung dieser und anderer,
weniger umstrittener Darstellungen begann eine Reihe von Wissenschaftlern
Kriterien für eine angemessene Beschreibung des Holocaust zu formulieren,
die von Gedichten bis zu Mahnmalen reichten und die gleichermaßen
die historische wie moralische Deutungshegemonie des Holocaust verteidigen
und sichern sollten. [4]
In jüngerer Zeit war es nicht zuletzt der deutsche
"Historikerstreit", der die Aufmerksamkeit auf die Debatte
um die "Grenzen der Darstellung", wie Saul Friedländer
es nannte, gelenkt hat. Gegen die Feststellung des Historikers Hayden
White, daß "der historische Bericht selbst keinen Boden dafür
bietet, die eine Art, ihm Bedeutung zu verleihen, einer anderen vorzuziehen"
[5], wendet Friedländer ein, daß "die
schiere Anzahl der gesicherten Fakten über die 'Endlösung'
die Gesamtinterpretation determiniert, und nicht umgekehrt. (...) Selbst
das Zeugnis eines einzigen Überlebenden eröffnet einen Zutritt
zu dem Gebiet der historischen Realität und erlaubt so eine Annäherung
an einen Ausschnitt der historischen Wahrheit." [6]
Die Diskussion über die Darstellung und Interpretation
des Holocaust beschränkte sich nicht auf historiographische oder
erzählende Texte im allgemeinen (Geschichtsschreibung, Literatur
oder Memoiren), sondern erstreckte sich gleichermaßen auf andere
Darstellungsmedien, darunter Photodokumentationen oder Filmberichte,
Spiel- und Dokumentarfilme, bildnerische Darstellungen (einschließlich
Mahnmale und Gedenkstätten), Theater, Fernsehen und Video. Obwohl
der ihnen gemeinsame Gegenstand diese kritischen Betrachtungen zu einem
gewissen Grad verbindet, schafft der jeweils eigene Charakter eines
jeden dieser Medien oder Genres hinsichtlich der durch sie erzeugten
Darstellungen des Holocaust unterschiedliche Repräsentationen von
je eigener Beschaffenheit. Darüber hinaus beschreiben diese Kritiken
oft einige Medien oder Genres als der Darstellung des Holocaust besonders
angemessen, während andere ihrer Natur nach weniger geeignet seien.
In ihrer Betrachtung des Holocaust in der Literatur schreibt beispielsweise
Sidra Ezrahi, daß "in Hinblick auf die strukturellen Metamorphosen,
die als Antwort auf die historischen Diskontinuitäten stattgefunden
haben, die bildenden Künste dem gewalttätigen Zusammenbruch
der Humanität und den Verzerrungen des Antlitzes der Menschlichkeit
mehr unterworfen zu sein scheinen als das literarische Medium".
[7]
Andere bezeichnen die Videoaufzeichnungen von Interviews
mit Holocaust-Überlebenden, vielleicht das neueste all dieser Genres,
als das Medium, das die "Grenzen der Darstellung" am ehesten
zu überschreiten vermag. Ungefähr zur selben Zeit, als Holocaustforscher
sich daran machten, die bisherigen Forschungsergebnisse kritisch zu
reflektieren, begann eine Initiativgruppe in New Haven, Connecticut,
die Erinnerungen von Überlebenden des Holocaust auf Videofilm zu
dokumentieren. In ihrer Studie über die Kultur des Erinnerns in
den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und in Westeuropa erläutert
die Journalistin Judith Miller, daß der Ausgangspunkt dieses Projekts
"die NBC-Fernsehserie HOLOCAUST von 1978" gewesen sei. Obwohl
die Serie hohe Einschaltquoten verzeichnete und anerkanntermaßen
unter jungen Amerikanern und Europäern ein Interesse am Holocaust
auslöste, hätten sich Überlebende in Connecticut und
woanders ärgerlich über die Trivialisierung dieser entsetzlichen
Erlebnisse gezeigt. "Alles war ihnen genommen worden. Und nun versuchte
das Fernsehen, ihnen auch noch ihre Geschichte zu nehmen", zitiert
Judith Miller die Leiterin des Video-Projektes, Joanne Rudof. [8]
Das Projekt wurde später unter der Schirmherrschaft
der Yale University weitergeführt, wo das Fortunoff Video Archive
for Holocaust Testimonies, gemeinsam mit anderen Gruppen in Städten
der Vereinigten Staaten und in Europa, Interviews mit
mehr als 2.000 Holocaust-Überlebenden aufgezeichnet hat. [9]
Geoffrey Hartman, der Fakultäts-Beauftragte für das Fortunoff-Archiv,
bemerkt dazu, daß die Vorgehensweise des Projekts eine Alternative
zur "Talk-Show-Manier des Fernsehens" darstelle, wo der "Gastgeber
den Überlebenden überschwenglich als starke, heldenhafte und
bewundernswerte Person vorführt. Die Vertraulichkeit des Mediums
ist ebenso gefährlich wie seine vereinfachende Anschaulichkeit
und seine Sensationsgier. Unsere Augenzeugenberichte dagegen konterkarieren
sowohl das Sensationelle wie auch die Trivialisierung." [10]
Judith Miller übernimmt in ihrer Studie die Begrifflichkeit,
die das Herangehen des Fortunoff-Archivs in der Medialisierung des Holocaust
der von "Hollywood" entgegenstellt. Die eine wird als Low-budget-
und Non-profit-Methode bezeichnet, die mit weniger Geld auskomme, als
"ein einziger Fernsehspielfilm kostet". Miller argumentiert,
daß, anders als die diversen Fernsehserien in der Art der NBC-Serie
HOLOCAUST, es die Videoaufnahmen durch die individuelle Erinnerung an
persönliche Erlebnisse vermeiden, den Holocaust zu entwirklichen:
"Indem sie sich erinnern, kommen die Überlebenden an einen
Punkt, wo Worte nicht mehr ausdrücken können, was sie erlitten
haben. Das ist der Punkt, an dem die Kamera weitererzählt. Sie
zeigt das Zögern, den ausweichenden Blick, das hilflose Lächeln,
den Ausdruck des Schmerzes bei einer Erinnerung, die Unruhe, die Seufzer,
die verstohlene Träne, die mühsame Suche nach den richtigen
Worten, um das Unfaßbare auszudrücken. (...) Die Kamera ist
es, die es möglich macht, daß diese Erinnerungen nicht nur
papierene Worte sind, die den Menschen unsichtbar machen, der sie erlebt
hat." [11]
Miller charakterisiert die Videoaufzeichnungen
des Fortunoff-Archivs - die Arbeit "geübter, nicht intervenierender
Interviewer" mit Überlebenden, die freiwillig kamen, um "Zeugnis
abzulegen" - als die Beschreibung des "Holocaust der
Fakten" im Gegensatz zu dem "Holocaust der Imagination",
wie er in Hollywood-Produktionen erscheine. Sie beschreibt die Zeugnisse
des Fortunoff-Archivs als unverfälschte Dokumentation, die dem
Betrachter eine fast unmittelbare Begegnung mit der Geschichte ermögliche
und denjenigen, die nicht dasselbe erlebt haben wie die Holocaust-Überlebenden,
den größtmöglichen Zutritt zu deren Welt biete. [12]
Während Miller und Hartman den Videoaufzeichnungen
dieser Erinnerungen eine einzigartige Authentizität zusprechen,
bestreiten sie die Darstellbarkeit des Holocaust im kommerziellen Fernsehen.
Die Auffassung, das Fernsehen sei für die Darstellung des Holocaust
ungeeignet, ist allerdings nicht neu. Tatsächlich lautet seit den
ersten Folgen der NBC-Serie HOLOCAUST, die zu einem Gegenstand öffentlicher
Diskussion wurde, die vorherrschende Meinung, daß das Fernsehen
und die Mitteilung dieser Erlebnisse miteinander inkompatibel seien.
Viele Kritiker stimmen darin überein, daß das Fernsehen -
generell als gewöhnlich, kommerziell, oberflächlich und banal
angesehen - von Grund auf ungeeignet sei, den Holocaust angemessen zu
vermitteln, der gemeinhin als ungeheuerlich, abgründig, unbegreiflich,
beunruhigend und einzigartig beschrieben wird. [13]
Um die Darstellung des Holocaust zu bewerten, gibt es
freilich mehr als nur ein Kriterium, und tatsächlich sind diese
derart vielgestaltig, daß sie einander häufig widersprechen.
Während Miller beispielsweise die Videoaufzeichnungen von Yale
wegen ihrer Konkretheit und Wahrhaftigkeit hervorhebt, haben andere
verschiedentlich vertreten, daß der Holocaust nur in einer vom
persönlichen Schicksal abstrahierenden, leidenschaftslosen Verallgemeinerung
angemessen vermittelt werden könne. Beispielsweise schreibt einerseits
der Schriftsteller Leslie Epstein, er sei zu dem Schluß gekommen,
daß "nahezu ein jeglicher ehrliche Augenzeugenbericht einen
bewegenderen und eindringlicheren Eindruck davon zu geben vermag, wie
es in den Ghettos und Lagern gewesen sein muß, als die allermeisten
fiktionalen Darstellungen dieser Geschehnisse". [14]
Der Regisseur Claude Lanzmann dagegen argumentiert, daß die Einzigartigkeit
des Holocaust als historisches Ereignis "nicht logisch aus irgendeinem
(...) System von Grundannahmen deduziert werden kann". Daher verlange
der Gegenstand Darstellungen, die auf einer konventionellen, chronologischen
Abfolge des Geschehens basieren. [15] Der Literaturkritiker
Lawrence Langer weist in der Diskussion von Adornos Essay über
"Engagement" der Literatur über den Holocaust die Aufgabe
zu, weniger die empirische Wirklichkeit zu gestalten, als sie zu demontieren:
Das Versäumnis, den der ästhetischen Erfahrung innewohnenden
Genuß zu zerstören, würde der Kunst die Möglichkeit
nehmen, "zu verneinen, was sie bezeugen soll, das grauenhafte Chaos
der Entmenschlichung durch den Holocaust". [16]
Es gibt weitere Ansätze, den Charakter der medialen
Vermittlung des Holocaust zu verstehen. In seiner Studie über das
Beschreiben des Holocaust weist der Literaturwissenschaftler James Young
darauf hin, daß zwischen den Geschehnissen des Holocaust und den
Mitteln ihrer Darstellung eine wechselseitige Beziehung besteht und
daß diese Interdependenz als Ausgangspunkt zu ihrem Verständnis
dienen kann. Daraus ergibt sich, so Young, daß "niemand heutzutage
mehr behaupten (kann), die Wahrheiten des Holocaust, und zwar die faktische
ebenso wie die interpretatorische, könnten von uns nicht verstanden
werden; wir müssen vielmehr sehen, daß diese Wahrheiten unseren
Formen, die Geschichte des Holocaust zu verstehen, zu interpretieren
und zu schreiben, inhärent sind. (...) Damit soll freilich die
tiefe Wahrheit in jedem uns überlieferten Bericht keineswegs in
Frage gestellt werden; wir wollen vielmehr die Wahrheit der allen Versionen
des Holocaust immanenten Interpretation suchen, und zwar sowohl jener
Interpretation, die der Autor bewußt leistet, als auch derjenigen,
die sein Text zwangsläufig für ihn schafft." [17]
Im Unterschied zu dem Unbehagen, das Friedländer über die
wechselseitige Beziehung erzählender Medien und des über den
Holocaust Mitgeteilten bekundet hat, macht Young geltend, daß
"die Tatsache, daß wir für unser Wissen auf vermittelnde
Texte" angewiesen sind, "diese Texte weder zum alleinigen
Gegenstand unserer Untersuchungen (macht), noch mindert sie den Wert
der in diesen vermittelten Versionen hervorgebrachten Bedeutung. Denn
die Signifikanz und die Bedeutung, welche die Texte den Ereignissen
geben, spiegeln oft nur wider, wie diese Ereignisse damals von den Opfern
begriffen wurden. Und weil es diese 'bloßen' Interpretationen
waren, die zu den Reaktionen der Opfer führten, sind es die interpretierten
Versionen des Holocaust in ihrer Textgestalt, die uns dazu bringen,
in einer vom Holocaust überschatteten Welt so oder so zu handeln.
Das heißt, wenn der Kritiker von heute diese Interpretationen
als Triebkraft in den Ereignissen begreift, kann er sowohl die Historizität
der Ereignisse als auch den entscheidenden Einfluß der damaligen
Interpretation auf diese Ereignisse anerkennen. (...) Es geht mir weniger
um eine bloße Dekonstruktion oder eine vollständige Enthistorisierung
der literarischen Darstellung oder ihrer Kritik als um deren Rehistorisierung,
und das verlangt, nicht bei der Interpretation stehenzubleiben, sondern
nach den Konsequenzen der Interpretation für die Geschichte zu
fragen." [18]
Young fordert dazu auf, diesen kritischen Zugang auf die Überprüfung
anderer Medien anzuwenden, wobei er sich selbst mit der Analyse von
Holocaust-Filmen, von Mahnmalen und Museen befaßt hat. In Hinblick
auf die Darstellungen des Holocaust im Fernsehen verlangt dies, die
vorherrschende Auffassung von der Untauglichkeit des Fernsehens zunächst
beiseite zu lassen und die Darstellungen des Holocaust durch das Fernsehen
im Lichte der Eigenarten dieses Mediums zu überprüfen. Es
ist außerdem von Bedeutung, im Auge zu behalten, daß in
den USA das Fernsehen - anders als andere Medien - zur gleichen Zeit
seine Verbreitung und überragende Bedeutung als nationales Medium
erlangte, als der Holocaust begann, Teil der Menschheitsgeschichte zu
sein.
Dies erweist sich insbesondere dann als wichtig, wenn wir die frühesten
Beispiele dessen betrachten, was heute als "Holocaust television"
[19] bezeichnet wird, nämlich Fernsehspiele,
Dokumentarfilme und andere Genres, wie sie ursprünglich etwa während
der ersten Nachkriegsdekade ausgestrahlt wurden. In diesen Jahren entwickelte
sich das Fernsehen von einer technischen Kuriosität in einigen
wenigen tausend amerikanischen Haushalten zu dem verbreitetsten und
mächtigsten Unterhaltungs- und Informationsmedium überhaupt.
[20] Zur gleichen Zeit begann das Phänomen
des "Holocaust" Gestalt anzunehmen, auch wenn der Begriff
Holocaust noch keinen Eingang in den amerikanischen Sprachgebrauch gefunden
hatte und das Thema im akademischen Bereich weitgehend ignoriert wurde,
von kleineren Gelehrtenkreisen, die sich seiner Erforschung widmeten
und zumeist aus Überlebenden der Naziverfolgung bestanden, einmal
abgesehen. [21] Daher müssen diese frühen
Beispiele von "Holocaust television" im Unterschied zu Darstellungen
in anderen Medien als Produkte eines im Entstehen begriffenen Mediums
aufgefaßt werden.
Gelegentlich zeigen amerikanische Fernsehsendungen den prägenden
Einfluß des neuen Mediums auf frühe Nachkriegsdarstellungen
dessen, was wir heute als Holocaust bezeichnen. Dies gilt in hohem Maße
für eine Folge der Unterhaltungsserie THIS IS YOUR LIFE, die am
Abend des 27. Mai 1953 von NBC [22] ausgestrahlt
wurde, einer der damaligen vier nationalen kommerziellen Fernsehsender
der Vereinigten Staaten (die anderen waren ABC, CBS sowie die nicht
mehr bestehende Gesellschaft Dumont). Diese halbstündige Sendung
erzählt die Geschichte einer Holocaust-Überlebenden vermittels
einer Sendeform, die heute als typisches Beispiel der frühen amerikanischen
Fernsehkultur gilt.
Die NBC-Sendung vom 27. Mai 1953 ist eine der ersten Darstellungen der
persönlichen Geschichte einer Holocaust-Überlebenden im amerikanischen
Fernsehen. Daraus ergeben sich für unser Thema eine Reihe von Fragestellungen:
Welche Konturen gibt das Fernsehen als interaktives Medium der Mitteilung
einer Lebensgeschichte? Welche besonderen Mittel des Fernsehens werden
eingesetzt, um die Darstellung des Holocaust zu ermöglichen, zu
begrenzen oder auf andere Weise zu formen? Gibt es Hinweise darauf,
daß die Urheber der Sendung den Holocaust als etwas Einzigartiges
auffaßten, auch wenn der Holocaust als Kategorie des historischen
Bewußtseins gerade erst Gestalt annahm und bevor der Begriff "Holocaust"
Teil des amerikanischen öffentliches Diskurses wurde? Wie reflektiert
die Sendung den weiteren sozialen und politischen Kontext des amerikanischen
Lebens der Nachkriegszeit, insbesondere des amerikanisch-jüdischen
Lebens der Nachkriegszeit? In welcher Weise präsentiert die Sendung
die individuelle Lebensgeschichte als Teil der weit umfangreicheren
Geschichte des Holocaust und gibt uns damit, um mit Friedländer
zu sprechen, als "die Stimme eines einzelnen Zeugen einen Zutritt
auf das Gebiet der historischen Realität"? Und schließlich:
Welche Einsichten erlaubt die Analyse dieser Sendung in andere, spätere
Darstellungen des Holocaust im amerikanischen Fernsehen, insbesondere
in solche, die von der Lebensgeschichte eines einzelnen Überlebenden
handeln? [23]
Zu Beginn der Sendung THIS IS YOUR LIFE: HANNA BLOCH-KOHNER erscheint,
umrahmt von Scheinwerferlicht und begleitet von Fanfarenklängen,
der Name der Sendung auf dem Bildschirm. Ansager Bob Warren kündigt
THIS IS YOUR LIFE als die meistbeachtete Fernsehserie Amerikas an. Er
fügt hinzu, daß die Sendereihe von der Kosmetikfirma Hazel
Bishop gesponsert wird. Die Erkennungsmelodie der Sendung erklingt,
und der Gastgeber Ralph Edwards kommt den Mittelgang des El-Capitan-Theaters
in Hollywood, California, herunter. Vor der ersten Reihe bleibt er stehen,
um eine dort sitzende junge Frau nach ihrem Namen zu fragen. Sie sei
Hanna Kohner, antwortet sie, die Ehefrau des Talent agent Walter Kohner
in Hollywood. Edwards bittet sie, den Namen des jungen Mannes neben
ihr zu nennen: er ist der Schauspieler Jeffrey Hunter. Edwards bittet
Hunter, ihm zu sagen, was auf dem Umschlag des Albums geschrieben ist,
das er bei sich trägt. "This Is Your Life - Hanna Bloch-Kohner",
liest Jeffrey Hunter laut. Hanna ist überrascht. Sie schlägt
die Hände vors Gesicht und ruft laut:"Oh no! Oh my God!"
Doch bald lächelt sie wieder und lacht laut auf, als Edwards ihr
von der List ihrer Familie erzählt, sie glauben zu lassen, der
Gast der Sendung sei Jeffrey Hunter. Dann begleitet er sie auf die Bühne,
die er "Hazel-Bishop"-Bühne nennt, und bittet sie, sich
auf den "Ehrenplatz" zu setzen.
Das Bühnenbild besteht aus einem gepolsterten Plüschsofa,
drapierten Vorhängen, Blumengebinden auf Säulen und einem
Teetisch, was möglicherweise einem schicken Living room in Hollywood
ähneln soll. Im Hintergrund ist mit großen Lettern der Name
der Sponsorfirma angebracht. Nachdem sie Platz genommen hat, fragt Hanna,
ob Edwards ein Taschentuch für sie habe. Sie wundert sich, wie
es ihrer Familie gelungen sei, sie in die Sendung zu bringen. "Sie
haben es einfach verdient", erwidert Edwards, und er beginnt mit
der Vorstellung von Hanna Kohner. "Wenn man Sie anschaut",
beginnt Edwards, "ist es schwer zu glauben, daß Sie sieben
Jahre Ihres immer noch kurzen Lebens unter Furcht, Terror und Leid verbracht
haben." Sie ähnele weit mehr einem "jungen amerikanischen
Mädchen, das gerade vom College kommt, als einer Überlebenden
von Hitlers grausamer Verfolgung der deutschen Juden." Daran, aber
auch an glücklichere Tage "wollen wir uns gemeinsam mit Ihnen
noch einmal erinnern. Doch wegen der außergewöhnlichen Intensität
Ihrer Geschichte möchte unsere Sponsorin Hazel Bishop, daß
wir uns ihr ohne Unterbrechung widmen können." Es folgt ein
Werbespot, in dem die Schauspielerin Gloria Lewis den "No-smear
Lipstick" von Hazel-Bishop-Cosmetics vorführt.
Mit der Erkennungsmelodie kehrt das Bühnenbild von THIS IS YOUR
LIFE auf den Bildschirm zurück, und Edwards beginnt mit der Erzählung
von Hannas Lebensgeschichte. Er erwähnt die tschechoslowakische
Stadt Teplitz-Schönau, seit der Römerzeit für ihre heißen
Quellen berühmt, wo Hanna am 7. September 1919 in der Nähe
des "alten Schlosses der Grafen von Clary-Aldringens" geboren
wurde. "Ihre kleinen Füße", erzählt Edwards,
"berührten die Pfade, auf denen einst Beethoven und Goethe
gingen, und der Wind, der durch die Wälder rauschte, kündete
von den gewaltigen Klängen des Tannhäuser, dessen ersten Akt
Wagner in Teplitz geschrieben hat - ein reiches Erbe für die beiden
Kinder von Max und Hertha Bloch." Während dieser Sätze
blendet die Kamera Bilder des Schlosses, eine Straßenszene des
19. Jahrhunderts und Porträtaufnahmen von Hannas Eltern ein.
Aus dem Off kündigt eine Stimme an, "er" sei ein Schulkamerad
von Hanna und Gottfried, ihrem Bruder, gewesen. Edwards fragt sie, ob
sie wisse, um wen es sich handelt: jemand, den sie seit mehr als fünfzehn
Jahren nicht mehr gesehen habe. Der angekündigte Gast erweist sich
als Frank Lieben, ein Freund aus der Kindheit, der jetzt als Ingenieur
in Manitoba arbeitet; einer von fünf alten Bekannten, mit denen
Hanna Kohner während der Sendung zusammengebracht wird. Begleitet
von einem Harfenglissando und dem Applaus des Publikums betritt Lieben
die Bühne. Er und Hanna umarmen sich und tauschen ein paar Erinnerungen
über Lehrer und Schulferien aus. Sie kichert, als er erwähnt,
wie sie sich in Walter Kohner verliebt habe, nachdem sie sich bei einem
Schulball kennengelernt hatten. Ein von Streichinstrumenten gespielter
Walzer begleitet diese Erinnerungen, während die Kamera ein Photo
von Hanna als junges Mädchen einblendet. Nachdem Lieben seine Erzählung
beendet hat, bittet Edwards ihn, im Hintergrund der Bühne Platz
zu nehmen, den er "Hanna's past", "Hannas Vergangenheit",
nennt.
Edwards faßt das bisher Gehörte zusammen und fragt, was nach
1934 geschehen sei. Hanna berichtet, daß sie zur Schule ging und
später in einem Hotel in Marienbad arbeitete. Dann begann der Krieg.
Walter, den sie heiraten wollte, war in Wien, um dort am Theater bei
Max Reinhardt zu studieren, fügt Edwards hinzu. Die Musik, die
diese Erzählung begleitet, wird schwächer, begleitet von leichten
Trommelschlägen. Edwards faßt die Geschichte des Anschlusses
Österreichs und der Besetzung des Sudetenlandes zusammen, wobei
altes Filmmaterial von deutschen Soldaten gezeigt wird, die in Kolonne
durch die Straßen einer nicht näher bezeichneten europäischen
Stadt marschieren. Blasinstrumente begleiten die Bilder mit dem Horst-Wessel-Lied,
dem antisemitischen Nazimarsch. Ein kurzer Zwischenschnitt zeigt Hanna
in Nahaufnahme, überblendet mit den Bildern der marschierenden
Soldaten, und Edwards erinnert daran, daß Hannas Heimatort zu
den ersten von den deutschen Truppen besetzten Städten gehörte.
Begleitet von sich steigerndem Trommelschlag, berichtet er, daß
zuerst die örtliche Synagoge die "brennende Fackel des Nazi-Hasses"
zu spüren bekam. Der Trommelwirbel bricht ab, und die klagenden
Töne des Kol Nidre erklingen, gespielt von Streichinstrumenten.
Die Photographie einer niedergebrannten Synagoge erscheint auf dem Bildschirm.
Edwards fragt Hanna, ob sie den Einmarsch der deutschen Truppen in Teplitz-Schönau
miterlebt habe. "Nein", antwortet sie, "aber es muß
furchtbar gewesen sein."
Begleitet von Streichern und Harfen, berichtet Edwards, daß Walter
ein Visum in die Vereinigten Staaten bekam und versuchte, Hanna nachzuholen,
was aber wegen der Einwanderungsquoten fehlschlug. Sie floh nach Amsterdam,
wo sie als Hausangestellte, Stubenmädchen und Verkäuferin
arbeitete. Am 10. Mai 1940, erklärt Edwards, besetzten die Nazis
die Niederlande, und "beendeten damit erbarmungslos ihren Traum",
Walter nach Amerika folgen zu können. Die Kamera blendet eine Landkarte
Europas ein. Deutschland ist von schwarzer Farbe bedeckt, und das Schwarz
verbreitet sich über Belgien, Luxemburg und die Niederlande. Die
Melodie des Kol Nidre erklingt erneut, als Edwards beschreibt, wie Hanna
"allein und ohne Freunde von den Hitler-Schergen gejagt" wurde.
Edwards setzt seinen Bericht fort. In Amsterdam trifft Hanna Carl Benjamin,
einen jungen deutschen Flüchtling, den sie wenig später heiratet.
Während des Winters 1943 wird die "Zuflucht, die sie in dieser
Ehe fanden", abrupt beendet, als die Gestapo Hanna und ihren Ehemann
in ihrer Unterkunft festnimmt. Sie werden in das Durchgangslager Westerbork
verschleppt. Eine neuerliche Stimme aus dem Off kündigt an, dies
sei der Ort, an dem Hanna "sie" kennengelernt habe. Hanna
erkennt die Frauenstimme sofort. Es ist die Stimme von Eva Herzberg,
jetzt Frau Florsheim, die nun, so wie Hanna auch, in Hollywood lebt.
Die beiden Frauen, erklärt Edwards, seien während all dieser
Zeit, die sie in vier verschiedenen Konzentrationslagern verbracht hätten,
Freundinnen gewesen. Das Publikum applaudiert, als Eva bei Harfenklängen
die Bühne betritt. Sie umarmt Hanna und erzählt, nach einer
Frage von Edwards, wie sie beide in Viehwagen nach Theresienstadt gebracht
wurden. Bei dieser Fahrt, ergänzt Edwards, sei Hanna auch durch
Teplitz-Schönau gekommen. "Es war keine schöne Heimkehr",
fügt Hanna hinzu.
Einige Wochen später, fährt Eva fort, wurden sie nach Auschwitz
gebracht. "Es war entsetzlich kalt, wir hatten nur dünnes
Zeug zum Anziehen, und zehn Mädchen mußten sich zwei Schlafkojen
teilen." "Jede von Ihnen bekam Handtuch und Seife", fährt
Edwards fort, "und Sie wurden zu den sogenannten 'Duschen' geschickt.
Einige hatten richtiges Wasser, aber aus den anderen kam flüssiges
Gas, und keiner wußte, in welche er ging." Unter den Unglücklichen,
bemerkt er, die in Auschwitz ermordet wurden, waren Hannas Ehemann,
ihre Mutter und ihr Vater. Hanna erfuhr, daß auch ihr Bruder Gottfried
im Lager war, und obwohl sie ihn nicht treffen konnte, konnte sie ihm
mit Hilfe des Lager-Untergrunds zu seinem Geburtstag eine Botschaft
zukommen lassen. Heute, bemerkt Edwards, ist Gottfried Arzt und lebt
in Israel. Eva setzt die Erzählung fort und berichtet, wie Hanna
und sie im Winter 1944 nach Mauthausen transportiert worden seien. Welcher
Arbeit sie dort zugeteilt worden sei, fragt Edwards. Sie sei zunächst
zu krank gewesen, um zu arbeiten, antwortet Hanna Kohner. "Aber
wir wollten alle unbedingt arbeiten, um nicht vergast zu werden oder
um wenigstens etwas mehr zu essen zu haben." Sie habe dann in einer
Fabrik, die Kunstwolle für die deutsche Armee herstellte, gearbeitet.
Edwards erinnert sie, daß sie außerdem auch Kohle geschaufelt
habe, auf dreiundsiebzig Pfund abgemagert und schwer an Fieber erkrankt
gewesen sei - "bis dann am 5. Mai 1945 ..."
Die Erkennungsmelodie erklingt erneut, und Archivphotografien befreiter
Konzentrationslager erscheinen auf dem Bildschirm. "'V' für
'Victory'", erklärt Edwards das Grußzeichen der überlebenden
Häftlinge, und er geht zum Tag der Befreiung des Konzentrationslagers
Mauthausen über. Dies ist das Stichwort für die Vorstellung
des nächsten Gastes, Harold Shuckart. Jetzt im Anzeigengeschäft
in St. Louis, Missouri, tätig, war Shuckart 1945 ein Offizier der
US-Armee, einer von drei jüdischen GIs (die beiden anderen waren
die Corporals Herbert Kornblit und Walter Lohmann) in der Einheit, die
Mauthausen befreite. Sie nahmen sich Hannas und Evas an, indem sie ihnen
in den Nachkriegstagen behilflich waren. Shuckart war es, der einen
Brief an Walter Kohner schrieb, in dem er ihm mitteilte, daß Hanna
den Krieg überlebt hatte und verwitwet war. (Walter, erklärt
Edwards, hatte von Hanna zuletzt gehört, als sie ihm ihre Heirat
mit Carl Benjamin mitgeteilt hatte.)
Im Juli 1945, fährt Edwards fort, ging Hanna Kohner zurück
nach Amsterdam (die Arie der Senta aus Wagners Der fliegende Holländer
unterlegt diesen Bericht). Eine weitere Bekannte aus der Vergangenheit
wird hereingebracht, Irene Sachs, ebenfalls vor Hitler geflohen, die
nach dem Krieg in Amsterdam im gleichen Haus lebte wie Hanna. Irene
Sachs erinnert sich, wie eines Tages ein junger amerikanischer Offizier
angeklopft habe, der auf der Suche nach Hanna war - es war Walter Kohner.
Walter selbst betritt bei diesem Stichwort die Bühne, umarmt seine
Frau und nimmt neben ihr auf dem Sofa Platz. Er berichtet, daß
er in Luxemburg stationiert war, als Shuckarts Brief ihn erreichte.
Danach habe er Hannas Bruder Gottfried in Prag getroffen und von ihm
erfahren, daß sie möglicherweise in Amsterdam sein könnte.
Edwards fragt ihn, ob er sofort um Hanna angehalten habe. "Nein",
antwortet Walter, "ich habe bis zum nächsten Tag gewartet."
Das Publikum lacht. Edwards erwähnt, daß sie am 24. Oktober
1945 gleich dreimal getraut wurden, je einmal in einer luxemburgischen
und einer amerikanischen Ziviltrauung sowie einmal nach dem jüdischen
Ritus. "Und dann wurden ihre Träume doch noch wahr, als sie
im Juli 1946 an Bord eines Schiffes nach Amerika gingen."
"This Is Your Life", resümiert Edwards. Nachdem sie nun
in ihrem neuen Heimatland in Sicherheit sei, habe sie noch einen Herzenswunsch:
eine Reise nach Israel, um ihren Bruder wiederzusehen. "Hanna",
fährt Edwards fort, "Hazel Bishop hat diesen fernen Tag Wirklichkeit
werden lassen. Es ist fast zehn Jahre her, daß Sie zuletzt in
seiner Nähe waren, in einem Konzentrationslager. Nun, hier ist
er!" Gottfried Bloch betritt die Bühne und umarmt seine Schwester.
"Das ist mein glücklichster Tag in meinem ganzen Leben",
sagt er wörtlich. "Es ist ein glücklicher Tag für
uns alle", ergänzt Edwards, wobei sich alle Gäste der
Sendung auf der Bühne versammeln. "Nach Düsternis, Verfolgung
und Elend wurde Ihnen, Hanna Kohner, in einer neuen Welt ein neues Leben
geschenkt. Und auch wenn Sie sich in Ihrem Herzen an diejenigen erinnern,
die nicht davonkamen, freuen Sie sich doch demütig des Glücks,
das Amerika Ihnen geschenkt hat. Ihre Vergangenheit und Ihre Gegenwart
sind um Sie versammelt. (...) Und was wird die Zukunft bringen? Dazu
wird auch Hazel Bishop etwas zu sagen haben - nach dieser Botschaft".
Es folgt ein weiterer Werbespot für Hazel-Bishop-Kosmetika, dann
erscheinen wieder Edwards, Hanna und alle ihre Gäste auf dem Bildschirm.
Edwards dankt TWA dafür, Hannas alte Freunde, die er ihre "Vergangenheit"
nennt, nach Hollywood geflogen zu haben, und dem Roosevelt-Hotel in
Hollywood, sie zu beherbergen und am gleichen Abend eine Party für
sie zu veranstalten. Im Namen von Hazel Bishop überreicht er ihr
eine 16-Millimeter-Kopie der Sendung und einen Projektor, damit "Sie
und Ihre Familie diesen denkwürdigen Abend immer wieder erleben
können", sowie ein vergoldetes Armband, das "die Marchal-Juweliere
von der Fifth Avenue in New York für Sie entworfen haben und in
dem ein jedes Glied ein bedeutendes Ereignis in Ihrem Leben symbolisiert".
Schließlich schenkt Hazel Bishop ihr einen Lippenstift mit verzierter
Hülle; all dies sind die üblichen Geschenke, die THIS IS YOUR
LIFE-Kandidaten am Ende der Sendung erhielten.
"Die tragischen Erlebnisse, die nie in Vergessenheit geraten dürfen",
fährt Edwards fort, "wurden durch das Glück gemildert,
das Sie, Hanna, hier in Amerika gefunden haben. Doch es gibt unzählige
andere, verstreut über die ganze Welt, denen noch immer die bescheidensten
Mittel fehlen, um ein neues Leben beginnen zu können. Ihre einzige
Hoffnung ist die Arbeit des United Jewish Appeal, eine wichtige amerikanische
Hilfsorganisation. Ihnen zu Ehren wendet sich Hazel Bishop an alle unsere
Zuschauer, welchen Glaubens und welcher Herkunft sie auch sein mögen,
mit der Bitte um finanzielle Hilfe." Edwards wiederholt die Anschrift
des United Jewish Appeal, die gleichzeitig auf dem Bildschirm erscheint,
und kündigt an, daß die Sponsorfirma für diesen Zweck
einen ersten Betrag von 1000 Dollar gespendet hat.
"This is your life, Hanna Bloch-Kohner. In der Stunde der tiefsten
Verzweiflung reichte Ihnen Amerika seine helfende Hand. Ihre Dankbarkeit
zeigt sich in Ihrer unerschütterlichen Ergebenheit und Loyalität
für das Land, das zu Ihrer neuen Heimat wurde." Walter bedankt
sich bei Edwards, seinem Team und bei Hazel Bishop, die "das Unmögliche
möglich gemacht" und Hannas Bruder nach Hollywood gebracht
habe. Edwards wendet sich an die Zuschauer und wünscht ihnen, nach
einem Hinweis auf die Sendung der folgenden Woche, gute Nacht, während
die Erkennungsmelodie der Show erklingt und der Abspann erscheint.
Die Hanna-Kohner-Folge von THIS IS YOUR LIFE ist nur eine von mehreren
Fernsehsendungen über die Lebensgeschichte einzelner Holocaust-Überlebender
in den frühen Nachkriegsjahren. In der Tat wird der Holocaust in
dieser Zeit im Fernsehen weitaus häufiger durch die Erinnerungen
einzelner jüdischer Flüchtlinge oder Displaced Persons dargestellt
als auf andere Weise, beispielsweise durch Dokumentarberichte über
einzelne Konzentrationslager oder Ghettos, die erst in den späteren
Jahrzehnten größere Bedeutung erlangten. Dem sich eben erst
entwickelnden Medium Fernsehen wie auch der sich erst herausbildenden
Vorstellung des Holocaust scheint zu entsprechen, daß auch die
Situation der dem Naziterror Entkommenen als eine Übergangsphase
aufgefaßt wird, als ein Knotenpunkt, an dem sie darum ringen,
die Diskrepanz zwischen den Erfahrungen der Vergangenheit und den Wünschen
für die Zukunft miteinander ins Lot zu bringen.
Mindestens fünf weitere Folgen von THIS IS YOUR LIFE, die zwischen
Anfang der 50er und Mitte der 60er Jahre gesendet wurden, befaßten
sich mit der Lebensgeschichte anderer jüdischer Überlebender
oder mit dem Heldentum derer, die Juden vor der Naziverfolgung retteten.
Im einzelnen waren dies Benny Hoffman, der von der amerikanischen Armee
in Buchenwald befreit wurde, die Kantoren Gregor Shelkin und Bela Herskovitz,
außerdem Dr. Max Nussbaum, Rabbiner und Gemeindeoberhaupt aus
Deutschland, Ilse Intrator Stanley, eine Jüdin, die 412 Personen
aus einem Konzentrationslager gerettet hatte, und schließlich
Graf Felix von Luckner, ein hochdekorierter Veteran des Ersten Weltkriegs,
der "einen hohen Posten bei den Nazis ablehnte und schließlich
zumindest einer Jüdin das Leben rettete". [24]
Zerstreute Flüchtlingsfamilien, die durch den Krieg getrennt worden
waren, wieder zusammenzubringen, war ein Hauptthema von REUNION, einer
Radioserie, die vom New Yorker Sender WOR in den späten 40er Jahren
gesendet wurde, als Displaced Persons in einer Reihe von englischsprachigen,
amerikanisch-jüdischen oder jiddischen Radioprogrammen auftraten.
[25] Die Kriegsleiden und Nachkriegskonflikte von
Displaced Persons erschienen gelegentlich auch in den Fernsehnachrichten,
in politischen Magazinen oder auch in Prime-time-Fernsehfilmen. Dazu
gehörten beispielsweise HUNGER TAKES NO HOLIDAY, eine Folge der
CBS-Reihe THE WORLD WE LIVE IN im Jahr 1945 über die Schwierigkeiten
der Alliierten Militärregierung bei der Versorgung des zerstörten
Europas mit Lebensmitteln, [26] oder PLACING THE
DISPLACED, ein Dokumentarfilm der Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS),
der am 14. Juni 1948 in New York von WCBS-TV ausgestrahlt wurde. [27]
Die Frage der Aufnahme von Displaced Persons in den Vereinigten Staaten
wurde 1948 und 1950 in politischen Sendungen diskutiert (1948 in COURT
OF CURRENT ISSUES [28] und 1950 in der NBC-Sendung
THE AMERICAN FORUM [29]). Der unabhängige New
Yorker Sender WPIX berichtete zwischen 1948 und 1952 mehrfach über
das Schicksal von DPs. [30] Zu den frühen Fernsehspielfilmen,
in denen Flüchtlinge oder DPs eine zentrale Rolle spielen, gehören
HOLIDAY SONG (Philco Television Playhouse, NBC, 1952), HOMEWARD BORN
(Playhouse 90, CBS, 1957) und THIRTY PIECES OF SILVER (Alcoa/Goodyear
Theater, NBC, 1959).
Obwohl THIS IS YOUR LIFE die Lebensgeschichte von Hanna Bloch-Kohner
in einer Weise darbietet, die leicht als typisch für diese spezielle
Sendereihe zu erkennen ist, wird die Darstellung ihrer Geschichte auch
durch die spezifischen Eigenarten des Fernsehens im allgemeinen geprägt.
THIS IS YOUR LIFE macht erheblichen Gebrauch von charakteristischen
Darstellungsweisen des Fernsehens, beispielsweise die mühelose
Einverleibung anderer Medien, wie hier des alten Photo- und Filmmaterials,
die Schaffung von Zwittergenres, in diesem Fall aus Elementen des Dokumentarfilms,
des Melodrams oder der Gameshow, um nur einige zu nennen, oder die beständige
Erzeugung von Spannung. Die Serie macht sich außerdem das Kleinformat
des Fernsehens und die vom Zuschauer empfundene Unmittelbarkeit zunutze,
beispielsweise durch den ausgiebigen Einsatz von Nahaufnahmen, insbesondere
von Hannas Gesicht. Darüber hinaus bietet THIS IS YOUR LIFE ein
frühes Beispiel des Fernsehens als einer kulturell prägenden
Instanz, deren Wirkung weit über die TV-Industrie und ihre Programme
hinausreicht.
Tatsächlich aber wurde die Serie THIS IS YOUR LIFE zunächst
für ein anderes Medium konzipiert und produziert. Einem Artikel
zufolge, der 1953 im Time Magazine erschien, entstand THIS IS YOUR LIFE
als Einlage für die Radio-Quizsendung TRUTH OR CONSEQUENCES. Die
US-Armee sei an Edwards, den Autor und Moderator der Sendereihe, herangetreten,
wird dort berichtet, und habe ihn gebeten, "etwas für die
verwundeten, zum Teil querschnittsgelähmten Soldaten im Birmingham
General Hospital zu tun". Edwards suchte sich einen besonders verzweifelten
jungen Soldaten und kam auf die Idee, ihn sein Leben erzählen zu
lassen, in der Absicht, sein gegenwärtiges Unglück den Erinnerungen
an eine glückliche Vergangenheit und der Aussicht auf eine hoffnungsvolle
Zukunft gegenüberzustellen. "Auf den Tag genau zwei Jahre
später wurde dieser junge Mann von seiner neuen Braut ins Studio
geschoben", erinnert sich Edwards. "Und er stand auf und ging
zum Mikrophon. Es war der aufregendste Moment, den ich je erlebt hatte.
Und das Publikum erhob sich und feierte ihn. Da wußte ich, daß
in dieser Sache eine Show stecken muß." [31]
Nachdem sie ein Jahr lang im NBC- und CBS-Radioprogramm gelaufen war,
wurde THIS IS YOUR LIFE 1952 vom Fernsehen übernommen, wo sie sich
neun Jahre lang hielt. [32] Mitte der fünfziger
Jahre war die Serie enorm populär; in der Saison 1953/54 erreichte
sie unter den meistgesehenen Sendungen den zehnten Platz mit einer Zuschauerrate
von 36,2 %, in der folgenden Saison den zwölften Platz mit einer
Zuschauerrate von 34,5 %. [33] Wie einflußreich
diese Sendereihe war, läßt sich vielleicht am besten daran
ablesen, in welchem Umfang THIS IS YOUR LIFE imitiert oder karikiert
wurde. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität wurde das Programm
in einem Walt-Disney-Cartoon (THIS IS YOUR LIFE, DONALD DUCK) und durch
Einlagen in den Fernsehshows YOUR SHOW OF SHOWS (NBC, 1950-1954), THE
JACK BENNY PROGRAM (CBS,1950-1964) oder THE MILTON BERLE SHOW (NBC,
1948-1956) parodiert. Gleichzeitig waren Amateurshows, die nach dem
Muster von THIS IS YOUR LIFE einen Freund, Verwandten oder Kollegen
feierten, in den 50er Jahren derart beliebt, daß Edwards interessierte
Zuschauer, die sich an sein Büro wandten, mit einer dreiseitigen
Anleitung versah, wie sie ihre eigene Version der Show auf die Bühne
bringen könnten, und er vermarktete ein leeres Album für den
Ehrengast, das jenem glich, in dem er üblicherweise das Script
einer Folge aufbewahrte. [34]
Mit seiner neuen Serie etablierte Edwards eine spezifische und hochgradig
ritualisierte Präsentation einer persönlichen Geschichte.
Während die meisten Werke, die von einer Lebensgeschichte handeln,
seien es schriftliche und mündliche Erzählungen oder auch
bildliche oder akustische Darstellungen wie Gemälde, Zeichnungen
oder Musikkompositionen, im wesentlichen entweder biographisch oder
autobiographisch sind, gibt es auch etliche kooperative Formen, die
von Befragungen und Interviews bis hin zu Gruppenprojekten wie Theaterstücken
oder Wandmalereien reichen. In den kooperativen Darstellungen einer
Lebensgeschichte verwischt sich die herkömmliche Rollenverteilung
zwischen dem beschreibenden Biographen und seinem beschriebenen Gegenüber,
oder sie wird auf andere Art transformiert. [35]
Insoweit also von der Anzahl der Personen die Rede ist, die an seinem
Zustandekommen beteiligt sind, könnte THIS IS YOUR LIFE als eine
derartige kooperative Wiedergabe einer Lebensgeschichte aufgefaßt
werden. Gleichzeitig aber muß man in Betracht ziehen, daß
der Porträtierte in die Vorstellung seiner Lebensgeschichte zwar
einbezogen ist, daß sie jedoch ohne seine Zustimmung oder Mitwirkung
zustande gekommen ist.
Die von THIS IS YOUR LIFE Porträtierten wußten, mit seltenen
Ausnahmen, vorher nichts davon, daß sie von Edwards und seinem
Produktionsstab für die Sendung ausgewählt worden waren. Hinter
ihrem Rücken wurden ausgedehnte Recherchen unternommen, zumeist
unter Mitwirkung von Familienmitgliedern, Freunden oder Kollegen, die
versprachen, das Geheimnis zu wahren. Man gab sich große Mühe,
um sicherzustellen, daß der Kandidat nicht erfahren würde,
daß er selbst in der Sendung auftreten sollte. Es kam etliche
Male vor, daß Sendungen fallengelassen wurden, wenn der Kandidat
vor der Aufzeichnung davon erfahren hatte. Zum Beispiel berichtet eine
Reportage über die Serie, die 1956 in der populären Sunday
Evening Post erschien, daß der kostspieligste Flop von THIS IS
YOUR LIFE die Streichung einer Sendung über die Filmschönheit
Ann Sheridan gewesen sei. "Das Drehbuch war bereits geschrieben,
und die Geschenke für Annie, einschließlich eines Filmprojektors
und einer Kamera, waren schon verpackt. Auch in das 350-Dollar-Armband,
das jedem Ehrengast überreicht wird, war schon ihr Name eingraviert
worden. Weil sie zur Stunde Null in der Gegend sein sollte, ging Ann
in das Büro eines Direktors der Universal International Studios,
der an der Show teilnehmen sollte. Dort erblickte sie das verräterische
Script mit dem Titel 'This Is Your Life - Ann Sheridan'. Nach ein paar
Schrecksekunden rief die Schauspielerin ihre Presseagentin an und schlug
vor, unbedingt weiterzumachen. Doch Edwards ging nicht auf ihr Angebot
ein, weil er davon überzeugt war, daß sich echte Überraschung
nicht spielen läßt. 'Niemand ist eine so gute Schauspielerin',
sagte er frostig, 'niemand'." [36]
Der Grund, auf der Geheimhaltung zu beharren, war ein doppelter. Zum
einen sollte das Publikum allwöchentlich den Fernseher anschalten
müssen, um herauszufinden, wer diesmal der Ehrengast war, anstatt
es vorher im Fernsehprogramm oder in der Zeitung zu lesen. [37]
Zum anderen sollte, wie die geschilderte Anekdote zeigt, der Kandidat
selber unvorbereitet sein, denn seine nicht einstudierten Antworten
galten als ein wesentlicher Teil dessen, was die Attraktivität
der Sendung ausmachte. Edwards selbst beschreibt die Machart der Sendung
als auf die Erzeugung einer heftigen emotionalen Erschütterung
gerichtet, sowohl bei den Hauptakteuren der jeweiligen Folge als auch
bei den Zuschauern, anstatt allein oder in erster Linie darauf zu setzen,
daß die Leistungen der Porträtierten von den Zuschauern gewürdigt
würden. Die Reportage der Saturday Evening Post, die THIS IS YOUR
LIFE die "mit Abstand tränenreichste TV-Show" nennt,
erläutert, daß "Edwards (der sich besonders gerne an
eine spezielle Folge erinnert, die ein Riesenerfolg gewesen sei, weil
'alle Beteiligten vor Freude geheult' hätten) von seiner Show sagt,
sie sei 'ein Spiegel des Lebens der Zuschauer, mit dem sie sich identifizieren
können. Sie muß kommerziell sein und deshalb dramatisch.
Aber weil wir die Leute nicht vom Bildschirm verjagen wollen, enden
wir immer in einer glücklichen Tonlage.' (...) Edwards bekennt,
daß er und seine Mitarbeiter niemanden einladen würden, dessen
'Tränendrüsen eingetrocknet sind'. Die Rechercheure müssen
davon ausgehen können, daß 'unser Hauptdarsteller um Worte
ringen, mit den Tränen kämpfen, zittern, sogar weinen wird
oder ähnliches. Man kann das emotionale Element in der Show nicht
dosieren, und man kann es auch nicht ausblenden. Also geben wir ihm
sein volles Recht, denn damit packen wir sie, und sie finden es aufregend.'"
[38]
Die Struktur von THIS IS YOUR LIFE entspricht dieser Zielsetzung. Die
Sendung beginnt meistens im Zuschauerraum des El-Capitan-Theaters, wenn
Edwards seinen Gast mit der Nachricht überrascht, daß er
oder sie der Star des Abendprogramms sein wird.[39]
Danach rollt seine Lebensgeschichte ab, im großen und ganzen in
chronologischer Abfolge, kombiniert aus den Zusammenfassungen und Fragen
von Edwards, aus Photographien und anderen Dokumentarbildern und, höchst
bedeutsam, einer Reihe von Wiedersehen des Kandidaten mit alten Bekannten
aus seiner Vergangenheit. Auch dadurch wird die Spannung sowohl für
das Publikum als auch für den Ehrengast gesteigert, wenn seine
Freunde sich aus dem Off ankündigen und Edwards seinen Interviewpartner
fragt, ob er sie erkennt.
Der emotionale Ausbruch, der diese Wiedersehen begleitet, akzentuiert
eine aufs genaueste instrumentierte Produktion, die nicht zufällig
wie ein 19.-Jahrhundert-Melodram von jeweils passender Orchestermusik
unterlegt ist. Die Reportage der Sunday Evening Post berichtet, daß
während der Proben ein jeder Teilnehmer "ganz genau instruiert
wird, auf welches Stichwort hin er den Kandidaten küssen oder umarmen
soll und was er wann und wie zu sagen hat. Der genaue Wortlaut wird
einstudiert und ins Script aufgenommen." Edwards selber gebraucht
eine ganze Reihe von Strategien, um die gewünschten Effekte zu
erzielen und die Sendung unter Kontrolle zu behalten: "Es kann
ein Taschentuch sein oder eine Handvoll Tissues, ein etwas anzüglicher
Witz oder der plötzliche Wink an die Kamera, die Commercials einzublenden.
Edwards, der sich nicht in solche Gefühlsausbrüche verwickeln
läßt, bleibt betont sachlich und objektiv." [40]
Edwards minutiöse Kontrolle nimmt der Sendung nicht ihre affektive
Wirkung, sondern trägt dazu bei, daß die sichtbar gewordenen
Gefühle im Spannungsverhältnis zu den hochgradig inszenierten
Ritualen von THIS IS YOUR LIFE nur um so wahrhaftiger wirken. Ein bemerkenswertes
Beispiel dafür findet sich ziemlich am Ende der Hanna-Kohner-Sendung.
Nachdem Hannas Bruder Gottfried die Bühne betreten hat, sagt er
wörtlich: "Dies ist mein glücklichster Tag in meinem
ganzen Leben". Daß er den einstudierten Text ein wenig durcheinanderbringt
- der eingeübte Satz lautete vermutlich "Dies ist der glücklichste
Tag in meinem Leben" -, scheint gleichermaßen ein Resultat
seines emotionalen Zustands zu sein, denn er hat seine Schwester seit
dem Krieg nicht mehr gesehen, wie des Umstands, daß sein Englisch
vielleicht nicht ganz perfekt ist. Es ist aber genau diese, wenn auch
geringfügige Abweichung von den sorgfältig orchestrierten
Rollen von THIS IS YOUR LIFE, die die emotionale Kraft dieses Augenblicks
kennzeichnet, indem sie, kurz gesagt, jenen kritischen Moment eines
zwischenmenschlichen Dramas schafft, den Victor Turner "Krisis"
nennt. [41]
Die alten Bekannten des Porträtierten treten nacheinander auf und
repräsentieren jeweils einen anderen Abschnitt in seinem Leben.
("Machen Sie sich keine Sorgen", versichert Edwards zu Beginn
der Sendung, "wir haben Ihren Ehemann nicht entführt... Er
wird im richtigen Moment hier auftauchen.") Edwards bezeichnet
sie summarisch als "Hannas Vergangenheit", und so nennt er
auch den Bühnenhintergrund, in den sie nach ihrem Zusammentreffen
mit dem Ehrengast zurückkehren sollen. Ihr Auftritt verleiht der
Lebensgeschichte des Porträtierten eine fortwährende dramatische
Präsenz, beinahe wie ein mittelalterliches Gemälde, das auf
einer einzigen Leinwand eine Abfolge von Szenen zeigt, die gemeinsam
ein narratives Kontinuum bilden. Gleichzeitig sind diese Wiedersehen
ein höchst modernes Phänomen, Wunderwerke im Zeitalter der
Passagierluftfahrt, in dem der Sponsor des Programms den deus ex machina
spielt, der sich der kommerziellen Luftfahrt bedient, um Familien und
Freunde wieder zusammenzuführen, die durch die Prüfungen des
zwanzigsten Jahrhunderts getrennt und in alle Welt zerstreut worden
waren.
Indem sie Edwards Bericht durch ihre eigenen Erinnerungen ergänzen,
erzeugen die Gestalten aus der Vergangenheit des Helden in ihrem Wiedersehen
eine Reihe von betont "spontanen" dramatischen Momenten. Daraus
ergibt sich, daß THIS IS YOUR LIFE ständig zwei parallele
Erzählstränge nebeneinander enthält: neben der Vergangenheit
des Kandidaten eine zweite Geschichte, die Geschichte seines gegenwärtigen
Wiedersehens mit den Freunden von früher. Das Ende der Sendung
führt sie alle in der Gegenwart zusammen: Freunde, Verwandte, Kollegen
und alte Bekannte versammeln sich um den Ehrengast mit der Ankündigung,
daß sie sich nach der Fernsehsendung zu einem Fest zusammenfinden
werden. [42] Genauso wie die Lebensgeschichte des
Kandidaten als Triumph über die Widrigkeiten des Schicksals präsentiert
wird, enthält die Geschichte des Wiedersehens eine Reihe von Unwägbarkeiten
(wird der Kandidat die Person erkennen, deren Stimme aus dem Off zu
hören ist; wird das Wiedersehen Freude oder Tränen auslösen,
oder wird es seinen Zusammenbruch bewirken?), was zum guten Schluß,
nach bestandenen Prüfungen, mit einem Fest im Kreise der Gefährten
belohnt wird.
Die parallelen Erzählstränge in THIS IS YOUR LIFE illustrieren,
was die Medienwissenschaftlerin Mimi White als die "besondere Beziehung
des Fernsehens zur Geschichte" bezeichnet, die sie "hyperhistory"
nennt. White zeigt, daß die "Lebhaftigkeit, Präsenz
und Unmittelbarkeit des Mediums implizit dem Begriff von Geschichte
in seinem herkömmlichen Sinn als abgeschlossener, abwesender Vergangenheit
widersprechen. (...) Geschichtliche Ereignisse sind im Fernsehen gleichermaßen
Vergangenheit und Gegenwart, ebenso dort und einst wie hier und jetzt,
abgeschlossen und unabgeschlossen, in die Geschichte eingeschriebenes
Schicksal, das dennoch nicht beendet ist. Als ein Medium, das Aufzeichnung
und Sendung voneinander löst, ordnet sich das Fernsehen all diese
Perspektiven als gleichzeitig unter." [43]
Edwards nutzt diese Eigenart des Fernsehens, um Hannas Erfahrungen des
Bruchs, des Verlorenseins und der Verschleppung in eine folgerichtige
Geschichte vom schließlichen Triumph des Helden über alle
Widrigkeiten zu verwandeln. Am bemerkenswertesten ist, daß auch
der Tod ihrer Eltern und ihres ersten Ehemannes in Auschwitz dem dramatischen
Bogen ihrer Liebesgeschichte mit Walter untergeordnet wird. So gesehen
präsentiert THIS IS YOUR LIFE Hannas Lebensgeschichte gleichermaßen
als die außergewöhnliche Geschichte eines persönlichen
Triumphes über den Völkermord und als die altbekannte "Girl-meets-boy
/ girl-looses-boy / girl-finds-boy"-Story.
Obwohl die Hanna-Kohner-Sendung weitgehend mit dem ritualisierten Schema
von THIS IS YOUR LIFE übereinstimmt, zeigt sie doch, daß
Hannas Geschichte auch in den Augen der Produzenten der Serie als etwas
irgendwie Besonderes angesehen wurde. Es ist nicht das einzige Mal,
daß die Serie die Lebensgeschichte einer Unbekannten zeigt oder
aber im Überlebenskampf eines Individuums auf eine weit darüber
hinausreichende Geschichte hinweist, wie beispielsweise die vielbeachtete
Folge über den erfolgreichen Kampf der Sängerin Lillian Roth
gegen den Alkoholismus, die zusammen mit den Anonymen Alkoholikern produziert
wurde. [44] Und auch andere Folgen endeten mit Aufrufen
zur Wohltätigkeit, wie unter anderem zugunsten des Piney Woods
Colleges in Mississippi in der Sendung über den Erzieher Laurence
C. Jones, der sein Leben in den Dienst der Finanzierung und Erhaltung
dieser Hochschule für Schwarze gestellt hatte. Wie das Time Magazine
schrieb, habe Edwards "übers Fernsehen für über
eine halbe Million Dollar Staatsanleihen verkauft, über anderthalb
Millionen Dollars zugunsten der American Heart Society und drei Millionen
Dollar für den 'March of Dimes' zusammengebracht". [45]
Trotzdem zeugen Edwards Hinweis auf die außergewöhnliche
"Intensität" von Hannas Geschichte und der Verzicht auf
die in der Sendung sonst übliche Unterbrechung durch Werbespots
von einer besonderen Zurückhaltung, die dieses Thema gleichsam
zwangsläufig mit einem Gestus des Unaussprechlichen versieht, wie
sie den Berichten über den Holocaust von Anbeginn an eigen war.
Dies läßt sich bis auf Edward R. Murrows Bericht über
die Befreiung von Buchenwald für CBS im April 1945 zurückverfolgen,
der eingangs seine Hörer warnte, daß es "nicht angenehm
sein wird, diesen Bericht zu hören". [46]
Vor den ersten Wochenschauen über die Befreiung der Konzentrationslager,
die im gleichen Monat in die Kinos gebracht wurden, wiesen amerikanische
Filmgesellschaften die Kinobesitzer darauf hin, daß die Berichte
"wirkliche Schreckensbilder dieser unglaublichen Greueltaten enthalten".
[47] "Zeugnis des Grauens", heißt
es zu Beginn der Wochenschau der Paramount vom 28. April 1945, "schrecklich
und grauenhaft ... Die Soldaten an der Front mußten es durchstehen.
Wir zu Hause sind verpflichtet, es anzusehen, um es zu glauben und zu
verstehen." Die Wochenschau der Universal vom 26. April 1945 trägt
den Titel NAZI MURDER MILLS! und zeigt die offenen Türen der Verbrennungsöfen
im Krematorium des Konzentrationslagers Buchenwald mit den verbrannten
Überresten menschlicher Leichen. "Schauen Sie nicht weg",
wendet sich der Kommentator direkt an die Zuschauer, "sehen Sie
hin! Lebendig verbrannt. Unvorstellbarer Schrecken - und doch wahr."
[48]
Die Entscheidung, die Werbung der Sponsorfirma von ihrem üblichen
Platz in THIS IS YOUR LIFE an den Anfang und das Ende der Hanna-Kohner-Folge
zu verschieben, steht am Beginn einer Reihe von Kontroversen über
das "Eindringen" von Commercials in Holocaust-Filme des amerikanischen
Fernsehens. Debatten über den Sinn von "Holocaust-TV"
haben sich oft auf das Vorhandensein von Werbung in diesen Sendungen
bezogen (die sonst im amerikanischen kommerziellen Fernsehen kaum mehr
auffällt), und dies wird häufig als Beweis für die Unvereinbarkeit
des Mediums mit diesem Thema angeführt. Das vielleicht berühmteste
und anstößigste Beispiel war die Nichterwähnung der
Gaskammern in der Playhouse-90-Ausstrahlung von Abby Manns Fernsehfilm
JUDGMENT AT NUREMBERG auf Betreiben der American Gas Company, eine Sponsorfirma
der Sendereihe. [49] Fast zwei Jahrzehnte später
provozierten die 130 Werbespots während der NBC-Serie HOLOCAUST
heftigen Kritikerzorn. Zum Beispiel schreibt der Fernsehkritiker der
New York Times, John O'Connor, in einem Artikel mit dem Titel "Kunst
gegen Mammon", daß die Beschäftigung mit diesem Problem
"direkt ins Herz der elektronischen Bestie und der zunehmenden
Wahrnehmung ihrer Beschränktheit trifft. Mittlerweile wissen die
meisten von uns im Schlaf, daß das kommerzielle Fernsehen Zuschauerquoten
an Inserenten verkauft. Je höher die Einschaltquoten, um so höher
die Preise. Für die überwiegende Mehrheit der Programmacher
ist der Profit der oberste Grundsatz. Der Inhalt ist sekundär,
ein Mittel zum monetären Zweck. Deshalb muß die Verwendung
oder auch Ausbeutung eines ernsten Stoffes wie des Nazi-Völkermords
tiefe Bedenken auslösen... Denn das TV-System betreibt business
as usual, und im Fall von HOLOCAUST heißt das, daß eine
Schar von Commercials eine Geschichte sadistischer Grausamkeiten und
endlosen Leidens zerstückelt... Trotz aller noblen Absichten bei
der künstlerischen Gestaltung des Themas reduziert sich das Ganze
unvermeidlich auf Marketing... Gute Einschaltquoten rechtfertigen offenbar
alles." [50]
Der Holocaust-Filmwissenschaftlerin Annette Insdorf zufolge führten
die vielfachen Beschwerden über die Werbespots in der Ausstrahlung
von HOLOCAUST im Jahr 1978 dazu, daß zwei Jahre später das
CBS-Fernsehspiel PLAYING FOR TIME, dessen von Arthur Miller verfaßtes
Drehbuch auf den Auschwitz-Erinnerungen von Fania Fénelon basiert,
kaum noch von Werbespots unterbrochen wurde. [51]
Auch in anderer Hinsicht ist die Hanna-Kohner-Folge von THIS IS YOUR
LIFE ein kulturelles Produkt dieser Zeit. Dies gilt insbesondere für
die eigentümliche ethnische Nervosität, die sich zu Beginn
des Kalten Krieges in Amerika breitgemacht hatte. Obwohl Hannas Geschichte
als spezifisch jüdisches Schicksal erscheint, wird nicht zuletzt
durch Edwards Spendenaufruf an die Zuschauer "jeglicher Religion
und Herkunft" deren universelle Bedeutung betont. Hannas kultureller
Hintergrund ist das kosmopolitische Erbe der Alten Welt, das ebenso
das Kol Nidre wie Goethe und Wagner umfaßt. Darüber hinaus
stellt THIS IS YOUR LIFE Hannas Leben wiederholt als eine genuin amerikanische
Geschichte vor. Sie gleiche eher einer amerikanischen Studentin als
einer europäischen Jüdin, die Opfer des Naziterrors war, sagt
Edwards zu Beginn, und er nennt es einen Triumph des amerikanischen
Geistes, daß Amerika ihr "in der Stunde der tiefsten Verzweiflung
seine Hand gereicht" habe, obgleich es die Einwanderungsquoten
waren, die in den 30er Jahren verhinderten, daß Hanna Walter Kohner
in die Vereinigten Staaten folgen konnte. Der Spendenaufruf für
den Flüchtlingsfond des United Jewish Appeal, dem als erste Hazel
Bishop Folge leistet, unterstreicht gleichermaßen die Wohltätigkeit
der amerikanisch-jüdischen Wohlfahrtsverbände wie die Bereitschaft
der amerikanischen Geschäftswelt, Gutes zu tun.
Es war die Zeit, in der das Personal der Film- und Fernsehindustrie
von Hollywood, gemeinsam mit Wissenschaftlern oder Regierungsangestellten,
unter der argwöhnischen Beobachtung antikommunistischer Aktivisten
sowohl in der Washingtoner Regierung wie auch in der Privatindustrie
stand. Juden, die in der antikommunistischen Rhetorik seit Jahrzehnten
mit den Bolschewiken gleichgesetzt worden waren, wurden zu prominenten
Zielscheiben von antikommunistischer Propaganda, Verhören und Prozessen.
[52] Deshalb läßt sich die Betonung von
Hannas "Loyalität und Hingabe für das Land, das ihre
neue Heimat wurde", im Frühjahr 1953, knapp einen Monat vor
der Hinrichtung von Ethel und Julius Rosenberg als Spione, auch als
Hinweis auf den Patriotismus amerikanischer Juden lesen, in diesem Fall
also von Hannas Ehemann Walter Kohner oder den Produzenten der Serie,
Axel Gruenberg und Alfred Parschall, die zur amerikanischen Unterhaltungsbranche
gehörten. [53] Es gibt zahlreiche derartige
Beispiele einer öffentlichen Loyalitätsbekundung amerikanischer
Juden für ihr Land. Die umfangreichsten Beispiele lieferte das
folgende Jahr, als in zahlreichen Feiern, Publikationen, Informationsveranstaltungen
oder Fernsehsendungen an die dreihundertjährige Anwesenheit von
Juden auf amerikanischem Boden erinnert wurde. Der Historiker David
Bernstein schrieb damals, daß die amerikanischen Juden das Bedürfnis
verspürten, dem "genuin amerikanischen Impuls zu folgen, ihre
jahrhundertelange Verwurzelung in diesem Land deutlich zu machen, um
sich selbst und ihre christlichen Nachbarn daran zu erinnern, daß
diese Wurzeln einen jeden von ihnen genauso eindeutig zum Amerikaner
machen wie die prächtigste Tochter der amerikanischen Revolution".
[54]
Gleichzeitig offenbart THIS IS YOUR LIFE auch den Sinn der frühen
Jahre des Kalten Kriegs für Spionage: nicht zufällig basiert
die Serie auf Konspiration und verdeckter Informationsbeschaffung. (Einige
Male ruft Hanna bei biographischen Details, die Edwards erwähnt,
"Sie wissen alles über mich!") Dies ist kein Einzelfall
im frühen amerikanischen Fernsehen. Die populäre Serie THE
CANDID CAMERA, die zwischen 1948 und 1953 zeitweilig von allen drei
kommerziellen Kanälen ausgestrahlt wurde, bediente sich ebenfalls
des Fernsehens, um private Erlebnisse öffentlich mitzuteilen. Mit
versteckter Kamera werden ahnungslose Opfer in von den Produzenten inszenierte
komische oder verfängliche Situationen gebracht und dabei gefilmt.
Trotz der Popularität von THIS IS YOUR LIFE, oder vielleicht gerade
deswegen, wurde auch Edwards häufig kritisiert, das Recht des Individuums
auf Privatheit nicht zu respektieren. Sogar einer seiner Freunde, Dwight
Newton, der Fernsehkolumnist des San Francisco Examiner, tadelte THIS
IS YOUR LIFE, indem er schrieb, es sei "Grausamkeit, wenn man dem
gesamten Land gestattet, die verborgensten Winkel privater Gefühle
auszuspähen". [55] Obwohl die Sendung als ein Ehrenerweis an ihre
Kandidaten präsentiert wird, scheint Hanna häufig eher ihr
Opfer zu sein, wenn die Kamera ihr Gesicht in langen Nahaufnahmen festhält.
Und auch Edwards weist ihr nur scheinbar eine aktive Rolle zu, indem
er ihr gelegentlich rhetorische Fragen stellt, auf die nur kurze Antworten
möglich sind.
Die Vorstellung vom Fernsehen als einem Agenten der Überwachung
wurde in den Diskussionen dieser Jahre häufig laut. Wie Lynn Spigel
bemerkt, läßt sich dies auch in zeitgenössischen Romanen,
wie beispielsweise George Orwells "1984" (erschienen 1949)
oder in Hollywood-Filmen wie THE WAR OF THE WORLDS (Byron Haskin 1953;
nach dem Roman von H. G. Wells) oder THE SEVEN YEAR ITCH (Billy Wilder
1957) feststellen, "sogar das Design der Fernsehschränke mit
ihren Türen oder Klappen, die den Bildschirm verdeckten, verraten
die Angst, das Fernsehen könnte uns beobachten". [56]
Mitte der 50er Jahre schreibt Murray Hausknecht, das Fernsehen sei zwar
nicht der erste Angriff der modernen Zeit auf die Privatheit, doch "die
Magie des Fernsehens macht uns alle zu Voyeuren". Über die
Sendereihe PERSON TO PERSON (CBS, 1953-1961), eine Serie von Interviews,
in denen der Gastgeber Edward R. Murrow Berühmtheiten in ihren
Wohnzimmern befragt, schreibt Hausknecht: "Dem beständigen
Klischee, daß das Fernsehen die Welt in unsere Wohnstuben bringt
(...), hat Mr. Murrow die bestechendste Variation hinzugefügt:
er bringt die Salons anderer Leute in unsere Wohnstuben." [57]
PERSON TO PERSON, schreibt Hausknecht, sei das "verzuckerte Endstück
eines Kontinuums", an dessen anderem Ende sich THIS IS YOUR LIFE
sowie die Fernseh-Quizshow der 50er Jahre, STRIKE IT RICH, befänden;
ein "Kontinuum, das die Grenzen zwischen der öffentlichen
und der privaten Sphäre hat verschwinden lassen". [58]
Er äußert die Befürchtung, daß die Invasion der
Privatheit mit einem verstärkten Konformitätsdruck einhergehen
wird. Indem es die private Welt anderer in unsere eigene private Welt
eindringen läßt, mache das Fernsehen es immer schwieriger,
der Internalisierung von sozialer Anpassung zu widerstehen. Indem es
also vorgibt, das Individuum zu feiern, beraubt THIS IS YOUR LIFE seine
Darsteller ihrer Privatheit und untergräbt die Anerkennung des
privaten Individuums insgesamt.
Daß die Versuche des Fernsehens, die Lebensgeschichte eines Durchschnittsmenschen
zu erzählen, durch das Medium selbst pervertiert würden, wurde
1956 zum Thema von The Last Angry Man, einem Roman von Gerald Green
(der später das Drehbuch für die Holocaust-Reihe schrieb).
Green, der in den 50er Jahren die NBC-Show TODAY, ein tägliches
Fernsehmagazin mit Nachrichten und Reportagen, produzierte, erzählt
in diesem Roman die Geschichte der Produktion der ersten Folge einer
TV-Serie mit dem Titel AMERICANS, USA, die einige Gemeinsamkeiten mit
THIS IS YOUR LIFE hat. Dem fiktiven Programm ist aufgetragen, das Leben
ganz gewöhnlicher Leute in den Mittelpunkt zu stellen, und mit
der Fernsehkamera "einen kleinen Ausschnitt ihres Lebens einzufangen".
Die erste Folge widmet sich der Geschichte des Dr. Samuel Abelman, eines
eingewanderten jüdischen Arztes, der in der ärmlichen Gegend
von Brownsville in Brooklyn wohnt und praktiziert. So wie in THIS IS
YOUR LIFE verbindet AMERICANS, USA verschiedene historische Episoden
und unterschiedliche Medien zu einer ergreifenden Erzählung: "Der
Regisseur sprach davon, als Musik alte Grammophonplatten zu nehmen,
alte Photographien des Doktors zu benutzen, um die Geschichte seines
früheren Lebens zu zeigen, Wochenschauausschnitte über Ereignisse
einzublenden, die mit der Karriere des Doktors verbunden waren, und
vielleicht den Patienten seines dramatischsten Falles einzuladen. 'Es
wird höllisch aufrichtig sein', sagte der Regisseur, 'und damit
meine ich, daß wir eine halbe Stunde lang echte Gefühle brauchen.
Nur ein einziger falscher Ton, und wir sind erledigt. Deshalb müssen
wir alle Einzelheiten vorher aufschreiben.'"
In The Last Angry Man beschreibt Green, wie die Fernsehleute daran scheitern,
Abelmans brüskes Auftreten und die Geschichte seiner Enttäuschungen
und Niederlagen mit ihrer ursprünglichen Idee eines herzergreifenden
Heldentums in Einklang zu bringen. (Als der Regisseur und der Produzent
ihren Kandidaten dann schließlich treffen, schreibt Green, "hatten
sie sich beide so sehr ein eigenes Bild von ihm gemacht, daß die
Zufuhr von so viel Realität sie völlig aus der Fassung brachte".
[59]) Abelman erweist sich als ein widerspenstiges
und wenig fernsehtaugliches Subjekt. Schließlich stirbt der Doktor
wenige Minuten, bevor er in der Sendung auftreten soll, an einem Herzanfall,
während er versucht, das Leben eines Patienten zu retten. Die wirkliche
Würdigung seines Lebens, legt dieser Schluß nahe, liegt jenseits
der Möglichkeiten des Fernsehens.
Diese zeitgenössischen Ideen von der Darstellung einer Lebensgeschichte
im amerikanischen Fernsehen während der 50er Jahre lassen vermuten,
daß Programme wie THIS IS YOUR LIFE die Antithese der "life
history" darstellen, wie das Genre in späteren Jahrzehnten
genannt wurde. In seiner Studie "The Uses of Reminiscence"
beobachtet Marc Kaminsky, daß Arbeiten, wie beispielsweise Robert
Butlers Essay "The Life Review: An Interpretation of Reminiscence
in the Aged" von 1963 oder Erik Eriksons Childhood and Society,
einen erheblichen Einfluß auf die Beurteilung des therapeutischen
Werts des Sicherinnerns bei alten Leuten hatten und eine Bewegung auslösten,
die die Sammlung mündlicher Erinnerungen in einer Breite ermutigten,
die von "Sozialarbeit" bis zur Sozialgeschichte reichte. [60]
Harry Moody bezeichnet in einem Aufsatz in demselben Band das Konzept
der "life history" als ein Gegenmittel zu einer "Kultur
des Narzißmus", wie Christopher Lasch es genannt hat, zu
einer "Selbstbespiegelung, die allein die Schönheit, den Charme,
den Ruhm oder die Macht des Individuums feiert, also Eigenschaften,
die gewöhnlich im Laufe der Zeit verblassen". [61]
Als ein Zugang zur "öffentlichen Welt", die Moody mit
Tradition, kollektivem Gedächtnis und sozialer Ordnung gleichsetzt,
"bedürfen sie der Öffentlichkeit, um dem natürlichen
Zerfall der Zeit zu entgehen". [62] In ihrer
Einleitung stellt Rose Dobrof den Zusammenhang zwischen Beliebtheit
von Lebenserinnerungen und dem wachsenden Interesse an ethnischen Bezügen
her (am Beispiel von Roots, der afroamerikanischen Familiensaga von
Alex Haley, die 1977 als Fernsehserie verfilmt wurde). Dobrof schlußfolgert,
daß diese Erinnerungen Gruppen und Individuen eine Stimme verleihen,
die vordem im Schatten der Geschichtsschreibung standen. [63]
Die Vorbehalte gegen die Tauglichkeit des Fernsehens zur Darstellung
einer persönlichen Lebensgeschichte wurden allerdings nicht überall
geteilt. Die Entscheidung, Hanna Kohner eine Folge von THIS IS YOUR
LIFE zu widmen, wurde von ihrer Familie und ihren Freunden unterstützt
und von einer wichtigen amerikanisch-jüdischen Wohlfahrtsorganisation
gutgeheißen. Weder von der Sponsorfirma noch von den Produzenten,
die danach weitere Fernsehsendungen über die Tapferkeit von Individuen
gegenüber der Naziverfolgung produzierten, wurde die Verfolgung
der europäischen Juden durch die Nazis als unvereinbar mit dem
ritualisierten Unterhaltungsschema von THIS IS YOUR LIFE angesehen.
Tatsächlich scheint dieser Fernsehauftritt eine dauerhafte Wirkung
sowohl auf Hanna wie auch auf ihren Ehemann Walter Kohner gehabt zu
haben, denn einige Jahre später veröffentlichten sie ihre
Lebensgeschichte als Buch, das den Titel Hanna and Walter: A Love Story
trug. [64] So wie die THIS IS YOUR LIFE-Sendung
beginnt das Buch mit ihrer ersten Begegnung in der Tschechoslowakei
vor dem Krieg und endet mit ihrem Wiedersehen in Amsterdam kurz nach
dem Krieg. Obgleich Hanna and Walter etliche Informationen enthält,
die in THIS IS YOUR LIFE nicht erwähnt wurden, einschließlich
eines ausführlichen Berichts über Walters Geschichte und zusätzlicher
Informationen über Hanna (die in Auschwitz eine Fehlgeburt hatte),
finden sich eine Reihe von Ähnlichkeiten mit der Präsentation
durch Ralph Edwards in der Fernsehshow.
Abgesehen davon, daß in ihrem Mittelpunkt wiederum die Liebesgeschichte
von Hanna und Walter steht, gibt es eine Reihe von Details, die darauf
hinweisen, daß die von Edwards getroffene Auswahl aus der Kohnerschen
Familiengeschichte sowohl den Fernseh- wie auch den schriftlichen Bericht
geprägt hat. Beispielsweise bezieht sich eines der ersten Kapitel
von Hanna and Walter ähnlich wie die Fernsehsendung auf das Schloß
von Teplitz-Schönau als Entstehungsort von Werken Beethovens und
Wagners. In einem späteren Kapitel schildert Hanna, so wie Edwards
es in der Sendung vorgegeben hatte, wie sie auf dem Weg nach Theresienstadt
vom Zug aus die Umgebung von Teplitz-Schönau an sich vorbeiziehen
sieht.
Bestrebungen wie den Interviews der Yale Archives mit Holocaust-Überlebenden
seit den späten 70er Jahren oder Dokumentarfilmen über die
Erinnerungen einzelner Überlebender, zum Beispiel KITTY: RETURN
TO AUSCHWITZ (ein BBC-Film, der 1981 von ABC ausgestrahlt wurde), Marion
Marzynskis A RETURN TO POLAND (1981 in der Reihe WORLD von PBS ausgestrahlt)
oder ROBERT CLARY A-5714: A MEMOIR OF LIBERATION, ist gemeinsam, daß
sie das elektronische Medium nutzen, um die Zeugnisse von Überlebenden
öffentlich zu machen und ihnen, ausgesprochen oder unausgesprochen,
das zurückzugeben, was ihnen durch das Fernsehen "genommen
worden war". [65] Somit stellen diese Produktionen
selbst in Frage, daß das Medium generell sowohl mit der Darstellung
der Geschichte des Holocaust wie mit dem Genre der Lebengeschichte inkompatibel
sei.
Im Unterschied zu den Protagonisten dieser neueren Darstellungen der
Lebensgeschichten von Holocaust-Überlebenden spielt Hanna Kohner
in THIS IS YOUR LIFE eine wesentlich passive Rolle, deren Umrisse durch
Edwards wiederholte Intervention abgesteckt sind. Darüber hinaus
unterstreicht die Sendung, ihrem Titel entsprechend, den Sieg des Überlebens.
Das Programm feiert, scheinbar unangefochten von Wut oder Trauer über
die Millionen Toten, das Überleben von Hanna, ihrer Freunde und
ihrer Familie und betont die Notwendigkeit, anderen Überlebenden
zu helfen. Anders als in vielen jüngeren Porträts von Holocaust-Überlebenden,
in denen nur Fragmente ihrer Geschichte aus den Kriegsjahren erzählt
werden, erscheint Hannas Geschichte als ein einziges Kontinuum von Kindheit
an bis in die Gegenwart.
Das Aufkommen eines verbreiteten Interesses am Holocaust als Thema und
als ein Paradigma für das Verständnis der menschlichen Natur,
der modernen Geschichte, von ethischen Fragen usf. in den letzten zweieinhalb
Jahrzehnten haben die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden von
einem weithin vernachlässigten Gebiet zu einem bevorzugten Gegenstand
des öffentlichen Interesses werden lassen. In einer Zeit, in der
die "life history" zum Mittel geworden ist, um den vordem
Schweigenden eine öffentliche Stimme zu verleihen, gelten Holocaust-Überlebende
als die Träger der Erinnerung, als Zeugen der Geschichte, als Quelle
der Einsicht in die historischen Ereignisse, die sie erdulden mußten.
Gleichzeitig tragen die Erinnerungen der einzelnen Holocaust-Überlebenden
die Bürde des Gedenkens an die Millionen Opfer des Holocausts.
Im Unterschied zu späteren Filmen steht Hannas Geschichte von THIS
IS YOUR LIFE nicht für den Holocaust insgesamt, der als Begriff
nicht auftaucht, wenngleich das Thema der Verfolgung der Juden während
des Zweiten Weltkrieges direkt, wenn nicht nachdrücklich angesprochen
wird. Es sollte etliche Jahre dauern, bis das Wort "Holocaust"
Eingang in den öffentlichen Sprachgebrauch fand, und mehr als zwei
Jahrzehnte, bis das Fernsehen die Überlebenden des Holocaust als
eine erschütternde, aktive Gruppe entdeckte (als in den späten
70er Jahren der Konflikt zwischen Holocaust-Überlebenden und Neo-Nazis
in Skokie landesweites Aufsehen erregte). [66]
Die Präsentation der Geschichte von Hanna Kohner in Amerikas "meistbeachteter
Fernsehshow" im Jahr 1953 erinnert uns außerdem daran, daß
es ein Vierteljahrhundert dauern sollte, bis das Bewußtsein dafür
entstand, daß "Holocaust television" ein in sich problematisches
Genre ist. Bevor diese Auffassung Gestalt annahm, schufen Fernsehproduzenten
Dutzende von Programmen über den Holocaust, die diese Phase der
jüngsten Geschichte vermittels eines Mediums präsentierten,
das seine Bedeutung innerhalb der amerikanischen Kultur gerade erst
etablierte. Die daraus resultierenden Filme sind nicht nur Produkte
der Frühzeit des Fernsehens, sondern auch der amerikanischen Nachkriegskultur
und des entstehenden Diskurses über den Holocaust.
Aus dem Amerikanischen übersetzt
von Anna-Luise Knetsch
Der vorliegende Text ist
eine überarbeitete Version des Artikels "'This Is Your Life':
Telling a Holocaust Survivor's Life Story on Early American Television",
erschienen in: Journal of Narrative and Life History, Vol. 4, Nr. 1&2
(1994). Er ist eine erweiterte Fassung eines Diskussionspapiers zur
Eighteenth Annual Conference on Social Theory, Politics and the Arts
an der Annenberg School for Communications, University of Pennsylvania,
im Jahr 1992. Die hier vorliegende Version des Artikels enthält
außerdem Material aus: Jeffrey Shandler: While America Watches:
Televising the Holocaust. New York, Oxford: Oxford University Press,
1999. Die deutsche Übersetzung ist erschienen in: Fritz Bauer Institut
(Hg.): Auschwitz: Geschichte, Rezeption und Wirkung. Jahrbuch 1996 zur
Geschichte und Wirkung des Holocaust. Frankfurt am Main, New York: Campus,
1996, S. 371-405.
- Saul Friedlander, Probing the Limits of Representation: Nazism and the 'Final Solution'.
Cambridge: Harvard University Press, 1992, S. 3.
- Vgl. z. B. Lucy Dawidowicz, "Smut and Anti-Semitism", in: The Jewish Presence:
Essays on Identity and History. New York: Harcourt Brace Jovanovich, 1978, S. 216-224; Saul Friedlander, Reflections
of Nazism: An Essay on Kitsch and Death. New York: Harper and Row, 1984; dt.: S. Friedländer, Kitsch und Tod:
Der Widerschein des Nazismus. München: Hanser, 1984.
- Vgl. Deborah Lipstadt, Denying the Holocaust: The Growing Assault on Truth and Memory. New
York: Free Press, 1993; dt.: D. L., Betrifft: Leugnen des Holocaust. Zürich: Rio, 1994; Pierre Vidal-Naquet,
Assassins of Memory: Essays on the Denial of the Holocaust. New York: Columbia University Press, 1992.
- Vgl. dazu Edward Alexander, "Stealing the Holocaust", in: Midstream, Vol. 26,
Nr. 9 (1980), S. 48; Robert Alter, "Deformations of the Holocaust", in: Commentary, Vol. 71, Nr. 2 (1981),
S. 48-54; Yehuda Bauer, "Whose Holocaust?", in: Midstream, Vol. 26, Nr. 9 (1980), S. 42-46; Leon A. Jick,
"The Holocaust: It's Use and Abuse within the American Public", in: Yad Vashem Studies Vol. 14 (1981),
S. 303-318; Alvin H. Rosenfeld, "The Holocaust as Entertainment", in: Midstream, Vol. 25, Nr. 8 (1979),
S. 55-58; ders., "The Holocaust in American Popular Culture", in: Midstream, Vol. 29, Nr. 6 (1983), S.
53-59.
- Hayden White, The Content of Form: Narrative Discourse and Historical Representation. Baltimore:
John Hopkins University Press, 1987, S. 74, zitiert nach Friedlander, Probing the Limits, S. 7.
- Friedlander, Probing the Limits, S. 7 u. 9.
- Sidra DeKoven Ezrahi, By Words Alone: The Holocaust in Literature. Chicago: University of
Chicago, 1980, S. 4.
- Judith Miller, One, by One, by One: The Landmark Exploration of the Holocaust and the Uses
of Memory. New York: Touchstone, 1991, S. 273.
- Vgl. Scott Heller, "Yale's 'Archive of Conscience' Provides Scholars with Videotaped
Accounts from Holocaust Survivors", in: The Chronicle of Higher Education, 11. Dezember 1991, S. A9 u. A11.
- Geoffrey H, Hartman, "Preserving the Personal Story: The Role of Video Documentation",
in: Dimensions: A Journal of Holocaust Studies, Vol. 1, Nr. 1 (1985), S. 14.
- Miller, One, by One, S. 267.
- Ebd., S. 266-275, passim.
- Für eine Übersicht über die Diskussion der NBC-Serie "Holocaust"
zum Zeitpunkt ihrer ersten Ausstrahlung in den USA im Jahr 1978 vgl. Sander A. Diamond, "Holocaust Film's
Impact on Americans", in: Patterns of Prejudice, Vol. 12, Nr. 4 (1978), S. 1-9 u. 19. Der Artikel enthält
ausführliche bibliographische Angaben über die Reaktionen der englischsprachigen amerikanischen Presse
zu dieser Zeit.
- Leslie Epstein, "The Reality of Evil", in: Partisan Review, Vol. 43, Nr. 4 (1976),
S. 639.
- Claude Lanzmann, "From the Holocaust to 'Holocaust'", in: Dissent, Vol. 28, Nr.
2 (1981), S. 193.
- Lawrence E. Langer, The Holocaust and the Literary Imagination. New Haven: Yale University
Press, 1975, S. 2-3.
- James E. Young, Writing and Rewriting the Holocaust: Narrative and the Consequences of Interpretation.
Bloomington: Indiana University Press, 1988, S. 1-2; dt.: J. E. Y., Beschreiben des Holocaust: Darstellung und
Folgen der Interpretation. Frankfurt a. M.: Jüdischer Verlag, 1992, S. 14.
- Ebd., engl.: S. 3-5, dt.: S. 16-17 u. 19.
- Seit der Diskussion über die erste Ausstrahlung der NBC-Serie HOLOCAUST in den späten
70er Jahren wird, wenngleich nicht immer ganz zutreffend, "Holocaust television" als eine Art Genre bezeichnet,
ein Begriff, der Eingang in die verschiedensten Archive, Bibliotheken oder Sammlungen (wie zum Beispiel die Library
of Congress oder das National Jewish Archive of Broadcasting (NJAB) im Jüdischen Museum New York) gefunden
hat. Dort werden als Beispiele von "Holocaust television" nicht nur die seither produzierten Programme,
sondern auch solche bis zurück zu den späten vierziger Jahren gekennzeichnet.
- Kurz nach Kriegsende gab es in den USA gerade ein paar tausend Fernsehgeräte. In den
ersten Nachkriegsjahren wuchs das Fernsehpublikum dann rapide an: etwa 1949 waren es bereits eine Million Fernsehgeräte,
1951 zehn Millionen, und gegen 1959 wurden mehr als 50 Millionen Fernsehgeräte gezählt (Quelle: Donald
Glen Fink, "Television", in: Encyclopedia Britannica (1973), Vol. 21, S. 795). Eine detaillierte Analyse
der Entwicklungsdynamik des Mediums in den 50er Jahren, die man "gemeinhin als die Formationsperiode des amerikanischen
Fernsehens" ansieht, findet sich bei William Boddy, Fifties Television: The Industry and Its Critics. Urbana:
University of Illinois, 1990.
- Zur Geschichte und Analyse des Begriffs "Holocaust" und seiner Bedeutung im amerikanischen
Kontext vergleiche Jick, "The Holocaust: Its Use and Abuse", insbes. S. 309-310; David G. Roskies, Against
the Apocalypse: Responses to Catastrophe in Modern Jewish Culture. Cambridge: Harvard University Press, 1984, S.
261; Alice and Roy Eckardt, "Studying the Holocaust's Impact today: Some Dilemmas of Language and Method",
in: Judaism, Vol. 27, Nr. 2 (1978), S. 223-232; Stephen J. Whitfield, "The Holocaust and the American Jewish
Intellectual", in: Judaism, Vol. 28, Nr. 4 (1979), S. 391-401.
- NJAB: item Nr. T965. Die "Hanna Bloch-Kohner"-Folge wurde zur üblichen Sendezeit
von 22.00 bis 22.30 Uhr ausgestrahlt.
- Die folgende Inhaltsangabe der Hanna-Kohner-Folge von THIS IS YOUR LIFE basiert auf einer
Kopie im National Jewish Archive of Broadcasting des Jüdischen Museums New York.
- Aufgeführt bei Stuart Fox, Jewish Films in the United States: A Comprehensive Survey
and Descriptive Filmography. Boston: G. K. Hall, 1976, S. 223-224. Die Sendedaten der Folgen waren: Kantor Gregor
Shelkin (17. Februar 1954); Ilse Intrator Stanley (2. November 1955); Kantor Bela Herskovitz (8. Februar 1956);
Dr. Max Nussbaum (22. April 1959); Graf Felix von Luckner (4. November 1959); Benny Hoffman (29. Januar 1961).
- Andere amerikanische Radio-Sendereihen über DPs in den frühen Nachkriegsjahren
waren unter anderem MUSIC BY NEW AMERICANS, eine Konzertserie, und THE GOLDEN DOOR, eine Hörspielreihe, die
beide vom United Service for New Americans gesponsert und in den späten vierziger Jahren vom New Yorker Lokalsender
WNYC gesendet wurden (Quelle: Weinstein Archive for Recorded Sound, YIVO Institute for Jewish Research, New York).
DPs waren außerdem Gegenstand von Folgen der ökumenischen NBC-Hörspielreihe THE ETERNAL LIGHT (beispielsweise
THE VOICE OF RACHEL, gesendet am 30. Dezember 1945; THE LATECOMERS, 23. November 1947; THE FIRST INGREDIENT, 25.
Februar 1956; A STILL SMALL VOICE, 10. April 1960).
- Das Buch der Sendung, unter der Regie und produziert von Worthington Miner, wurde von Ed
Stasheff und Rudy Bretz verfaßt; in Variety wurde sie am 15. August 1945 besprochen.
- Produziert von Martin A. Bursten, Buch von Arnold Perl, Sprecher war Raymond Massey. HIAS
Papers, YIVO Archive.
- Am 27. April 1948 wurde in einer Sendung des New Yorker Senders WABD die Frage "Sollen
wir 400 000 DPs in den Vereinigten Staaten aufnehmen?" diskutiert. Eine Inhaltsangabe und eine Mitschrift
der Sendung findet sich in der HIAS-Publikation Rescue, Vol. 5, Nr. 4 (1948), S. 8-9 u. 11.
- Die Sendung mit dem Titel "Sollen die Vereinigten Staaten mehr DPs aufnehmen?"
wurde am 1. April 1950 ausgestrahlt. Vgl. Fox, Jewish Films in the United States, S. 133.
- Im Verzeichnis "Telepix" Television Newsreels at the National Archives, Washington
D.C., findet sich ein erster Beitrag über die mögliche Ankunft jüdischer DPs in den Vereinigten
Staaten in der Wochenschau vom 15. September 1948 EUROPEAN ROUND-UP. Weitere Beiträge folgten beispielsweise
am 9. November 1948 ("Food campaign for Jews in Europe's DP camps"), am 1. Januar 1949 (im Jahresüberblick
"1948: Year of Crisis"), am 11. Januar 1949 ("German Jews leaving by plane for Israel"), am
9. August 1949 ("Record Number of DPs Arrive"), am 11. August 1949 ("DPs have U.S. Wedding";
"Jewish Ceremony"), am 23. Oktober 1950 ("DPs Joyful on Reaching Here"), 2. Oktober 1951 ("DPs
Find Home Here"), am 13. November 1951 ("Millionth DP Lands Here"), am 14. April 1952 ("Last
DP Familiy Here").
- "Sermon on the Air", in: Time, Vol. 61, Nr. 49 (16. Februar 1953), S. 49.
- Tim Brooks und Earle Marsh, The Complete Directory to Prime Time Network TV Shows 1946-Present.
New York: Ballantine, 1988, S. 812.
- Ebd., S. 964. Das Rating der A. L. Nielsen Company gibt die durchschnittliche Rate der mit
Fernsehgeräten ausgestatteten US-Haushalte wieder, die diese Sendung eingeschaltet hatten.
- Vgl. Dean Jennings, "It Makes Him Happy to See You Cry", in: Saturday Evening
Post, Vol. 228, Nr. 38 (4. Februar 1956), S. 19. Jennings zufolge schätzt Edwards, daß es "allein
in Los Angeles und Umgebung etwa fünfzig This Is Your Life-Parodien pro Woche gibt, und Hunderte davon anderswo
...".
- Der komplexen Dynamik einer kooperativen Lebensbeschreibung wird beispielsweise von Barbara
Myerhoff in einem Essay über ihre Studie über ältere Juden in Venice, California, nachgegangen.
Sie beschreibt die Wechselbeziehung zwischen dem Interviewer und dem Befragten, die im Verlauf des Interviews nach
und nach eine neue Person hervorbringe, die sie "ethno-person" nennt, jene "eigentümliche dritte
Person, die aus dem Zusammenwirken des Fragenden und seines Gegenübers entsteht". Barbara Myerhoff, "Surviving
Stories: Reflections on Number Our Days", in: Jack Kugelmass (Hg.), Between Two Worlds: Ethnographic Essays
on American Jewry, Ithaca: Cornell University Press, 1988, S. 281.
- Jennings, "It Makes Him Happy", S. 52 u. 57. Jennings berichtet, daß Edwards
nur in ganz wenigen Ausnahmen seine Kandidaten vorher darüber informierte, daß sie in der Sendung auftreten
sollten, beispielsweise, wie im Fall von Eddie Cantor, um durch die Überraschung keine gesundheitlichen Probleme
auszulösen (Cantor war gerade von einem Herzanfall genesen). In anderen Fällen, wie beispielsweise im
Fall der Schauspielerin Frances Farmer oder der Sängerin Lillian Roth, bei denen es um ihren Kampf gegen Krankheit
und Alkoholismus ging, informierte man die Kandidaten im voraus, um sicherzugehen, daß sie zur Mitwirkung
an der Sendung bereit sein würden. Diese Vorgehensweise erzeugte eine etwas andere Art von Geschichte, die
nicht auf der üblichen, durch die Überraschung erzeugten Spannung basierte, sondern einen als außergewöhnlich
empfundenen Kontext schuf, in dem es um etwas besonders Ernstes zu gehen schien.
- Im Jahr 1953 wurde das Programm üblicherweise in den Fernsehzeitschriften mit dem Hinweis
angekündigt, es werde die "Lebensgeschichte einer interessanten Persönlichkeit vorgestellt".
- Jennings, "It Makes Him Happy", S. 19 u. 52.
- Den Überraschungsmoment verlegte man zuweilen, insbesondere wenn es um berühmte
Personen der Unterhaltungsbranche ging, auch in Restaurants, Hotelzimmer usf., wo man zunächst eine versteckte
Kamera benutzte, um den Kandidaten anschließend zur Aufzeichnung ins Theater zu bringen.
- Jennings, "It Makes Him Happy", S. 57 u. 52.
- Victor Turner, Dramas, Fields, and Metaphors: Symbolic Action in Human Society. Ithaca:
Cornell University Press, 1974, S. 38-39.
- Anders als die anderen Ehrungen des Kandidaten fanden diese Feiern im privaten Kreis statt.
Jennings zufolge "vermeidet Edwards nach Möglichkeit diese Parties, weil er vermutet, daß seine
Anwesenheit die alten Freunde bei ihrem Wiedersehen befangen machen könnte" (Jennings, "It Makes
Him Happy", S. 57), ein weiterer Hinweis darauf, in welchem Umfang die "spontanen Gefühlsausbrüche
vor der Kamera" einer genau kalkulierten Dramaturgie folgten.
- Mimi White, "Television: A Narrative - a History", in: Cultural Studies, Vol.
3, Nr. 3 (1989), S. 282-284.
- Jennings zufolge wurde die Sendung mit Lillian Roth mehrfach wiederholt - und sie erwies
sich als derart populär, daß eine Kopie davon ständig zur Ausstrahlung bereitlag für den Fall,
daß eine geplante Sendung in letzter Minute ausfallen mußte. Jennings, "It Makes Him Happy",
S. 57.
- "Sermon on the Air", in: Time, a. a. O., S. 49; der "March of Dimes"
war eine Wohltätigkeitskampagne für behinderte Kinder.
- Zitiert nach Erik Barnouw, The Golden Web: A History of Broadcasting in the United States,
Vol. 2, 1933-1953. New York: Oxford University Press, 1968, S. 204.
- Universal Newsreel Circular, "Advance Information for Newspaper Publicity and Exploitation",
26. April 1945, National Archives, Washington, D.C.
- Paramount Newsreel 4.69 (28. April 1945); NAZI MURDER MILLS!, Universal Newsreel 18-393
(26. April 1945).
- Dieser Zwischenfall, von dem in der Rezension von Variety vom 22. April 1959 berichtet wird,
ist eins der meistzitierten Beispiele für den Eingriff eines Sponsors in eine Sendung während der frühen
Jahre des Fernsehens. Vgl. beispielsweise Boddy, Fifties Television, S. 197-198. (NB: Eine erweiterte Fassung von
Abby Manns Drehbuch für JUDGMENT AT NUREMBERG wurde von United Artists im Jahr 1961 produziert.)
- John J. O'Connor, "TV: NBC 'Holocaust' - Art Versus Mammon", in: New York Times,
20. April 1978, S. C22.
- Annette Insdorf, Indelible Shadows: Film and the Holocaust. New York: Vintage, 1983, S.
15-16; Fania Fénelon, Sursis pour l'orchestre, Paris 1976; dt.: F. F., Das Mädchenorchester in Auschwitz,
Frankfurt a. M.: Röderberg, 1980.
- Ein zeitgenössischer Überblick über die Schwarzen Listen von Personen aus
der amerikanischen Fernseh- und Unterhaltungsindustrie findet sich bei John Cogley, Report on Blacklisting, Volume
II: Radio - Television. New York: The Fund for the Republic, Inc., 1956. Vgl. auch Eric Bentley, Are You Now or
Have You Ever Been: The Investigation of Show Business by the Un-American Activities Committee 1947-1958. New York:
Harper and Row, 1972; Karen Sue Foley, The Political Blacklist in the Broadcast Industry: The Decade of the 1950s.
New York: Arno, 1979; Stefan Kanfer, A Journal of the Plague Years. New York: Athenaeum, 1973; Victor S. Navasky,
Naming Names. New York: Penguin, 1991; Robert Vaughn, Only Victims: A Study of Show Business Blacklisting. New
York: G.P. Putnam's Sons, 1972.
- Das Ehepaar Rosenberg, amerikanische Juden, die wegen Verschwörung und Spionage angeklagt
und verurteilt wurden, wurden am 19. Juni 1953 auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet. Über ihren Prozeß
wurde in den Medien ausführlich berichtet einschließlich der ständigen Berichterstattung der lokalen
New Yorker Fernsehsender (vgl. beispielsweise das Verzeichnis von "Telepix" Television Newsreels in den
National Archives, Washington, D.C., RG 200).
- David Bernstein, "The American Jewish Tercentenary", in: American Jewish Year
Book, Vol. 67 (1956), S. 101-102. Zum Vorbereitungskomitee der Dreihundertjahrfeier gehörten auch William
S. Paley für die CBS und David Sarnoff für NBC. David Sarnoff wird auch der Vorschlag für das Thema
der Feiern zugeschrieben, "Man's Opportunities and Responsibilities under Freedom". Bernstein zufolge
brachten CBS, NBC und das Dumont-Fernsehen spezielle Programme zur Dreihundertjahrfeier heraus.
- Zitiert nach Jennings, "It Makes Him Happy", S. 52.
- Lynn Spigel, Make Room for TV, S. 118.
- Rose Dobrof, "Introduction: A Time for Reclaiming the Past", in: Marc Kaminsky
(Hg.), The Uses of Reminiscence: New Ways of Working with Older Adults. New York: Haworth, 1984, S. XVII-XIX.
- Murray Hausknecht, "The Mike in the Bosom", in: Bernard Rosenberg / David Manning
White (Hg.), Mass Culture: The Popular Arts in America. New York: Free Press, 1957, S. 375.
- Ebd., S. 375 u. 376.
- Gerald Green, The Last Angry Man. New York: Scribner's, 1956, S. 285 u. 70 u. 187.
- Marc Kaminsky, "The Uses of Reminiscence: A Discussion of the Formative Literature",
in: Kaminsky (Hg.), The Uses of Reminiscence, S. 137-165.
- Christopher Lasch, The Culture of Narcissism. New York: W.W. Norton, 1979, S. 210, zitiert
nach Harry R. Moody, "Reminiscence and the Recovery of the Public World", in: Kaminsky (Hg.), The Uses
of Reminiscence, S. 159.
- Moody, "Reminiscence", S. 160-161.
- Hanna Kohner/Walter Kohner/Frederick Kohner, Hanna and Walter: A Love Story. New York: Random
House, 1984. Die THIS IS YOUR LIFE-Sendung mit Hanna Kohner wird im Epilog des Buches erwähnt (S. 209); dt.:
H.K./W.K./F.K., Hanna und Walter. Eine Liebesgeschichte. München: Knaur, 1986.
- Der Film über Robert Clary ist in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse, denn
er erzählt die Geschichte eines überlebenden französischen Juden, der in Amerika als "Colonel
Le Beau", einem französischen Gefangenen in einem Nazi-Kriegsgefangenen-Lager, in der Sitcom-Fernsehserie
der CBS HOGAN'S HEROES (1965-1971) spielte. Clary machte seine Geschichte als Holocaust-Überlebender erst
in den achtziger Jahren bekannt, als er sich an einer Fundraising-Kampagne für das Simon Wiesenthal Center
in Los Angeles beteiligte.
- Neben der Rolle, die der Konflikt zwischen Holocaust-Überlebenden und Neonazis in Nachrichten
oder Talkshows spielte, sendete CBS im November 1981 das Fernsehspiel "Skokie", das von Herbert Brodkin
produziert wurde. Dort ging es um den Konflikt zwischen Holocaust-Überlebenden und Mitgliedern der in Chicago
ansässigen Neonazi-Organisation NSPA (National Socialist Party of America), die Ende der 70er Jahre in Skokie,
Illinois, einem Vorort Chicagos mit einer großen jüdischen Gemeinde, darunter viele Überlebende,
das Recht auf freie Versammlung durchsetzen wollten.
|