Materialien zu Filmen
EXODUS R: Preminger. (USA, 1960)
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Schiere Flucht oder Exodus Zu Otto Premingers Film von Ronny Loewy Die Abschiebung von 4500 Displaced Persons, die mit der "Exodus 47" nach Palästina, dann durch die Briten zurück nach Frankreich und schließlich im September 1947 nach Deutschland in das Internierungslager Pöppendorf bei Lübeck kamen, war ein von den Funktionären der Alija Bet, wenn auch nicht aus freien Stücken, mitinszeniertes Medienereignis. In den Händen der Funktionäre der Alija Bet lag es allemal, den organisierten Transport der Flüchtlinge im südfranzösischen Port de Bouc zu stoppen und damit den Weitertransport nach Deutschland zu verhindern. Die Alija Bet-Aktivisten, Zionisten wie Revisionisten, instrumentalisierten ein Flüchtlingsdrama durchaus erfolgreich, um den internationalen Druck, vor allem gegen die britische Mandatsmacht, zu vergrößern und den Entscheidungsprozeß für eine staatliche Lösung zugunsten der Juden in Palästina zu beschleunigen. Die Bilder der von britischen Kriegsschiffen gerammten "Exodus 47" und den geschundenen Kindern, Frauen und Männern, die Haifa wieder verlassen mußten, gingen um die Welt und bereicherten fortan eindrucksvoll das ikonographische Arsenal der Exodus-Metaphorik. Von dieser Metaphorik, die eine vormoderne Begründung für ein modernes Gemeinwesen der Juden liefern sollte, handelt der Film EXODUS aus dem Jahr 1960. "Birth of a Nation" titelten zahlreiche Filmkritiker, als EXODUS in die Kinos kam. Diese teilten mithin ein Mißverständnis - steht am Ende des Films doch die Geburt eines Staates - mit dem Regisseur des Films, Otto Preminger, wie dem Autor der literarischen Vorlage, Leon Uris. Eine von der zionistischen Führung spätestens ab 1945 vorgenommene Umdeutung der zionistischen Bewegung der jüdischen Besiedelung einer Heimstätte in Erez Israel nunmehr zur Sammlungsbewegung des jüdischen, nicht eines israelischen Staatsvolkes, bediente sich der Exodus-Metaphorik als einer Schnittstelle von Geschichte und Gegenwart. Die Wucht der überlebenden Opfer des Holocaust, gebündelt durch logistisch äußerst effektiv organisierte und den Beteilgten höchste Risiken abverlangende abenteuerliche Schiffspassagen nach Palästina durch die Alija Bet, wurde zur Steigerung der Dramaturgie eines Gründungakts instrumentalisiert. Von zionistischer Seite sollte so eine komplexe Identitätsdebatte um die Deutungen von Glaubensgemeinschaft versus Volk, respektive versus Nation, mit der machtvollen Geste der "Geburt eines jüdischen Staates" als einem reinen Willensakt zur Befreiung von der Diaspora durch Landnahme der "jüdischen Israelis" in "Erez Israel" überspielt werden. Um eine machtvolle Geste handelte es sich, da die "jüdischen Israelis" dadurch imstande waren, ihre Ziele mittels einer politisch wie militärisch radikal operierenden Befreiungsbewegung zu erreichen, sei es die Briten zur Aufgabe ihrer Mandatsmacht in Palästina zu zwingen, sei es über den arabischen Konkurrenten bei der Landnahme zu triumphieren und darüber hinaus den religiösen Gegner in den eigenen Reihen in Schach zu halten. Der Film EXODUS gibt diesen Triumph des säkularen Zionismus treffend wieder; die zweite Hälfte des Films handelt von den diversen Konflikten in Palästina an der Schwelle zur Staatsgründung Israels. Die Mythen, mit denen der Film bekannt macht, sind jene, die real bei der Staatsgündung Israels gewirkt haben: die "Geburt eines jüdischen Staates" als Willensakt des "Rests der Geretteten", derer, die die Vernichtung der europäischen Juden überlebt hatten, wovon die erste Hälfte des Films erzählt. EXODUS spielt in der Zeit zwischen Mitte September und Ende November 1947. Der Entschluß der Haganah, die von den Briten in einem Detention Camp auf Zypern festgehaltenen Displaced Persons mit aller Macht nach Palästina zu verschiffen, radikalisiert, als die Nachricht kommt, in der Woche zuvor seien 4500 Juden, nachdem sie bereits in Palästina an Land gegangen waren, wieder auf Schiffe gebracht und schließlich in ein Lager bei Hamburg transportiert worden. Dies ist übrigens der einzige direkte Bezug auf die wirkliche "Exodus 47". Der Film endet in der Zeit kurz nach der Abstimmung der Vereinten Nationen in Flushing Meadows am 29. November 1947 über die UNSCOP-Vorlage zur Teilung Palästinas, die den Weg frei machte zur Staatsgründung Israels im darauffolgenden Mai und die somit die britische Blockadepolitik beendete. Skurrilerweise führte die Massenszene im Film, in der das Ergebnis der Abstimmung über die Teilung Palästinas bekanntgegeben wird, noch vor der Premiere in den USA zu Protesten seitens sowjetischer Diplomaten, obwohl die beschlossene Teilung Palästinas auf eine Initiative der sowjetischen Außenpolitik von 1947 zurückging. Die Filmszene war auf dem Migrash ha-Rusim gedreht worden, einem Platz, der zur russisch-orthodoxen Kirche in Jerusalem gehörte und den die Sowjetunion als ihren Besitz reklamierte. Durch EXODUS wurde die Sowjetunion dann 1960 auf peinliche Weise an ihre Politik von einst erinnert, zu der sie inzwischen nicht mehr stand. Preminger hat seine Spielhandlung auf einen Zeitraum von knapp drei Monaten verdichtet. Einige jener Ereignisse, die sich tatsächlich zugetragen haben und in dem Film vorkommen, fanden in Wirklichkeit außerhalb dieses kurzen Zeitabschnitts statt. So ereignete sich beispielsweise die Sprengung des Südflügels des King David Hotels am 22. Juli 1946 und die spektakuläre Ausbruchsaktion von inhaftierten Irgun-Terroristen aus dem Gefängnis von Akko am 4. Mai 1947. Der Film bezeugt, wie sich die Flucht von Holocaust-Überlebenden aus Europa zur machtvollen Bewegung eines zur Rückkehr und zur territorialen Landnahme legitimierten Staatsvolkes wandelt. Die illegale Einwanderung in Palästina, gegen die britische Mandatsherrschaft als aktionistische Gründungstat heroisch inszeniert, war 1960, als EXODUS von Preminger gedreht wurde, im nunmehr staatlich verfaßten Israel als Rückkehrrecht gesetzlich etabliert. Der Exodus, einst die Rückkehr aus der Sklaverei und nun die Rückkehr derer, die den Holocaust überlebt hatten, sollte fortan die Geschäftsgrundlage sein, die die Staatsbürgerschaft der Israelis regelt. Zu Beginn des Films wird eine Person eingeführt, die zunächst außerhalb des Spannungsfeldes steht, in dem sich alle anderen Protagonisten befinden, und die über den ganzen Film hinweg die einzige bleibt, der keine historische Stellvertreterrolle zufällt. Kitty Fremont (Eva Marie Saint) ist Amerikanerin, keine Jüdin, und wird auf Zypern mehr durch Zufall mit dem Problem der jüdischen Displaced Persons konfrontiert. Sie begegnet im Laufe des Films einer Reihe von Personen oder ist Zeugin von Begegnungen zwischen Personen, die allesamt Repräsentanten jener Konfliktparteien verkörpern, die am Kampf um Israel teilnehmen. Am Anfang glaubt Kitty, als sie in einem Detention Camp auf Karen (Jill Haworth) trifft, einem jüdisches Mädchen aus Deutschland, das von ihren Eltern im Holocaust getrennt wurde, helfen zu können, indem sie das Mädchen adoptiert und mit in die USA nimmt. Diese für eine Amerikanerin naheliegende Lösung erweist sich als naiv und nicht realisierbar. Die junge Karen zieht es nach Palästina, weil sie dort ihren Vater suchen will, aber nicht nur deshalb. Anstatt Karen in die USA mitzunehmen, begleitet Kitty sie schließlich nach Palästina; sie hat ohnehin entschieden, sich als Krankenschwester auf dem Schiff nützlich machen. An der Seite des Haganah-Aktivisten Ari Kanaan (Paul Newman), dessen Lebenspartnerin sie später wird, lernt sie auf Zypern und Palästina den Kampf um Israel kennen. Am Ende des Films werden zwei Freunde beerdigt. Karen ist von arabischen Terroristen erschossen worden und Tarah, Aris arabischer Freund aus Kinderzeiten, ist wegen "Kollaboration" mit den jüdischen Siedlern exekutiert worden. Es sind die beiden jüdischen Konfliktparteien, die um Sympathien für sich werben; die Realpolitiker um die zionistische Haganah, vertreten durch Ari und dessen Vater Barak (Lee J. Cobb), und die romantischen Partisanen in der revisionistischen Irgun Zvai Leumi, vertreten durch den jungen KZ-Überlebenden Dov Landau (Sal Mineo) und Aris Onkel Akiva (David Opatoshu). Die zionistischen Realpolitiker entscheiden den Konflikt zunächst für sich, im Film und in der Realität. Die Macht beider Konfliktparteien war und ist auch von dem Mythos geborgt, man könne mit Religion und Volk Staat machen und mithin alle nationalen Imponderabilien ignorieren. Von einer Amerikanerin wie Kitty wäre zu lernen gewesen, wie man das besser macht, aber diese Lektion hat Israel von seiner Schutzmacht stets ausgeschlagen. In seiner politischen wie ökonomischen Abhängigkeit ist Israel immer noch so etwas wie der 51. Bundesstaat der USA, nur durch seine Unbotmäßigkeit ist es auch souverän. Als Meyer Levin 1947 bis 1948 seinen Film THE ILLEGALS auf einem veritablen Einwanderungsschiff drehte, das sich den Namen "The Unafraid" gab, traten die Bricha-Funktionäre als Reisehelfer auf dramatisch beschwerlicher Fahrt auf. Alle Rhetorik, die den Exodus konnotierte, kam, da der Film weitgehend dokumentarisch konzipiert war, aus dem Off. In diesem Film sind Realität und Interpretation deutlich zu unterscheiden. Es gab den Exodus, aber vor allem auch die schiere Flucht der Geretteten. Erschienen in: Filmgeschichte. Newsletter der Stiftung Deutsche Kinemathek, Nr. 13, Juni 1999 |