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Protokoll:
- 1. Gert von Paczensky vor Vorhang, Fahrt an Moderator: "Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir noch einige technische Hinweise. Wie Sie wissen hat das deutsche Fernsehen beim Eichmann-Prozess die beiden Sonderberichterstatter Joachim Besser und Peter Schier-Gribowsky mit einem Kameratrupp. Diese liefern uns all diejenigen Bilder, die nicht direkt aus dem Gerichtssaal kommen. In Israel gibt es noch kein Fernsehen, also noch kein Fernsehstudio. Von daher muss unser Berichterstatter-Team in einem Behelfsstudio arbeiten, das also nicht Schalldicht abzusichern ist. Wir müssen Sie also um Entschuldigung bitten, wenn sie manchmal bei Gesprächen, Interviews oder Kommentaren störende Autogeräusche und anderen Lärm hören. Nun zur Berichterstattung aus dem Gerichtssaal selbst. Wie die Fernsehfachleute seit einiger Zeit wissen, darf nur eine einzige Fernsehgesellschaft der ganzen Welt direkt im Gerichtssaal filmen. Eine amerikanische. Die israelische Regierung hat ihr dieses Monopol gegeben, wohl in der Annahme, dass sehr viele Kameras im Gerichtssaal den Prozess stören und die Würde des Gerichts beeinträchtigen können. Diese amerikanische Gesellschaft hat ihre Kameras an festen Punkten einbauen müssen. Das verhindert, dass es eine sehr große Abwechslungsmöglichkeit in der Bildauswahl gibt. Deshalb sehen sie sehr häufig dieselben Bildeinst. Wir können diese Bildauswahl genauso wenig beeinflussen, wie es irgendeine andere Fernsehstation kann, mit Ausnahme eben der Firma mit dem Monopol. Diese Firma zeichnet auf, auf einem Magnetfilm, der leider ein anderes Liniensystem hat als das bei uns verwendete. Das muss leider umgesetzt und umkopiert werden für uns. Und das bedeutet automatisch einen Verlust an Bildqualität und einen Verlust an Zeit. Diese Operation findet in London statt. Bedenken sie die Entfernungen Jerusalem, London, Hamburg, die technischen Zeitverluste und auch die Flugverbindungen, die sich nicht nach unseren Sendezeiten richten. Wir können also nie Prozessbilder vom Sendetag zeigen. Oft nicht einmal die vom Tag davor. Das verhindert also, dass wir Ihnen aktuelle, allerletzte Bilder zeigen, aber das streben wir auch gar nicht an. Wir können nur versuchen, Höhepunkte des Prozesses in Wort und Bild zusammenzustellen. Ihnen ein Zeitdokument zu liefern, von dem es absurd wäre zu sagen, es sei nach drei Tagen schon veraltet, noch dazu bei einem Prozess, der für uns so wichtig ist wie dieser. Lassen Sie mich schließlich noch sagen, dass Sie aus dem Gerichtssaal nicht die Stimmen der dort beteiligten und auftretenden nicht-deutschen Persönlichkeiten hören, sondern der beim Prozess tätigen Übersetzer. Und nun zu unserem Sonderbericht.“
- 2. Menschenmenge vor Kloster, Polizisten drängen Menschen zurück, Menschen stürmen in Kloster, Gedrängel, wartende Menschen, Menschen in vollem Saal, einzelne Menschen, Eichmann auf Leinwand (div. Einst.). Schier-Gribowsky: "In diesem Kloster ist eine große Projektionsleinwand aufgestellt und das Publikum aus Jerusalem hat Gelegenheit hier den Eichmann-Prozess zu verfolgen. Aufnahmen, wie die Bürger sich anstellen, um in diesen Saal Einlass zu finden. Man sieht, wie die Leute hineinstürmen, hineinstürzen. Es gibt sonst in Jerusalem kaum eine Möglichkeit diesen Prozess also auf einer Fernsehleinwand zu verfolgen. Allerdings sitzen die Menschen dicht geballt vor den Lautsprechern. Aber hier möchten die Jungen den Mörder ihres Volkes einmal sehen, und ins Auge schauen.“
- 3. Besser in Jerusalemer Studio vor Leinwand: "Die neue Verhandlungswoche, die zweite dieses Prozesse begann damit, dass sich das Gericht für zuständig erklärte und die Einwände des Dr. Servatius, dieses Gericht aus Bürgern Israels könne nicht objektiv urteilen, ablehnte. Oberrichter Landau sagte:"
- 4. Gerichtssaal, Landau sprechend nah, Eichmann mit Kopfhörer zuhörend, schreibender Zuschauer, Richtertisch, Servatius und Hausner von hinten, Richtertisch, Eichmann nah mit Kopfhören, geneigter Kopf (div. Einst.). Landau: "Die Richter sind Berufsrichter, die gewohnt sind Beweismittel zu prüfen, wo immer Richter ihre Pflicht tun, sind sie zwar Menschen von Fleisch und Blut. Aber das Gesetz befiehlt jedem Richter, seine Gefühle und Empfindungen zu beherrschen, denn sonst wäre kein Richter in der Lage, in einem Strafprozess zu richten, wo er Abscheu empfinden muss, vor Taten, wie Verrat, Mord und anderen schweren Verbrechen. Wir sprechen unsere Hochachtung aus für die Arbeit des Verteidigers und des Anklägers und für den hohen Rang ihrer Argumentation. Nach eingehendem Studium aller Argumente sind wir jedoch zum Ergebnis gekommen, dass die Einwände des Verteidigers zurückgewiesen gewesen werden müssen. Was die Frage der Zuständigkeit dieses Gerichtes betrifft, so werden wir darauf in unserem Urteil am Ende des Prozesses noch zurückkommen.“
- 5. Besser in Jerusalemer Studio vor Leinwand: "Damit waren die Würfel gefallen. Der Versuch des Verteidigers, dem israelischen Volk den Prozess in letzter Minute aus der Hand zu winden, war gescheitert. Dann musste Eichmann aufstehen und zu den 15 Anklagepunkten sein schuldig oder nicht schuldig sprechen.“
- 6. Eichmann stehend im Glaskasten, Gerichtssaal, Richtertisch, Eichmanns Gesicht nah sprechend (div. Einst.): "Im Sinne der Anklage nicht schuldig“, "Im Sinne der Anklage nicht schuldig“
7. Gerichtssaal. Besser: "Eichmann setzte sich und Generalstaatsanwalt Hausner begann seine große Anklagerede.“
- 8. Hausner spricht, Landkarte, Eichmann (nah), Hausner vor Mikro (nah), Eichmann mit Wachmann, zusammen gekniffener Mund Eichmanns, Hausner, Eichmann im Glaskasten, hinter ihm zwei Wachmänner (div. Einst.). Hausner: "Er gab nur Anordnungen und Befehle, aber aufgrund dieser seiner Befehle stürzten sich Uniformierte auf die Juden, um sie aus ihren Wohnsitzen zu vertreiben, um sie zu schlagen und zu quälen, in Ghettos zu pferchen, und sie mit Schandmalen zu zeichnen. Eichmann selbst bezeichnet sich heute als einen gewissenhaften Menschen, einen unbedeutenden Bürokraten. Für ihn war ein Ausrottungsbeschluss nur ein Stück Papier, dessen Inhalt es auszuführen galt. Aber er selbst ist es, der diesen Inhalt geplant, seine Ausführungen betrieben und organisiert hat und der andere angewiesen hat, dieses Meer des Blutes zu vergießen und alle Mittel des Mordens, des Raubens und der Folter anzuordnen. Er beaufsichtigte die Ghettos und Vernichtungslager. Seine Stellung im Reichssicherheitshauptamt war einmalig. Er konnte seine Vorgesetzten übergehen und direkt mit Himmler verhandeln. Wir werden Dokumente vorlegen, die beweisen, dass in Angelegenheiten der Juden das Reichssicherheitshauptamt identisch war mit Adolf Eichmann.“
- 9. Besser in Jerusalemer Studio vor Leinwand: "Hier im Gerichtssaal zu Jerusalem, sind Taten geschildert worden, die im Namen Deutschlands und damit in unser aller Namen geschahen. Taten die man kaum mit Worten beschreiben kann und die in diesem Ausmaß zusammenfassend noch nie dargestellt worden sind.“
- 10. Eichmann in Glaskasten, Eichmann schreibt mit, mehrere Zuschauer aus dem Publikum, Hausner sprechend, Richtertisch, Protokolleure, Hausner liest von Zettel ab (nah), Eichmann in Glaskasten (Totale), Servatius und Assistent zuhörend, Eichmann zuhörend unbeweglich, Zuschauerin sichtlich berührt, Richter aus der Sicht des Glaskasten, Eichmann zuhörend, Hausner liest ab, Gerichtssaal (Totale), Hausner (nah), Eichmann, Eichmann (nah), Zuschauerin hört aufmerksam zu, Servatius von hinten, Eichmanns gefaltete Hände, Schwenk zum Gesicht, Hausner, Zuschauer schreibt mit, Hausner, Gerichtssaal, Zuhörer, Eichmann, Servatius schreibt mit, Schwenk auf Hausner (div. Einst.), Hausner: "Ich zitiere einen Augenzeugen der Erschießung in Dubnow. Die von den Lastwagen abgestiegenen Menschen, Männer, Frauen und Kinder jeden Alters mussten sich auf Aufforderung eines SS-Führers, der in der Hand eine Reit- oder Hundepeitsche hielt ausziehen und ihre Kleidung nach Schuhen, Ober- und Unterkleider getrennt an bestimmten Stellen ablegen. Man sah Schuhhaufen von schätzungsweise 800-1000 paar Schuhen, große Stapel mit Wäsche und Kleidern. Ohne Geschrei und Geweinen zogen sich diese Menschen aus und standen in Familiengruppen beisammen, küssten und verabschiedeten sich und warteten auf den Wink eines anderen SS Manns, der an der Grube stand und ebenfalls eine Peitsche in der Hand hielt. Die Grube war drei Viertel voll. Schätzungsweise lagen darin 30.000 Menschen. Der Schütze, ein SS-Mann saß am Rand der Schmalseite der Grube auf dem Erdboden, ließ die Beine in die Grube hängen, hatte auf seinen Knien einen Maschinenpistole und rauchte eine Zigarette. Diese Berichte gingen nach Berlin. Eichmann konnte sich daher fortlaufend von der Durchführung seines blutigen Handwerks im Osten überzeugen. Den Frauen wurde das Haar abgeschnitten, Goldzähne wurden ausgerissen, man fand später Bescheinigungen über neun Kisten Gold und Wertsachen, die von Majdanek ins Reich geschickt wurden. Die Sterblichkeit im Lager war erschreckend. Etwa 180 am Tag. Kinder starben wie die Fliegen. Dies war die Gruppierungsordnung in Majdanek. Männer rechts, Frauen links, Kinder und alte Leute in der Mitte. Mütter, die ihre Kinder festhielten, wurden mit Peitschenhieben von ihnen abgetan. Sie werden die Aussagen einer Frau hören, die ihr kleines Kind festhielt und nicht loslassen wollte. Woraufhin es man an das Kind herantrat, es mit dem Kopf auf den Boden aufschlug und dann der Mutter den blutigen Leichnam des Kindes mit den Worten überreichte: 'Jetzt: Nimm Dein Kind’. Es gab Fälle, in denen kleine Kinder vor den Augen der vor Grauen wahnsinnig werdenden Mütter mit den Händen in Stücke zerfetzt wurden. Nur an einem Punkt in Majdanek wurden Kinder sanft behandelt. An der Schwelle der Gaskammer gab man jedem einen [...]. Die Häftlinge waren praktisch jeden SS Leuten im Lager preisgegeben, die sie nach belieben töten oder misshandeln konnten. Männer und Frauen wurden nackt ausgezogen und einer hinter dem anderen in langen Reihen in die Gaskammern geführt. Auch hier wurden alte Leute und Kinder separat erschossen, damit sie die in die Gaskammer marschierenden nicht störten. Sobibor war das Grab für Juden aus Polen, Holland, der Tschechoslowakei, Österreich und Frankreich. Auch hier wurde Besitz geraubt, Zähne ausgerissen und Haare abgeschnitten. Die Züge erreichten Belsitz ebenso auch die anderen Lager, nachdem bereits viele der Deportierten in Folge von Durst und Entkräftigung unterwegs ihr Leben ausgehaucht hatten. Die Transporte umfassten je 10-60 Waggons. Stellen wir uns einen solchen Transport vor, der mit 6700 Menschen ankam. Die SS und ihre Helfer, die Ukrainer, waren schon am Bahnhof. Dieses ist die Beschreibung: Die Wagentüren öffnen sich und die Menschen werden unter Peitschenhieben herausgetrieben. Über die Lautsprecher werden Befehle gegeben, alle Kleider und Gepäck abzugeben, auch Prothesen und Brillen. Geld und alle Gegenstände von irgendwelchem Wert sind am Wertsachenschalter abzugeben. Frauen und Mädchen werden zum Friseur geschickt, der ihnen mit zwei Scherenschnitten das Haar nimmt und in Kartoffelsäcken sammelt. Danach beginnt der Marsch. Rechts und Links Stacheldraht, dahinter Ukrainer mit Gewehren. Männer, Frauen, Mädchen, Kinder, Säuglinge, Leute ohne Bein, alle nackt wie am Tag ihrer Geburt ziehen vorbei. An der Ecke vor dem Eingang des Gebäudes steht ein SS Mann, der lächelnd und in salbungsvollem Ton verkündet: 'Es geschieht euch nichts böses. Ihr müsst tief einatmen, Gas stärkt die Lungen. Das Inhalieren ist zur Desinfizierung nötig. Jemand fragt ihn, was mit den Frauen geschieht und er antwortet, dass die Männer natürlich arbeiten müssen. Strassen und Häuser bauen. Die Frauen brauchen nicht zu arbeiten, aber wenn sie wollten, könnten sie mit Küchen und Hausarbeit helfen. In einigen regt sich Hoffnung, lange genug, um ohne Widerstand zur Todeszelle zu gehen. Die meisten aber kennen ihr Schicksal genau. Der alles durchdringende, schreckliche Gestank verrät die Wahrheit. Sie haben ein paar Stufen heraufzugehen und sehen schon alles. Nackte Mütter halten noch schweigend den Säugling an der Brust. Zahllose Kinder jeden Alters gehen nackt mit ihnen. Sie stocken, aber sie gehen in die Todeszelle, die meisten ohne ein Wort zu sagen. Sie werden vorwärtsgedrängt von denen hinter ihnen, die ihrerseits von die Peitschen der SS Leute angetrieben werden. Eine Frau von etwa 40 Jahren verflucht die Mörder und wünscht das Blut ihrer Kinder über ihr Haupt. Der SS Hauptmann Wirth schlägt ihr persönlich mit der Peitsche 5 mal ins Gesicht und sie verschwindet in der Gaszelle. Viele beten. Die SS Leute drängen die Menschen in die Zellen. 'Dicht zusammen’, befiehlt Hauptmann Wirth. Die nackten Menschen treten sich gegenseitig auf die Füße. So stehen 700-800 Mann auf ca. 25 Quadratmetern. Die Türen schließen sich. Der Rest wartet. Nackt, auch im Winter müssen sie nackt und bloß warten. Der Diesel aber will nicht arbeiten. 50-70 Minuten vergehen. In der Todeszelle stehen die Menschen. Man hört ihr Weinen, erst nach zwei Stunden und 49 Minuten fängt der Diesel endlich an zu arbeiten. 25 Minuten verstreichen. Viele sind inzwischen tot, wie man durch die Glasscheiben der Fenster sehen kann. Aber auch noch nach 28 Minuten sind noch einige am Leben. Erst nach 32 Minuten ist alles vorbei.“
- 11. Besser sitzt, Schwenk über Gäste bis hin zu Schier-Gribowsky, Zufahrt auf Vera Iljaschiv, Zufahrt auf [Herrn] Mendelsohn (div. Einst.): Besser: "Wir alle sind in diesen Tagen tief erschüttert von der Darstellung, die Generalstaatsanwalt Hausner über die Untaten des nationalsozialistischen Regimes gegeben hat. Wir sind deshalb besonders dankbar dafür, dass heute zwei israelische Gäste in unser kleines Behelfsstudio zu uns gekommen sind. Es sind Frau Vera Iljaschiv und Herr Mendelsohn. Frau Iljaschiv, ich möchte sie herzlich bitten, dass sie sich unseren deutschen Hörern zunächst selbst einmal kurz vorstellen.“
- 12. Gesprächsrunde, Schwenks je nach Sprecher (div. Einst.):
- Iljaschiv: "Ja ich bin die parlamentarische Korrespondentin der hebräischen Gewerkschaftszeitung Davar.“
- Besser: "Waren sie denn immer in Israel oder wie war ihr Schicksal vor dieser Zeit?“
- Iljaschiv: "Ich bin 1948 nach Israel gekommen, ich bin in Litauen geboren. War im Comer Ghetto und später in Stutthof.“
- Besser: "In einem deutschen Konzentrationslager also.“
- Iljaschiv: "Ja.“
- Besser: "Und Herr Mendelsohn, können Sie uns eine kurze Biographie geben?“
- Mendelsohn: "In drei Worten. Bin 43 Jahre alt, heute Journalist. Bin in Berlin geboren, seit 1934 hier in Israel.“
- Schier-Gribowsky: "Wie reagiert man hier in Israel auf den Eichmann-Prozess und auf die Vorberichte?“
- Iljaschiv: "Vielleicht ist es gewissermaßen noch früh, sich selber auszudrücken, aber ich glaube, ich habe so ein Gefühl, dass das jüdische Volk vielleicht das Hassen verlernt hat und es gibt einen gewissen [...], dass es das Hassen verlernt hat und manchmal denke ich darüber nach, dass das Christentum doch nur die Juden hasst, nur weil ein paar von denen Mal mit irgendwem mit dem Mord von einem Menschen - jedenfalls damals war er ein Mensch - etwas zu tun hatten. Und die Juden haben sich vielleicht so an das Verfolgen gewöhnt, dass sie das richtige Hassen abgelernt haben. Und vielleicht in diesem Sinne wird der Eichmann-Prozess einen Wert haben.“
- Schier-Gribowsky: "Aber soll ich das so verstehen Frau Iljaschiv, dass sie wünschen, dass das jüdische Volk hassen soll?“
- Iljaschiv: "Nein, nein, nein, nein, nein. Verstehen Sie mich nicht so. Ich bin nur dagegen, und ich denke man soll dagegen sein, dass das jüdische Volk vergisst, was ihm passiert ist. Ich denke, dass eine der Aufgaben dieses Prozess es ist, dass Naziregime und alles, was Eichmann in sich verkörpert, zu einem gewissen Symbol zu machen und es für eines der gemeinsamen jüdischen Identität zu machen.“
- Mendelsohn: "Ich möchte sagen, ich möchte da noch etwas einwerfen. Ich glaube es ist nicht nur eine Frage des jüdischen Volkes, ich glaube es ist Frage [...] Moralitätswerte der Welt, die nicht nur auf die Juden hin Bezug haben.“
- Iljaschiv: "Ich denke, es ist jedenfalls sehr wichtig, dass die Welt sieht, wohin der Mensch eigentlich hin kann, wenn er nicht die Hemmungen in gewisser Art hat. Aber ich sehe noch einen Wert von diesem Gericht. Es klingt vielleicht ein wenig chauvinistisch. Aber ich denke, es ist doch wichtig, es heute zu bemerken. Eine der Bedingungen, die es erlaubt hat, was den Juden passiert ist, in Deutschland und in den Okkupationsländern, war, dass keine organisierte Macht und keine organisierte Kraft eine Stimme dagegen erhoben hat. Ich denke, dass der Fakt, dass dieser Prozess im Staat Israel stattfindet, dass jüdisches Blut ist nicht mehr ein freies Opfer, ein Freiwild und dass eine organisierte Macht - vielleicht nicht sehr groß, aber eine organisierte Macht - hinter ihm steht.“
- Schier-Gribowsky: "Ich habe die Befürchtung, dass dieser Prozess das deutsche und israelische Volk auf unabsehbare Zeit auseinanderbringen kann, obwohl man eigentlich doch hoffen möchte, dass er heilende Wirkung ausübt. Wie ist ihre Meinung dazu?“
- Mendelsohn: "Das ist schwer zu prophezeien, was da heraus kommen wird, man kann da nicht vorgreifen, aber man könnte Eichmann als eine Krankheit bezeichnen. [...] Krankheitsprozess, der die ganze Welt umfasst hat, angesteckt hat. In dem Prozess jetzt rollt die Krankheit noch einmal ab, ohne dass der Körper selber noch mal betroffen wird. Es bestehen womöglich gute Chancen zu einer Heilung. Ob es zu einem endgültigen Verstehen kommt, bleibt abzuwarten.“
- 13. Beit Ha’am von aussen, Strassenverkehr (div. Einst.): "Das deutsche Fernsehen hat wieder zwei seiner Auslandskorrespondenten gebeten, die Reaktion ihrer Länder zum Eichmann-Prozess zu beschreiben. Heute Abend: Eberhard Schütz aus Paris und Peter Scholl-Latour aus Leopoldville.“
- 14. Scholl-Latour kommentiert. Vor ihm ein gefaltetes Papier auf dem "Leopoldville“ steht.: "Für die Afrikaner südlich der Sahara ist der Eichmann-Prozess keine wirkliche Sensation und keine echte Aktualität. Die Afrikaner betrachten, dass was in Europa vor 1945 passiert ist, schon etwas als Prähistorie und sind nicht unmittelbar dadurch berührt. Man könnte meinen, man sollte annehmen, dass die Afrikaner sich mit jedem Volk solidarisch fühlen, dass verfolgt worden ist, dass diskriminiert worden ist. Aber man darf nicht vergessen, dass in den Augen der Afrikaner Eichmann ein Europäer ist und auch die Juden, die von ihnen verfolgt worden sind, auch Weiße sind. Und für die Afrikaner ist die Frage der Rassendiskriminierung eine Frage der Haut, eine Frage der Hautfarbe und deshalb fühlen sich selbst die schwarzen Intellektuellen, die interessiert sein können an der Frage nicht direkt durch Eichmann-Prozess berührt.“
- 15. Schütz kommentiert, vor ihm ein gefaltetes Papier, auf dem "Paris“ steht: "Für die französische Öffentlichkeit gibt es zwei Orientierungspunkte. Zunächst einmal möchte man vergessen, man möchte sich verständigen mit der Bundesrepublik, mit der Bundesrepublik Adenauers, umso mehr als man ja doch auch ein schlechtes Gewissen hat, denn in der Zeit gab es ja doch französische Kollaborateure, die an der Organisierung der Judenvernichtung Anteil genommen hatten. Der zweite Punkt, die französische kommunistische Partei, die ja immerhin bis zu 30% der Wählerstimmen mobilisieren kann, greift natürlich den Eichmann-Prozess auf, wie alles was gegen die Bundesrepublik im Sinne des Kommunismus überall in der Welt auszuschlachten ist. Und da gibt es nun in Frankreich einen gewissen Widerstand, gerade weil die Kommunisten das ausschlachten, möchte [...] nicht in dieses Fahrwasser geraten und man hält sich zurück und zu unseren Gunsten. Vielleicht unverdient.“
- 16. Schier-Gribowsky: "Im allgemeinen, meine Damen und Herren, finden die Begegnungen zwischen Juden und Deutschen in Jerusalem nicht in einem improvisierten und geräuschvollen Fernsehstudio statt. Wer guten Willens ist, kann hier in Jerusalem immer Gelegenheit finden zu einem Gespräch mit Juden. Erst gestern hatten wir einer Einladung des israelischen Presseamtes Folge geleistet, Gelegenheit bei einer israelischen Familie zu weilen und als uns die Hausfrau am Eingang begrüßte, sprachen wir nur englisch. Plötzlich trat ein etwas rundlicher Herr auf mich zu, begrüßte mich in perfektem Deutsch, nahm mich an der Hand und führte mich und meine Kollegen in die Ecke eines Salons und fragte: 'Was wünschen sie zu trinken? Wehrmut? Gut, ich habe eine Frage an Sie’, sagte der etwas rundliche Herr. 'Ich stamme aus Mainz und bin 1936 nach Palästina ausgewandert. Und stellen Sie sich vor! Jetzt habe ich nach siebenlangen Jahren meinen Widergutmachungsantrag von der Bundesrepublik bewilligt bekommen.’ 'Sieben Jahre’ sagte ich etwas skeptisch. 'Sieben Jahre! so lange dauert es bis die Bundesrepublik einen Widergutmachungsantrag bewilligt.’ 'Lange?’, sagte der rundliche Herr, 'ich bin froh, dass alles gut gegangen ist, denn ich hatte doch keine Unterlagen, keine Dokumente, gar nichts hatte ich. Und die Bundesrepublik verlangte einen Zeugen. Man stelle sich vor, mein Rechtsanwalt hat einen Zeugen aufgetrieben. Es ist ein alter Freund von mir. Ein Deutscher aus Mainz, der erst vor nicht allzu langer Zeit aus russischer Gefangenschaft zurück gekehrt ist. Und jetzt ist alles schnell gegangen, es hat alles geklappt. Und stellen sie sich vor, ich habe sogar schon das Geld. Und jetzt meine Herren habe ich eine Frage an Sie? Was werde ich mit dem Geld machen, können Sie das erraten?’ Ich dachte etwas nach und sagte, 'Natürlich sie werden sich ein kleines Geschäft in Jerusalem eröffnen.’ 'Nein, ich will wieder nach Deutschland zurück. Aber wissen Sie...’, und da zögerte der etwas rundliche Herr, sah mich scharf an und sagte: 'Aber sie als Journalist, Sie müssen mir die Wahrheit sagen, ungeschminkt. Sie müssen es nämlich wissen.’ 'Ja bitte?’ 'Kann man als Jude wieder nach Deutschland gehen?’ 'Man kann’ sagte ich.“
=== Erschließung durch Rebecca Donauer, Mainz, redigiert |